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Prisca iuvent alios; ego me nunc denique natum

Gratulor; haec aetas moribus apta meis.
Non quia nunc terrae lentum subducitur aurum ;

Sed quia cultus adest, nec nostros mansit in annos

Rusticitas priscis illa superstes avis. Er dichtete für das feingebildete Publikum der weltbeherrschenden Stadt und erwarb sich in dieser Richtung eine unübertroffene Meisterschaft. Das Studium der griechischen Klassiker und besonders der alexandrinischen Dichter begründete bei ihm eine massvolle Kunstform.

Wenn wir daher den sittlichen Ernst der republikanischen Zeit und eine strenge Kritik bei Ovid vermissen, so erklärt sich ersteres aus der Umgestaltung der staatlichen Verhältnisse, letzteres aus der Richtung seines Talentes. Reichliche Phantasie, klare Lebensanschauung, tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens, gewandter Witz, geistreicher Ton und unversiegbare Laune, lange seine Lebenslage ungetrübt war, eine ausserordentliche Vollendung der Form und Leichtigkeit des Versbaues, Kraft und Wohlklang der Rhythmen entschädigen reichlich dafür und machen ihn zum Liebling der damaligen wie der jetzigen gebildeten Welt.

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II. Ovids Metamorphosen.

i. Die Metamorphosen (ueta poppoosis, mutatae formae) des Ovid in 15 Büchern waren schon vor Beginn seiner Verbannung vollendet, wenn auch die letzte Feile noch nicht angelegt war. Sein eigenes Exemplar gab der Dichter im Unmut über sein Missgeschick und, weil er der Nachwelt nichts Unvollendetes hinterlassen wollte, den Flammen preis, doch blieb das Werk glücklicher Weise durch Abschriften in den Händen seiner Freunde erhalten.

2. Die Metamorphosen gehören der poetischen Erzählung, einer Unterart des Epos, an und tragen unverkennbar die Spuren der gelehrten Richtung und der rhetorischen Bildung seiner Zeit, wie sie von den Alexandrinern begründet und von den Römern geliebt war.

3. Den Stoff des Werkes bildet eine Reihe von Mythen aus der griechischen und italischen Mythologie, in denen Verwandlungen

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vorkommen, von der Schöpfung beginnend und mit der Vergötterung des Julius Caesar abschliessend. Diese Mythen enthalten teils Umbildungen lebloser Gegenstände, z. B. des Chaos in ein geordnetes Weltall, teils Verwandlungen derselben, z. B. der Steine zu Menschen, teils Verwandlungen von Menschen zu Steinen, Pflanzen, Quellen, Tieren, Sternen u. s. w. Solche Verwandlungen an Menschen nahmen die Götter meistens zur Bestrafung, oft auch zum Schutze vor Gefahren oder zur Befreiung von unsäglichen, nie endenden Schmerzen, bisweilen auch zur Belohnung ausgezeichneter Verdienste vor.

Cura pii dis sunt, et qui coluere, coluntur. VIII 724.

Den Glauben an Verwandlungen teilt die griechisch-römische Mythologie mit der Religion anderer Völker, namentlich der Inder und Germanen; denn in ihrem innersten Wesen liegt er begründet, in der Überzeugung von dem Dasein einer über uns waltenden Macht, die allen Übermut und Frevel bestraft, dagegen die Guten, ihre Lieblinge, beschützt, in der Überzeugung endlich, dass alles Irdische, selbst der höchste Glanz und das grösste Glück vergänglich und flüchtig sei.

Nur war das Märchen der Alten mit ihrer Religion, ihren Sitten und Einrichtungen, mit den Erscheinungen der Natur und ihres Landes inniger verwachsen, als das Märchen der Neuzeit. Ferner treten an die Stelle der antiken Götter im germanischen Märchen Zauberer und Feeen. Endlich bleibt der Zustand der Verwandlung im alten Märchen für alle Folgezeit, während die Verzauberungen in unserem Märchen sich gewöhnlich lösen.

Die Veranlassung zur Entstehung solcher Mythen wurde häufig gegeben durch auffällige Gebilde der Natur, Ähnlichkeiten von Felsen und Bergen mit lebenden Wesen, oft auch durch Deutung von Namen oder durch blosse Wortspielereien.

4. Dieser so entstandenen Sagen bemächtigten sich die griechischen Dichter und Mythographen, bildeten sie um und schmückten sie poetisch aus. Wenn nun auch zugegeben werden muss, dass Ovid solche griechische Muster reichlich benutzt hat, so hat er doch die Stoffe in origineller Weise aus seinem Innern herausgebildet und in eine durch Studium gebildete Form gekleidet, so dass es nutzlos wäre, im einzelnen nachzuweisen, welche Arbeit eines griechischen Dichters er bei jeder Metamorphose vor Augen gehabt habe.

