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DAS ADJECTIV IN DEN NIBELUNGEN.

VON

ADOLF HOLTZMANN.

Es hat mich oft gewundert, daß der vierte Band der Grammatik mit seinen überraschenden und großartigen Entdeckungen noch so wenig zu besondern Arbeiten über den syntactischen Gebrauch einzelner Schriftsteller gereizt hat. Wenn schon für die Formenlehre der Fleiß eines Mannes kaum ausreicht, so ist für die Syntax, die nur aus der Beobachtung aller Fälle hervorgehen kann, eine Theilung der Arbeit geradezu nothwendig. Für den Meister müssen die Jünger die Masse des Stoffes zubereiten.

Im Folgenden soll dargelegt werden, wie sich das Adjectiv in den Nibelungen und in der Klage verhält in Bezug auf starke, schwache und abgeworfene Flexion.

I. VORAUSGEHENDES ADJECTIVUM 1) OHNE ARTIKEL steht es immer stark. Für alle Casus zahlreiche Beispiele; daher hier keine Belege. Die Ausnahmen sind selten oder nur scheinbar. 116, 1 in vil grimmen muote; aber C hat grimmē, D grimmem; es ist zu bessern. 219,1 mit gemeinen râte C gegen alle andern, ist als Schreibfehler zu betrachten.

Lachmann behauptet zwar zu (856), daß in den Nibelungenhandschriften das Adjectiv im Masculinum und Neutrum nach der Präposition sehr häufig schwach decliniert erscheine. In den guten Handschriften sind solche en statt em so selten, dass sie als Schreibfehler angesehen werden müssen ; nur die Handschrift h, die nicht in Betracht kommt, hat sie öfter, und in A sind sie nicht selten. Lachmann verlangt en z. B. (860), 1 gegen alle Handschriften zu Gunsten einer seiner metrischen Grillen.

GERMANLA VI.

1

Kl. 2988 von lieben (CBA, liebem D) ougen blicke. Der Schreibfehler erklärt sich aus dem gewöhnlichen Plural (295, 3. 1708, 1), an den die Schreiber zuerst dachten.

1208, 1 des kiniges næhsten mâge ist richtig, weil der Superlativ nicht ohne Artikel stehen könnte, wenn der Genitiv nicht vorausgegangen wäre.

1258, 2 waz mag ergezzen leides, wan vriuntlîche liebe , swer die kan begân. Nur J hat friuntlîchiu. Es ist ein sehr schöner Fall von Attraction ; liebe ist zwar der Nominativ zu mag ergezzen, steht aber als Accusativ, wie das folgende die. Ganz ebenso 2401, 2 iuch möhte wol gezemen den fride mines herren, ob ir den ruochet

nemen.

1625, 4 liebiu more versteht sich von selbst statt des Fehlers.

Nicht einmal der Vocativ macht eine Ausnahme; er liebt zwar von Alters her die schwache Flexion des Adjectivs, sieh Gr. 4,559; aber in unserm Lied zeigt er immer starke, wo nicht ein Pronomen oder Artikel vorhergeht. 16, 1 vil liebiu frouwe mîn ! 52, 1 vil lieber vater mîn! 228, 2 vil edeliu kiniginne: 2037, 2. 290, 3 lieber bruoder! 1872, 4 snelle degene! 766, 2 liebe friunde! B C, lieben die andern. Daher auch 1532, 1 vil lieben boten mîn aus a in liebe zu bessern ist, wenn nicht vielleicht das vorhergehende beide die schwache Form entschuldigt. Kl. 1855 tugenthafter man! 2034 vil küener recke Gêrnôt! 2153 mit dir, vil tugenthafter man! 3038 vil liebiu tohter! 3205 edeliu marcgrâvin !

Es ist also die schwache Form nicht gestattet, außer wo sie durch ein vorhergehendes Pronomen verlangt wird, wovon unten. In 1982, 2 ir seht wol, edelen knehte! (wo jedoch A edel hat) steht zwar ir nicht unmittelbar vor dem Adjectiv, ist aber doch die Veranlassung der schwachen Form edelen.

Es steht also die Regel fest, daß das freie Adjectiv immer stark, nie schwach, decliniert. Dagegen ist die unflectierte Form im Nominativ und auch im Accusativ nicht selten. Und zwar Fälle des Neutrums Sing. wie guot gemach, guot gewant, zierlich gewant bedürfen keiner Erwähnung. Im übrigen scheint sich diese Form auf gewisse Fälle und Wörter zu beschränken. Zuerst im Vocativ. 1299, 1 vil edel Riedegêr! 2353, 3 edel ritter kilene ! 2275, 3 vil edel kiene man! (Sing.)

Kl. 1605 vil tiwer degen guoter! 1810 vil guot swert! 3150 edel marcgrâvin !

