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Band XXIX. No. 9. 28. Februar 1885.

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Dass sogar eine im Patentanspruche vorkommende, auf die Zeichnung Bezug nehmende Buchstabenbezeichnung den Dolus bei objectiver Patentverletzung ausschliessen kann, hat eine andere Entscheidung des Landgerichtes I Berlin dargethan. Hier handelte es sich um ein mechanisches Musikwerk, bei dem ein als kreisförmige Scheibe ausgebildetes, um seinen Mittelpunkt drehbares Notenblatt auf eine Tastatur derart einwirkte, dass bei der Drehung des Notenblattes die mit Stiften versehenen Tasten gegen das Blatt streifen und hin und wieder Durchbrechungen finden, welche den Tastenstiften gestatten, durch das Notenblatt zu treten, was dann ein Ansprechen des betreffenden Tones zur Folge hat. Die Angeschuldigten hatten an Stelle der durchbrochenen Notenscheibe eine auf ihrer Unterseite mit Vorsprüngen versehene Notenscheibe angewandt, die natürlich denselben Zweck erfüllte. Das Gericht erkannte auf objective Patentverletzung, sprach die Angeschuldigten aber dennoch frei, weil es sich nicht davon überzeugt hielt, dass die Angeschuldigten der Rechtswidrigkeit ihres Thuns bewusst gewesen waren, und zwar wesentlich deshalb, weil in dem Patentanspruche durch Anführung des in der Zeichnung für die Notenscheibe benutzten Buchstabens der Glaube erweckt werden konnte, dass lediglich Notenscheiben der in der Zeichnung dargestellten Beschaffenheit, das heisst durchbrochene Notenscheiben, dem Sonstigen Inhalte des Anspruches entgegen, unter den Schutz des betreffenden Patentes fielen.

Aehnliche Rechtsverhältnisse liegen auch dem in Patentblatt 1882, No. 36, S. 89 bis 92 mitgeteilten Falle zu Grunde, woselbst ausgeführt wird, dass bei der objectiven Widerrechtlichkeit der Herstellung und Benutzung des betreffenden Apparates, der nur ganz unwesentlich von dem in der Patentschrift dargestellten Apparate abwich, nicht festgestellt werden konnte, dass die Angeklagten das Bewusstsein der Widerrechtlichkeit ihres Handelns hatten.

Bemerkenswert bei dieser Entscheidung des Reichsgerichtes ist ferner noch, dass das letztere den seitens der Angeklagten gestellten Antrag ablehnte, das dieselben bereits freisprechende

Fehlert, Die Bedeutung der Patentschriften, Patentansprüche und deren gerichtliche Entscheidungen. 167

Urteil aufzuheben und die Angeklagten wegen Mangels einer objectiven Patentverletzung freizusprechen. Dieser Entscheidung liessen sich noch eine Reihe anderer anschliessen, bei welchen stets Freisprechung der Angeklagten erfolgte, weil bei objectiver Patentverletzung der dolus nicht nachweisbar war, und in all diesen Fällen waren es ganz unwesentliche Abweichungen von den in der Patentschrift dargestellten und beschriebenen Einrichtungen und eine unklare Fassung des Patentanspruches, welche den Misserfolg herbeiführten, und die behandelten Fälle zeigen daher schon vollkommen, welche Anforderungen an möglichst umfangreichen Schutz gewährende Patentbeschreibungen und -Ansprüche zu stellen sind. «. Es genügt bei weitem nicht, dass die Erfindung entsprechend den Anforderungen des § 20 des Patentgesetzes dergestalt beschrieben ist, dass danach die Benutzung durch andere Sachverständige möglich erscheint, sondern es muss auch vor allen Dingen aus der Patentschrift für jedermann das Wesen der Erfindung klar erkennbar sein. In der Beschreibung selbst soll schon in unzweifelhafter Weise hervorgehoben werden, was an der betreffenden Einrichtung wesentlich, was nebensächlich und abänderungsfähig ist. Da in den meisten Fällen bekannte Teile zur Verwendung gelangen, so soll die Beschreibung dieser Teile völlig in den Hintergrund treten und nur soweit erwähnt werden, als sie zum Verständnisse der Wirkungsweise der neuen Organe, Einrichtungen oder Teile der Erfindung dienen. Endlich soll aber der Patentanspruch sich stets nur auf das Wesentliche der Erfindung beschränken und dieses Wesentliche auch in einer solchen Fassung enthalten, die den Inhalt des Patentes klar und unzweifelhaft erkennen lässt.