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Im allgemeinen möge hier nur bemerkt sein, dass die Śteροιούμενα des Nicander von Colophon, die μεταμορφώσεις des Parthenius, des Lehrers des Vergil, wie auch die Gedichte des Vergil auf seine Mythen nicht ohne Einfluss gewesen sind. Dazu kam eine reichliche Ausnutzung der italischen Sagen.

5. Die Reihenfolge der Ovidischen Metamorphosen hält sich hauptsächlich, wenn auch nicht strenge, an die Chronologie. Allein die Reihenfolge der Zeit ist nur ein äusseres, lockeres Band, kein enges und inneres. Die Grundidee, die sich durch das ganze Werk zieht und aus jedem Mythus wie eine ernste Mahnung wiederklingt, ist die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen und Menschlichen. Doch ist es bei dem auf das äussere Sinnliche gerichteten Geiste des Dichters nicht zu verwundern, dass eine Deutung der Mythen am Ende jeder Erzählung vergeblich gesucht wird. Diese sittlich ernste Seite seiner Stoffe nach aussen zu kehren lag vielmehr seinem Plane ganz fern.

6. Trotz der Schwierigkeit einer chronologischen Reihenfolge und, trotzdem er den allen Mythen gemeinsamen Grundgedanken verbirgt, hat der Dichter es doch mit unverkennbarer Meisterschaft verstanden, sein Werk zu einem zusammenhangenden Gedichte (perpetuum carmen) zu machen und die einzelnen Sagen auf die mannigfaltigste, kunstvollste, nicht selten überraschendste Weise zu verknüpfen. Wenn nichts desto weniger die Übergänge von der einen Erzählung zur anderen bisweilen nur eine ziemlich lockere Verbindung herstellen, so ist dies teils durch die nach Zeit und Ort so grosse Verschiedenartigkeit der Stoffe zu entschuldigen, teils aus dem Umstande zu erklären, dass die Ungunst der persönlichen Verhältnisse den Dichter verhindert hat, die letzte Hand anzulegen.

7. Mit dieser Kunst in der Verbindung der einzelnen Sagen vereinigt das Werk Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit der Erzählung, reiche Phantasie, Leichtigkeit des Versbaues und der Sprache, Vorzüge, die ihm einen eigentümlichen Reiz verleihen und es vor allem, was die antike Muse in dieser Gattung geschaffen hat, besonders empfehlenswert machen. Daher waren und blieben Ovids Metamorphosen immer das beliebteste Fabel- und Lesebuch des Publikums und erfreuten sich das ganze Mittelalter hindurch der besonderen Gunst der Gelehrten und Studierenden bis auf unsere Tage hin. Unsere Dichter bildeten sich an der klaren und anschaulichen Darstellung. Goethe hebt sie an verschiedenen Stellen

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rühmend hervor. Hervorragende Künstler, Maler und Bildhauer wählten ihre Objekte aus diesem Werke und behandelten sie mit Glück. Daher konnte der Dichter in prophetischem Geiste ohne Überhebung dem Werke die Schlussworte beifügen des Inhaltes: „Ein Werk habe ich vollendet, das nicht Juppiters Zorn, nicht Feuer, nicht Schwert, nicht die alles vernichtende Zeit zerstören wird. Und wenn der Tod meinem Leben ein Ende setzen wird, wird mein Rubm zu dem Sternenzelte dringen und mein Name unsterblich sein.“

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METAMORPHOSEON

LIBER I.

1. Einleitung. v. 1--4.
In

nova fert animus mutatas dicere formas
Corpora. Di, coeptis nam vos mutastis et illas
Adspirate meis, primaque ab origine mundi
Ad mea perpetuum deducite tempora carmen.

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2. Die Schöpfung. v. 5–88.

a) Schilderung des Chaos. 5 Ante mare et terras et, quod tegit omnia, caelum Unus erat toto naturae vultus in orbe, Quem dixere Chaos: rudis indigestaque moles, Nec quicquam nisi pondus iners congestaque eodem

Non bene iunctarum discordia semina rerum. 10 Nullus adhuc mundo praebebat lumina Titan,

Nec nova crescendo reparabat cornua Phoebe,
Nec circumfuso pendebat in aëre tellus
Ponderibus librata suis, nec bracchia longo

Margine terrarum porrexerat Amphitrite.
15 Utque erat et tellus illic et pontus et aër,

Sic erat instabilis tellus, innabilis unda,
Lucis egens aër. Nulli sua forma manebat,
Obstabatque aliis aliud, quia corpore in uno

Frigida pugnabant calidis, umentia siccis,
20 Mollia cum duris, sine pondere habentia pondus.

b) Scheidung der Elemente. Hanc deus et melior litem natura diremit; Nam caelo terras et terris abscidit undas

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