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Im Vorwort zur 10. Auflage äufserte ich die Absicht, eine gröfsere Zahl von Versen, die in der einen oder andern Beziehung Anstofs gaben, beseitigen zu wollen. Ich nannte damals als solche (Zählung nach der 10. Auflage) 4, 303–306. 8, 65. 11, 153-173 (es war 150-174 zu nennen). 17, 74. 87. 91. 20, 26. 240. 25, 80. Ich habe diese Verse jetzt sämtlich entfernt, aufserdem 3, 45 f. 7, 134. 16, 78-83. 143 f. 310-313. 329. 333 f. 19, 34. 20, 110. 216-220. 250. 283 f., die schon in Merkels Ausgabe eingeklammert waren, ferner 5, 28. 3, 576. 7, 68. 16, 26–28. 20, 149. 23, 95 f., die Merkel jetzt für unecht hält, 20, 26, der von Bentley, und 25, 80, der von Korn getilgt wird, endlich 14, 65, den ich selbst als unecht erkannt zu haben glaube (inflataque colla tumescunt steht mit dem gleich folgenden colla intercepta videntur in unlösbarem Widerspruch; iam ist ein Flickwort ohne Sinn; der Vers trennt convicia in störender Weise von maledicere; endlich lässt sich nachweisen, dafs raucus für die Stimme des Frosches ein ungeeignetes Epitheton ist). Ich darf zuverlässig hoffen, dafs niemand diese Verse vermissen werde, vielmehr wird man die Beseitigung der störenden Elemente angenehm empfinden; auch ist mir schon mehrfache Zustimmung zu Ohren gekommen (vgl. Philol. Anz. IX 460).

Auf Wunsch der Verlagshandlung habe ich die in die preufsischen Schulen eingeführte Rechtschreibung angenommen. Das Reg. I, das die Abweichungen von Merkels Text verzeichnet, ist jetzt auf beide Hefte verteilt worden.

Dresden, im Juni 1880.

FPolle.

Einleitung.

P. Ovidius Naso ward am 20. März des Jahres 711 nach Erb. Roms (43. v. Chr.) zu Sulmo (jetzt Sulmona) im Lande der Päligner geboren, in einer fruchtbaren und besonders weinreichen Gegend des mittleren Italien östlich von Rom. Seine Geburt fällt in die Zeit der Kämpfe, die der Ermordung Julius Cäsars folgten. Der Wahn, den dessen Mörder hegten, dafs es nur der Wegräumung des Alleinherrschers bedürfe, um der gealterten und schon längst in ihren Grundfesten untergrabenen Republik die frühere Freiheit zurückzugeben, hatte sich sofort als irrig erwiesen. Zwar ward M. Antonius, der zunächst der Erbe von Cäsars Macht zu werden hoffte, vorzüglich auf Betrieb des greisen Cicero vom Senate endlich für einen Feind des Vaterlandes erklärt, und von dem Konsul Hirtius bei Mutina geschlagen (am 27. April 711); allein, nachdem beide Konsuln (der andere Konsul Pansa war bei Forum Gallorum am 15. April tötlich verwundet worden) ihren Tod gefunden hatten1), verband sich der schlaue Octavianus, der Enkel von Cäsars Schwester und Adoptivsohn desselben, mit M. Antonius und Lepidus zu dem Triumvirate, durch welches die alte Republik und deren Verfechter den Todesstofs erhielten.

Wir hören nicht, dass die Familie Ovids in diese politischen Wirren verwickelt gewesen sei. Dieselbe gehörte seit uralter Zeit dem Ritterstande an, zählte also unter die angeseheneren und wohlhabenderen des Staates 2). Der Vater war ein nüchterner und auf das Praktische gerichteter Mann, der das hohe Alter von 90 Jahren erreichte, und erst kurz vor der Verbannung seines Sohnes starb3). Er hatte aufser Publius noch einen Sohn, der gerade um ein Jahr älter war; doch starb

1. In Bezug hierauf sagt Ovid in der 10. Elegie des IV. Buches der Tristien, die uns einen kurzen Abrifs seiner Lebensschicksale giebt (3 ff.): Sulmo mihi patria est, gelidis uberrimus undis, Milia qui noviens distat ab Urbe decem.

Editus hinc ego sum, nec non ut tempora noris,
Cum cecidit fato consul uterque pari.
2. ex Ponto IV 8, 17 f.
Seu genus excutias, equites ab origine prima
Usque per innumeros inveniemur avos.
3. Trist. IV 10, 77 ff.