Jede Bezugnahme auf die Beschreibung, insbesondere aber die häufig beliebte Fassung »wie gezeichnet und beschrieben«, ist thunlichst zu vermeiden.

Es herrscht im Publikum und selbst bei Fachkreisen in dieser Beziehung noch vielfach die Ansicht, dass ein der Form nach umfangreicher Anspruch auch umfangreiche Rechte schaffe. Das Irrige dieser Annahme liegt auf der Hand und ist auch durch die angeführten und viele andere Rechtsfälle erwiesen. Gerade durch die Aufnahme von nebensächlichen, nicht unumgänglich notwendigen Details kann die Wirkung eines Anspruches oft ganz hinfällig gemacht werden.

Durch derartige nebensächliche in Anspruch stehende Teile wird den Nachahmern geradezu das Thor gezeigt, durch welches sie ungestraft in das Rechtsgebiet des Patentes hineinschlüpfen können. In dieser Beziehung führt Hartig in einem sehr verdienstvollen Aufsatz über Wert und Bedeutung

der Definition in der Verwaltung von Patentrechten) bei der

Besprechung der Abfassung von Patentansprüchen sehr richtig das Wort des Dichters an: »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.« Offenbar sind Patentansprüche um so weitgehender, je weniger Merkmale oder Elemente der zu schützenden Erfindung sie enthalten, und man muss daher einen Patentanspruch, der nur ein einziges Element enthält, vorausgesetzt natürlich, dass dieses auch das wesentliche und bei Ausübung der betreffenden Erfindung unumgänglich notwendige Element bildet, als den weitestgehenden bezeichnen. Durch jedes folgende Element wird die Bedeutung des Anspruches gemindert. Denn mit der Anzahl der Elemente, welche einer Einrichtung anhaften müssen, damit sie unter einen bestimmten Anspruch falle, wächst auch die Möglichkeit, dass einzelne Elemente ganz fortgelassen, durch andere ersetzt oder doch umgeändert werden können. Hieraus folgt, dass man bei der Abfassung der Ansprüche die Aufführung von Combinationen von alten mit neuen Teilen thunlichst zu vermeiden hat. Jeder sogenannte Combinationsanspruch bildet eine Klippe, an welcher die Verfolgung von Patentrechten nur zu leicht scheitern kann. Den Combinationsansprüchen sind vielmehr diejenigen Ansprüche vorzuziehen, in welchen einfach nur die neuen Elemente angeführt sind, welche bei der Gattung der betreffenden Einrichtungen oder eines Verfahrens Anwendung finden sollen. Dergleichen Combinationsansprüche werden noch häufig aufgestellt; sie enthalten oft

) Civilingenieur 1883, S. 309.

deutscher Ingenieure.

Teile, die mit einander gar nicht in Beziehung stehen, und solche Ansprüche bieten dann nicht den mindesten Schutz. Man sollte sich daher baldmöglichst von der noch aus der ausländischen, insbesondere der amerikanischen, Patentpraxis herrührenden Gewohnheit befreien, Combinationsansprüche aufzustellen, welche bei der Beurteilung der Patentrechte nur Verwirrung und Unklarheit mit sich bringen und stets zum Nachteile des Patentinhabers führen. In jedem Falle wird ein Combinationsanspruch stets nur ein Notbehelf bleiben, der ein höchst eingeschränktes Recht schafft, besonders, wenn er bekannte Teile enthält, es sei denn, dass wirklich nur in der angeführten Combination an und für sich bekannter Elemente das Wesen der Erfindung liegt. Bei der Beobachtung der angeführten Principien wird es auch stets

möglich sein, den besonders in der letzten Zeit im kaiserlichen Patentamte zu Tage getretenen Bestrebungen, die »technische Einheit« im Sinne des § 20 zu wahren, gerecht zu werden und Beanstandungen der Patentbeschreibungen zu vermeiden. Endlich wird man aber auch bei der Abfassung der Beschreibung gezwungen werden, diejenigen Abänderungen sich zu vergegenwärtigen, welche die Erfindung möglicherweise erleiden kann, und dieses Bestreben wird stets zur Aufklärung über die Ausführungsformen der Erfindung und das Wesen derselben beitragen und eine klare Darstellung zur Folge haben. Damit wird denn auch eine zuverlässige Grundlage für die Beurteilung des Patentes gewonnen, schwankenden Auffassungen begegnet und der Patentschrift diejenige Bedeutung erteilt, welche sie in Streitfällen besitzen soll.