Im Nom. und Acc. Plur. Neutr. erscheint niuwe unflectiert. 87, 1 er bringet niuwe mære. 1460, 1 niuwe (niwiu B) mære koment. 327, 1 iteniuwe (iteniwiu A) mære sich huoben. 1394, 4 iteniuwe kleit. (Accus.)

Gern bleibt grôz unflectiert. Ich stelle hierher auch Fälle mit vorhergehendem Pronomen. Nicht nur im Neutrum 681, 2 grôz wunder, 897, 4 grôz gesinde, 1272, 3 grôz itewêze, sondern auch im Mascul. Kl. 3519 grôz gedranc und im Femin. 868, 2 iuwer grôz unschulde ; 894, 4 grôz genade hân ; 1293, 1 grôz genade jehen; 1220 heten grôz unmuoze. Kl. 552 grôz triuwe, 576; aber auch 677, 1 sîn grôziu sterke, Kl. 3491 grôziu ungehabe; 561 grôziu sünde. Sogar im Dativ unflectiert 675, 3 mit iuwer grôz unfuoge In 1190, 2 wart vil grôze danken getân ist grôze Adverbium.

Weitere merkenswerthe Fälle der abgeworfenen Flexion sind 1784, 1 Ca daz ist verlorn arbeit. 599, 3 da waren sîdîn hütten.

1192, 4 diu sol hie zen Hiunen gewaltec kuniginne sîn. 1384, 2 gesaz

2 úf rîche gesidele, was vielleicht ein Fehler ist für rîchez oder rîchem.

Der Gebrauch des unflectierten ander ist im Wörterbuch verzeichnet. Nachzutragen ist der Dativ ander nieman 1153, 4.

Ebenso lieben die Comparative unflectierte Form, nicht nur im Neutrum 718, 2 rîcher gewant, 575,4 bezzir pferitgereite, 1159, 4 getriuwer wîp, Kl. 854. 1463, 3 verre rîcher wat – sondern auch im Accus. Masc. Kl. 92 tugenthafter frouwen lip niemen vant;

2 bezzer schilt deheinen, wo jedoch N bezzeren.

jedoch N bezzeren. Es durfte also auch 108, 2 daz man kunic deheinen kiener habe gesehen, stehen bleiben, und ebenso 1878, 2 küener videlære im Accus. nach C. Doch steht flectiert Kl. 2185 deheinen kienern man; und natürlich ohne Subst. 2115, 4 einen bezzern, Kl. 2048 ein bezzerz. Der Nominativ des Masc. 737, 4 antphanc rîcher, 1250, 4 ein hoher bote, 2173, 3 dehein bezzer wîn. Kl. 1441 kiener helt, 2004 niemen kiener, 2114 get degen. 68, 2 iemen übermieter. 836, 2 min man ist tiurer, 833, 2 (wo aber C tiw'r und tiurrer, B tiwerr, J tiurre), 472, 4 ein verre kreftiger man, Kl. 2275 getriuwer niemen.

Auch im Femin. Nom. 1417, 2 nie milter frouwe 1417, 3 deheiniu tiurer, 837, 2 ich wil wesen edeler. Accus. 1394, 3 dehein græzer.

Nomin. und Accus. Plur. 1429, 4 bezzer friunde. 2157, 4 kiiener degene. Kl. 1272 kiener helde. 2182. 2 bezzer degene.

In den meisten der angeführten Stellen kann die flexionslose Form von den flectierten starken, deren e verloren geht, nicht unter

1741,

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e

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schieden werden. Dagegen im Genitiv und Dativ ist die starke Flexion deutlich. 1189, 2 hæhers muotes. 2, 2 niht schoners. 924, 4 waz kiieners. Kl. 3574 niht bezzers. 960, 1 von bezzerm birsgewate. Kl. 797 von schonerme wibe.

Merkwürdig zeigt der Nominativ von deweder, ietweder schwache Form. 1876, 2. 2098, 1. 2425, 2: so ist also auch 183, 4 und 2276, 4 gegen die Handschriften zu lesen. Dagegen der Genit. ietwederes.

Sehr auffallend ist ein unflectierter Superlativ. 1773, 3 Sâfriden sluoc, sterkist aller recken, den Kriemhilde man. Lachmann zu (1671). hält sterkist für das schwach declinierte Neutrum, also eigentlich sterkiste. Es habe dieß beim masculinischen Genitiv keinen Anstoß gegeben. Ebenso Gramm. 4, 272. Es werden drei Beispiele beigebracht, die schwerlich hinreichen, um einen so auffallenden Sprachgebrauch zu erweisen. Das erste ist aus Otfrid 1, 22, 43 manno liobosta im Reim auf westa. Es beweist nichts, denn Otfrid setzt in der Reimsilbe Vocale und Consonanten ganz willkürlich, mit gänzlicher Verachtung der Grammatik; er hielt die deutsche Sprache für eine barbarische, die er nach Belieben misshandeln dürfe. So schreibt er z. B. 1, 5, 16 allero wibo | gotezeizosto, wo die jüngste Handschrift das grammatisch richtige zeizosta gegen den Reim setzt. Für die Grammatik dürfen die Reimsilben Otfrids nur mit der größten Vorsicht gebraucht werden.

