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Vorrede.

Die vorliegende Arbeit hat mich — daß ich es unumwunden bekenne — ein volles Jahrzehent meines Lebens gekostet, während dessen ich mich ihr ausschließlich und mit fast gänzlicher Hintansetzung aller andern Obliegenheiten hingab. Das hohe Interesse des Gegenstandes riß mich gefesselt fort. Wie mehr ich mich in ihn vertiefte, erkannte ich klarer seine unendlichen Verzweigungen nach allen Seiten, durch alle Wissenschaften, in jede Einzelheit deS praktischen Lebens, deö sinnlichen wie deS geistigen. So durchdrungen von dem Gefühle der weitumfassenden Bedeutung des erfaßten Stoffes fiel eS mir nicht schwer, mich ihm mit allem Nachdrucke zu widmen. Ist eS mir gelungen, viele bisher dunkle und verworrene Erscheinungen aufzuhellen und unter gemeinsamen theoretischen Gesichtspunkten in wissenschaftlichen Zusammenhang zu bringen, so verdanke ich dieß dem Reize, den die Besiegung jeder Schwierigkeit, den der Gewinn jeder neuen Aufhellung für den Naturforscher hat und der die Anstrengung und Ausdauer in Genuß und Gemüthserhebung verwandelt.

Die Aufgabe dieser Schrift ist die Darlegung einer weit verzweigten Untersuchung, nicht aber die Lieferung eines Lehrbuches, noch viel weniger eines Handbuches. Dieß möchte ich bitten beim Lesen einigermaßen gegenwärtig zu halten. So viel als thunlich habe ich mich zwar bemüht, den Gegenstand nach seinen verschiedenen Zweigen zu ordnen und das Gleichartige in Versuchen und Folgerungen zusammen zu bringen, so daß eine erträglich systematische Anordnung hat zu Stande kommen können. Jedoch hat dem historischen Charakter, den jede Darlegung von empirischen Untersuchungen zu tragen hat, die Herr schaft über den ganzen Vortrag eingeräumt werden müssen, und diesen fortdauernden Conflikt zwischen Systematik und Geschichte, der durch das ganze Werk hindurchgeht und die Abfassung vielfach erschwerte, hie und da auch eine Tautologie unabweisbar machte, wird ein kritischer Leser erkennen und dem Autor zu gute halten.

Mancher wird denken, daß ich mich in den Beweisführungen da und dort hätte kürzer fassen können, und im Allgemeinen genommen bin ich der Meinung, daß er Recht haben kann. Aber in meinem besonderen Falle muß auf die ungewöhnlichen Verhältnisse Rücksicht genommen werben. Ich bin von Gegnern so heftig angefallen worden, und man hat meine Sätze so gröblich bestritten, daß ich mehr als jeder andere Physiker in die Nothwenoigkeit gesetzt bin, meine Induktionen auf die breiteste Unterlage zu stellen und für jeden einzelnen Beweis, den ich zu führen habe, eine solche Menge von Thatsachen zusammen zu stellen, daß jeder Einwurf wo möglich bis an die Grenze, wo das Absurde beginnt, abgeschnitten ist. Daß ich nicht bloß mit unstichhaltiger, sondern wirklich mit ungereimten Angriffen mich zu zerkämpfen habe, weiß Jedermann, der unter Anderem nur Freiherrn von LiebigS sogenannte Eröffnungsrede seiner Vorlesungen an der Universität zu München zu Gesichte bekommen hat, die erst in den Zeitungen abgedruckt, dann in einer eigenen Ausgabe in die Oeffentlichkeit gebracht worden ist. Unter andern seichten Einwürfen sagte dieser dort, die „neue Odwisscnschaft habe keinen Eingang in die Naturforschung gefunden," fühlte aber nicht, daß gerade ihm von allen Menschen in der Welt am allerwenigsten eine solche Aeußerung auszusprechen zusteht, nachdem er selbst es ist, der diese neue Odwissenschaft in seinen Annalen der Chemie in zwei Heften vom März und Mai 1845 in daö Gebiet der Naturforschung eingeführt hat. Wenn das Od keinen festen Boden in der Natur und in den Thatsachen hat, die ich den Männern der Wissenschaft vorgeführt habe, wie kommt der Hr. von Lieb ig dazu, leeres und grundloses Geschreibsel in zwei Ertraheften der Welt vorzusetzen und sich damit bloßzustellen? Wenn er aber umgekehrt sich von der Gründlichkeit meiner Arbeiten überzeugt und ihr seinen Beifall gezollt hat, wie dieß nicht bloß durch seine Herausgabe von sieben meiner vdischen Abhandlungen in seiner Zeitschrift dargethcm, sondern auch durch Briefe, die ich von seiner Hand besitze, klar nachzuweisen ist, wie kommt er jetzt, wo die Thatsachen meiner Forschungen in viel höherem Grade gereift und festgestellt sind, als vor zehn Jahren, wie kömmt, sage ich, Hr. von Liebig jetzt dazu, die „neue Odwissenschaft" für unbegründet zu erklären? — Ein solches Benehmen ermangelt aller Konsequenz und alles Taktes, mich auf daö gelindeste auszudrücken.