Et iam complerat genitor sua fata, novemque
Addiderat lustris altera lustra novem.

dieser schon nach zurückgelegtem zwanzigsten Lebensjahre. Der Sitte gemäfs wurden beide Brüder frühzeitig nach Rom geschickt, um daselbst in den Rechts- und Staatswissenschaften, so wie in der Beredsamkeit unterrichtet zu werden, und sich so für den höheren Staatsdienst vorzubereiten; allein schon jetzt zeigte sich sehr entschieden die Hinneigung des Jüngeren zur Poesie, was er uns selbst auf eine sehr anmutige Weise schildert (Trist. IV 10, 15 ff.):

Protinus excolimur teneri, curaque parentis

Imus ad insignes Urbis ab arte viros.
Frater ad eloquium viridi tendebat ab aevo,
Fortia verbosi natus ad arma fori.
At mihi iam puero caelestia sacra placebant,
Inque suum furtim Musa trahebat opus.
Saepe pater dixit: Studium quid inutile temptas?
Maeonides) nullas ipse reliquit opes.'
Motus eram dictis, totoque Helicone relicto
Scribere conabar verba soluta modis.
Sponte sua carmen numeros veniebat ad aptos,
Et quod temptabam dicere, versus erat.

Ovids Lehrer in der Redekunst waren die Rhetoren Arellius Fuscus und M. Porcius Latro, in deren Schulen er auch an den üblichen Redeübungen (declamationes) teilnahm. Der künftige Dichter verriet sich auch hierbei, wie der Rhetor Seneca berichtet (controv. II 11): Memini me videre Nasonem declamare apud rhetorem Arellium Fuscum, cuius auditor fuit. Oratio eius iam tum nihil aliud poterat videri quam solutum carmen. In Bezug auf Latro erzählt derselbe Schriftsteller, dafs Ovid viele von dessen Sentenzen in seine Verse übertragen habe.

Unerlässlich war damals für einen Mann von Bildung eine genaue Kenntnis der griechischen Sprache und Litteratur, zu deren gründlicherem Studium sich die meisten jungen Leute aus wohlhabenderen Familien nach Griechenland selbst, hauptsächlich nach Athen zu begeben pflegten. Auch Ovid, nachdem er kurz vorher die toga virilis angelegt hatte, unternahm im Alter von etwa siebzehn Jahren diese Studienreise 5), und besuchte dann von Athen aus in Begleitung seines älteren Freundes, des Dichters Macer), einen Teil von Asien, so wie die Insel Sicilien, auf welcher er fast ein Jahr lang ver

4. Maeonides ist Homer, der nach Einigen aus Lydien (Maconia) stammen sollte.

5. Trist. I 2, 77 Nec peto, quas quondam petii studiosus, Athenas.

6. Dieser schrieb Antehomerica

und Posthomerica, die nicht mehr vorhanden sind, und lebte noch zur Zeit der Verbannung Ovids. Er ist nicht mit dem Anm. 12 erwähnten Ämilius Macer aus Verona zu verwechseln.

weilte"). Die Gesammtdauer seiner Abwesenheit mochte gegen drei Jahre betragen, und der Reichtum von Anschauungen und mannigfaltigen Anregungen der Phantasie, welche ihm der Besuch so vieler berühmten Orte und Gegenden bot, so wie die auf dieser Reise erweiterte Kenntnis der griechischen Litteratur, besonders ihrer Dichterwerke, mufste auf die Entwickelung seines eigenen Dichtergenius den entschiedensten Einfluss ausüben.

In seinem zwanzigsten Jahre nach Rom zurückgekehrt trat er nach einander in einige der niederen Ämter ein, womit gewöhnlich junge Männer seines Standes ihre staatsmännische Laufbahn eröffneten. Er ward einer der triumviri capitales, denen die Untersuchung und Bestrafung der von Fremden und Sklaven in Rom begangenen Verbrechen und die Anordnung der zu vollziehenden Todesurteile oblag). Ferner verwaltete er die richterlichen Ämter eines centumvir und eines decemvir stlitibus iudicandis). Erstere, die centumviri- eigentlich waren es 105, da aus jeder der 35 Tribus 3 gewählt wurden hatten unter der Oberaufsicht des Prätors die Entscheidung über Privatangelegenheiten, während die decemviri teils die Centumviralgerichte beriefen und leiteten, teils in gewissen Fällen dem Prätor zur Seite standen.