Heizung und Lüftung.

Schöpfen und Reinigen der frischen Luft. Die Frage: wo und wie soll man die für Lüftungszwecke bestimmte Luft schöpfen? ist in jüngster Zeit wiederholt erörtert worden. Gottfried Stumpf besprach sie 1883 im Vereine für Gesundheitstechnik und hat nunmehr, um den betreffenden Vortrag nutzbarer zu machen, denselben im Gesundheitsingenieur 1884, S. 217 ff. veröffentlicht. Stumpf gelangt zu dem Schlusse, dass die Luftentnahme über Dach derjenigen in geringerer Höhe vorzuziehen sei, da in den höher liegenden Luftschichten eine grössere Luftreinheit erwartet werden müsse, als in der Nähe des Erdbodens. !) «s P. Käuffer legt in einem Aufsatze (Gesundheitsingenieur 1884, S. 198), welcher die zweckmässige Lage der Luftentnahmestelle behandelt, mit Recht grossen Wert auf den Einfluss des Windes, hervorhebend, dass bei ungeschickter Wahl der Schöpfstelle durch ungünstigen Wind nicht allein die erwartete Bewegung der Luft erheblich beeinträchtigt, sondern sogar in die entgegengesetzte Richtung gedrängt werden könne. In einem Erlasse des Unterrichtsministers (Centralblatt für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preussen, 1884, S. 177) wird darauf hingewiesen, dass bei Wahl der Luftschöpfstellen sowohl die zu erwartende Reinheit der Luft als auch die Beeinflussung der Entnahmeorte durch den Wind beachtet werden müssen. Ausdrücklich wird hierbei betont, dass man zu diesem Zweck oft mehrerer Kaltluftkanäle bedürfe. Denselben Gegenstand behandelte der Berichterstatter in einem Vortrage vor dem Architekten- und Ingenieur-Verein zu Hannover (Zeitschr. d. Arch.- und Ing.-Ver. 1884, S. 298). Nach Erörterung der Fragen: an welchen Stellen die reinste Luft zu erwarten sei bezw. die grösste Gewähr gegen störende Einflüsse des Windes geboten werde, gelangt der Berichterstatter zu dem Endergebnisse, dass je nach den örtlichen Verhältnissen der eine oder der andere Ort für die Anbringung der Luftschöpfstellen den Vorzug verdiene, dass also eine Entscheidung hierüber nur von Fall zu Fall getroffen werden könne; man habe unter mehreren Uebeln das kleinste zu wählen, In einer Anpreisungsschrift O. Wuttke's (Centralluftheizungsanlagen ohne Beiordnung von Centrifugalventilatoren, Berlin 1884, A. Seydel), erklärt derselbe, nur durch Benutzung seines Druckkopfes?) sei möglich, den Einfluss des Windes unschädlich zu machen. Bemerkenswert ist noch, dass in dem weiter oben erwähnten Erlasse des Königl. Preussischen Unterrichtsministers folgender Satz vorkommt: »Ebenso ist auf die Reinigung der Luft, welche namentlich in grossen Städten oft im Freien durch Russ und Staub verunreinigt wird, vor ihrem Eintritt in die Heizkammer durch passende Vorkehrungen je nach Bedarf zu sehen K.

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Hr. Dr. H. Reinhardt, Präsident des Landesmedicinalcollegiums in Dresden, einen ausführlichen Bericht veröffentlicht (Archiv für Hygiene 1883, S. 305).

Die betreffenden Erhebungen fanden infolge eines übereinstimmenden Beschlusses der sächsischen Kammern statt. Aus dem knapp gehaltenen, reichhaltigen Bericht ist leider ein wenig Raum einnehmender Auszug nicht zu machen. Inbezug auf die Bau- und Betriebskosten ist zu bemerken, dass dieselben leider auf 100" beheizten Raum bezogen sind, also die gewonnenen Werte keine sicheren Vergleiche gewähren. Die Anlagekosten für 100°" beheizten Raum betragen im Mittel rund 640 % für die Sulzer'sche Dampfwasserluftheizung, rund 350 % für die Heisswasserheizung, rund 270 v% für die Kelling’sche Feuerluftheizung und rund 86 % für gewöhnliche Ofenheizung, während der Brennstoffaufwand für denselben Raum und einen Heiztag im Mittel mit 15, 17, 16, bezw. 22 Pfg. bezahlt ist. Beachtenswert sind die gesammelten Werte für die Wirksamkeit der Anlagen.