Das zweite Beispiel ist aus Notkers Psalmen genommen. Bei Hattemer 1156 mors peccatorum pessima, dero sundigen tod der ist todo wirsesta. Aber in andern Fällen setzt Notker das richtige Masculinum; bei Hattemer 3, 1884 wihto wirsesto. 305* allero steino gruonesto. 339a tero goto chunnigosto. Und im Accusativ 318 orion der sirium sternon glatesten nah imo fuoret. Ebenso steht das richtige Femininum 188b kuotelosi, allero suhto wêlichosta; 3346 allero himilfrowon zimigosta. 359a allero diernon chiuskesta; 360 maia, athlantis tohterôn scônista. Ebenso richtig setzt Notker das Neutrum 177a alles ubiles meista; 225a allero dingo unrehtesta; 2251 allero dingo zaligosta; 3986 idcirco dicamus genus generalissimum, allero generum erchenôsta, et speciem specialissimam, allero specierum erchenosta, wo er für species im Deutschen ein Neutrum im Sinn hat. Danach kann es kaum zweifelhaft sein, daß das obige wirsesta einer der zahlreichen Schreibfehler der Handschrift der Psalmen ist; einer der auffallendsten dieser Fehler ist 74a unten wirdo ih statt wir dih. Das dritte Beispiel aus dem Leben Jesu der Frau Ava ist ohne alles Gewicht; Hoffmann Fundgruben 1, 146, 11 do gaben si im ze leste aller ruoch beste; man schreibe besten, da Reime wie leste : besten in diesem Denkmal ganz gewöhnlich sind.

Ein viertes, von Grimm und Lachmann nicht erwähntes Beispiel könnte man finden in dem Glossar Pa Diutisk. 223 Falarica, lancia magna quod est teli maximi, suuinspeoz, sper mihil daz ist scafteo maista ; und dieselbe Stelle in gl. K. bei Hattemer 175 daz ist s. cesteo (also scefteo) meista. Allein hier ist wahrscheinlich scafteo nicht das Mascul. scaft, sondern ein Neutrum scafti, welches in gl. K. in der Fortsetzung der Stelle erscheint, daz ist luzicu mera thane scefti edho phil; andere Stellen sehe man bei Graff, insbesondere aus Je schefti clizantiu als Nom. Plur. Übrigens zeigt in diesem Glossar der Superlativ öfters die Endung a statt o, vielleicht weil der Glossator zwar im Lateinischen das Masculinum schrieb, im Deutschen aber das Neutrum übersetzte; z. B. alle drei Exemplare Diut. 231, Hatt. 178 ferocissimus teorlihhosta, atrocissimus crimmista. Diut. 200 (Pa) u. Hatt. 166 pessimus wirsista, Pa 248 humilissimus aotmoatista, minimus minista. gl. K. 212 novissimus iunkista. 189 lucentissimus leohtosta, splendidissimus perahtista. Dagegen Pa 195 deterrimum fartunosto, wo aber Ra furtanosta, und gl. K. 164 firtanosta; und im Femin. Pa, 233 gratissima unerlihosto, Ra uuerdlihosto, aber gl. K. 179 uuerlihhosta. Das richtige o im Mascul. erscheint nicht selten, z. B. Diut. 175 celeberrimus tiurlihhosto, venerabilis aerwirdigosto; Hatt. 156. Es ist also in diesem Denkmal keine Genauigkeit.

Es ist also die angebliche Regel, daß der Superlativ des Adjectivs nach dem Genitiv des Masculinums im Neutrum stehe, ohne Begründung. Für unsere Stelle des Liedes müssen wir eine andere Erklärung suchen. Es ist nicht das Neutrum sterkiste, sondern das flexionslose Masculinum sterkist, das gerade so gebraucht wird, wie die flexionslosen Superlative beim Genitiv im Altsächsischen, sieh Gramm. 4, 502. Da dieser Gebrauch des flexionslosen Superlativs im Hochdeutschen unbekannt ist, so weist unsere Stelle, wie manch andere, auf ein niederdeutsches Original.

Es möge hier eine Abschweifung erlaubt sein. Es gilt für das Althochdeutsche die Regel Gramm. 4, 575: „Superlative finden sich nach vorausgehendem Genitiv Plur. gern in schwacher Form.“ Danach sollte man glauben, daß doch zuweilen der Superlativ nach

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