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Obwohl er sich nun das Zeugnis giebt, die genannten Ämter tadellos verwaltet zu haben, so trat doch jetzt in dem durch seine Reise so mächtig angeregten jungen Manne der dichterische Drang und die Sehnsucht nach dessen ungestörter Befriedigung immer unwiderstehlicher hervor, so dafs ihm die trockene praktische Thätigkeit eines richterlichen oder ähnlichen Staatsbeamten unmöglich länger als ein erwünschtes Ziel gelten konnte. Zudem traute er sich selbst nicht den genügenden Grad körperlicher Kraft und geistiger Energie zu, um die Anstrengungen, welche die Verwaltung der höheren Staatsämter und die Bewerbung um dieselben erforderte, zu überwinden. Und so entschlofs er sich der weiteren Verfolgung dieser Laufbahn zu entsagen, die Tunica mit breitem Purpursaum (tunica laticlavia), welche aufser den Senatoren damals noch die jungen equites inlustres (Ritter aus alter Familie

7. ex Ponto II 10, 21 ff.

Te duce magnificas Asiae perspeximus urbes ;
Trinacris est oculis te duce nota meis.
Vidimus

Aetnaea caelum splendescere
Лamma,
Suppositus monti quam vomit ore gigans;
Hennaeosque lacus et olentis stagna Palici,
Quaque suis Cyanen miscet Anapus aquis.
Nec procul hinc Nympha est, quae, dum fugit
Elidis amnem,

Tecta sub aequorea nunc quoque currit aqua.
Hic mihi labentis pars anni magna peracta est.

8. Trist. IV 10, 33 f.

Cepimus et tenerae primos aetatis honores,
Deque viris quondam pars tribus una fui.
9. Trist. II 93 ff.

Nec male commissa est nobis fortuna reorum
Lisque decem deciens inspicienda viris.
Res quoque privatas statui sine crimine iudex,
Deque mea fassa est pars quoque victa fide.
Fast. IV 884.

Inter bis quinos usus honore viros.

von senatorischem Census) tragen durften, die sich auf senatorische Ämter vorbereiteten, abzulegen und, zufrieden, mit dem schmalen Purpurstreif, der das Abzeichen des Ritterstandes war, sich von nun an ganz dem Dienste der Musen zu widmen. Seine eigene Äufserung hierüber ist (Trist. IV 10, 35 ff.):

Curia 10) restabat: clavi mensura coacta est;
Maius erat nostris viribus illud onus.
Nec patiens corpus nec mens fuit apta labori,
Sollicitaeque fugax ambitionis eram.
Et petere Aoniae 11) suadebant tuta sorores
Otia iudicio semper amata meo.

Nicht ohne Einfluss auf diesen Entschlufs des Dichters waren auch unstreitig die damaligen Zeitverhältnisse. Bereits zehn Jahre früher (723 n. Erb. R., 31 v. Chr.) hatte Octavianus den letzten und mächtigsten seiner Nebenbuhler, den M. Antonius in der Schlacht bei Actium überwunden. Seitdem herrschte er unbestritten, obwohl unter scheinbarer Fortdauer der alten republikanischen Formen, indem er sich nach und nach aufser dem Ehrentitel Augustus sowohl die einflussreichsten Staatsämter wie eines Imperator, Consul, Praefectus morum, Pontifex maximus, als auch die Verwaltung der wichtigsten Provinzen für die Dauer übertragen liefs. War es ihm nicht schwer, durch Mäfsigung, Leutseligkeit und Freigebigkeit, namentlich durch mannigfaltige Schauspiele und Spenden dem grofsen Haufen seine Herrschaft annehmbar zu machen, so schien es dagegen eine schwierige Aufgabe, den Edleren und Gebildeteren der Nation eine neue Bahn des Strebens zu eröffnen, auf welcher sie der grofsartigen politischen Wirksamkeit, die einst das Ziel ihrer Vorfahren gewesen war, leichter vergessen konnten. Doch bot sich ihm hierzu in der damaligen Richtung der Geister von selbst das geeignete Mittel. Es herrschte nämlich unter jenem Geschlecht nicht mehr der Thatendrang und der praktische Sinn der alten Römer; dagegen machte sich bei einer gewissen Hinneigung zum ruhigen und behaglichen Lebensgenusse, welche dem Einflusse der epikureischen Philosophie entstammte, ein lebhafter Drang nach Erweiterung des Wissens, nach Beschäftigung mit der Litteratur und Kunst der Griechen und nach Verpflanzung derselben auf römischen Boden immer allgemeiner geltend. Indem es sich daher Augustus eifrig angelegen sein liefs diese Bestrebungen zu fördern und zu pflegen, und indem die ihm zunächst stehenden und angesehensten Männer des Staates, ein Mäcenas, M. Vipsanius

10. Dh. die Bewerbung um_die höhern Ämter, welche zu dem Eintritt in den Senat berechtigten,

dessen Versammlungsort die curia

war.

11. S. Aonides in Reg. II.

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