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In dieser Rede sagt Hr. von Lieb ig „keine von allen Erscheinungen, die daö Od hervorbringen soll, sey von vorurtheilöfreien Personen „mit gesunden Sinnen jemals wahrgenommen worden; meine Sensitiven „seyen nicht im Stande, daö waS sie sehen und empfinden, aus sich „selbst heraus zu beschreiben u. s. w." Dieß zeigt, daß Hr. von Lieb ig entweder ohne Kenittniß meiner Schriften oder ohne literäre Treue spricht; denn in jenen sind ausgezeichnet gebildete Männer und darunter ruhmvolle Naturforscher als sensitive Beobachter aufgeführt, denen in Vorurtheilsfreihcit und in der Kunst sich auS sich selbst gut auszudrücken, eS nachzuthun, manchmal Hrn. von Lieb ig selbst nicht allzuleicht fallen dürfte. Der berühmte gelehrte Professor Endlicher, der kaiserliche Geheimerath, Prälat Freiherr von Schindler, letzter Präsident der Republik Krakau, der evangelische Superintendent Pfauer zu Wien, der Freiherr von Oberländer, die Grafen von Coronini, der königlich schwedische Leibarzt Dr. Huß zu Stockholm, die Professoren Unger, SchabuS, RagSky, Rösner, die Doktoren der Medicin Ekkard, Koller, Fröhlich, Stainer, Diesing, Kollar, der schweizerische Gesandte Hr. Steiger, der Fabriksherr Fichtner, der bekannte Dichter Hr. Alerander Baumann und so viele andere gelehrte sensitive Männer, von ausgezeichnet gebildeten Frauen, wie die Frau Generalin von Augustin, Frau von Littrow u. a. zu geschweigen, diese alle sollten nach Hrn. von Liebig vorurtheilövolle Personen, nicht bei gesunden Sinnen und unfähig seyn, das waS sie in der Dunkelkammer bei mir sahen und empfanden „auS sich selbst heraus zu beschreiben?" — Ich zweifle ob unter diesen Männern auch nur Einer sich findet, von dessen Arbeiten die Deutsche Volkshalle sagen würde, was sie von der Münchner Eröffnungsrede gesagt hat: daß man jeden Satz hätte herausnehmen und irgend einen andern dafür einschalten können, ohne dem Zusammenhange der Gedanken zu schaden. — Oder die Herren Kotschy, der zweimal im Herzen von Afrika gewesen, und jetzt nach Asien abgegangen ist, Ingenieur Major Philippi, der mehrmals den Erdball umschifft hat, vr. Natterer, der soeben vom rothen Meere zurückkommt, Luftfahrten gemacht, die lebensgefährlichsten GaSkondensationen* kühn unternommen hat, sollten nervenschwache Leute ohne gesunde Sinne

* Fortschritte der Physik, sechster und siebenter Jahrgang, S. 274.

seyn? Und solche — Uebereilmigen dem gebildetsten Theile des Münchner Publikums ins Angesicht zu sagen, trügt Hr. von Liebig kein Bedenken?

Und woher nimmt denn Hr. von Lieb ig so ganz die Gewißheit, daß die Sensitiven „nervenschwache" Leute sind, für die er meine Gehülfen ohne weiterS alle erklärt? Da könnte er in Gefahr kommen, mit einem seiner gewöhnlichen vorschnellen Urtheile zurückgewiesen zu werden. Die Sensitiven sind nervenreizbarer als Nichtsensitive, aber nicht nervenschwächer. DaS unterscheidet er nicht und verwechselt eö darum. Nirgends aber in der Physiologie steht geschrieben, daß Reizbarkeit mit Schwäche gleichen Schrittes gehe. Gerade im Gegentheil nimmt in der Regel die Reizbarkeit ab, wo die Schwäche zunimmt, folglich umgekehrt die Reizbarkeit gewöhnlich zu, wo Kraft und Stärke wachsen. Nicht auf schwacher Nerventhätigkeit beruhen die sensitiven Erscheinungen, sondern umgekehrt auf gesteigerter, erhöhter, stärkerer. Sensitive sind auf keine Weise schwach, sondern ner venstark, wenigstens in der Partie ihrer odischen Empfänglichkeit. Sie sind nicht darum sensitiv, weil sie krank sind, denn sonst müßte bald jeder Kranke sensitiv seyn, sondern weil ihre Nervenreizbarkeit erhöht ist, wozu man nicht nothwendig krank seyn muß, wie sich dieß an einer großen Anzahl meiner kerngesunden Sensitiven zeigt. AuS der Pathologie wissen wir, daß in vielen Fällen, wo daö vegetative Leben deprimirt erscheint, die Nerventhätigkeit gesteigert auftritt; dann leidet der Kranke örtlich in der vegetativen Sphäre, nicht aber wesentlich im allgemeinen Nervensystem. Dieses befindet sich in Ausreizung, ist zur vermehrten Thätigkeit aufgefordert, also affizirt, aber darum nicht nothwendig krank; im Gegentheile, auö der Gesundheit und Kraft des allgemeinen Nervensystems muß die Stärkung und Gesundheit der vegetativen kranken Gegend hergeholt werden. Die Sensitiven fühlen und sehen mehr, nicht weil sie schwach, sondern weil ihre Wahrnehmungsfähigkeit gesteigert, die Kraft ihrer Receptivität verstärkt ist. Ich habe männliche und weibliche Sensitive von einer auffallenden Nervenstärke vor mir und Hrn. von Liebig's Behauptung ist hier, ohne alle Prüfung und Erfahrung, willkührlich hingestellt und vollkommen Mißgriffen.

Dann versichert derselbe, daß „Personen, deren Nervensystem nicht „in vollkommen gesundem Zustande sich befinde, zum Beobachten „sich durchaus nicht eignen" und behauptet sofort, daß in Folge dessen

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