Was zunächst den Kohlensäuregehalt der Luft anbelangt, so schwankt derselbe mittags bei der Feuerluftheizung (ausser dem Polytechnikum in Dresden, welches besonders kräftig gelüftet wird) zwischen 14,6 und 24,8 (durchschnittlich 18,4), bei der Heisswasserheizung zwischen 13,1 und 46,1 (durchschnittlich 25,2), bei der Ofenheizung endlich (wenn von der Kunstakademie in Leipzig, welche zum Vergleiche sich nicht eignen dürfte, abgesehen wird) zwischen 15,4 und 43,9 (durchschnittlich 27) Teilen in 10000Teilen Luft. In den Erläuterungen findet sich (S. 330) die Angabe, dass einzelne Unterrichtszimmer, sowohl solche, die mit Ofenheizung, als auch solche, welche mit Warmwasserheizung versehen sind, mittags im mittel 53 bis 55%00 Kohlensäure in der Luft enthielten.

Auf die Luftfeuchtigkeit wird (S. 332) mit Recht wenig Wert gelegt. Der Verfasser sagt: »es ist vielmehr nach den neuerdings vielfach vorgenommenen Untersuchungen mit Bestimmtheit anzunehmen, dass, wo derartige Klagen (über Lufttrockenheit) erhoben werden, dies vorzugsweise auf Verunreinigung der Luft durch brenzliche Stoffe, d. i. Versengung des den erhitzten Heizkörpern aufliegenden Staubes, beruhe.« Für die Feinde trockener Luftdürfte jedoch die Thatsache einigen Wert haben, dass bei der Feuerluftheizung der Feuchtigkeitszustand im mittelfrüh 49,4, mittags 51,8, bei der Heisswasserheizung 40,1 bezw. 47,1, bei der Ofenheizung 52,7 bezw. 57,9 pCt. betrug, also ein nennenswerter Unterschied nicht gefunden wurde.

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Band XXIX. No. 9. 28. Februar 1885.

Unter der Ueberschrift: Zur Baustatistik des preussischen Arbeitsministeriums, enthält die Deutsche Bauzeitung 1884, S. 175 ff. auch eine Zusammenstellung der Anlage- und Betriebskosten der Sammelheizungen, bezogen auf 100" beheizten Raum. Ausser anderen Lücken des benutzten Stoffes ist noch besonders zu erwähnen, dass nicht allein Angaben über die erzielte Luftreinheit, sondern sogar solche über die Frage, ob die betreffenden Räume überhaupt mit Lüftungseinrichtungen versehen sind oder nicht, gänzlich fehlen.

Auf dem Gebiete des Heizens mit aufgespeicherter Wärme sind zwei Neuheiten aufgetaucht. Wuttke's Ausspruch!): »Der eigentliche Effect der Centralheizungsanlage soll erst beginnen, wenn der Ofen aufgehört hat, Wärme zu erzeugen, weil dann erst die erwärmten Wände der Warmluftkanäle eine nicht überhitzte, aber um desto angenehmere Luft dem beigeordneten Raum abgeben können«, ist schwer ernst zu nehmen.

Beachtenswerter sind die Anschauungen, welche in einer Anpreisungsschrift H. R. Jungfer's”) zum Ausdrucke gelangen. Jungfer hat unter No. 23227 ein deutsches Reichspatent auf einen Feuerluftheizungsofen erhalten, welcher sehr einfach eingerichtet ist und neues nicht enthält. Der Brennstoff befindet sich in einer gewöhnlichen Planrostfeuerung, die Feuergase steigen in dem entsprechend langen Ofen wiederholt nieder und empor, bis sie schliesslich in den Schornstein abfliessen. Der Ofen ist gemauert und dickwandig. Derselbe befindet sich in einer gewöhnlichen Heizkammer; es sollen die zugehörigen Räume während eines Tages mit genügend erwärmter Luft versorgt werden können, wenn man früh am Morgen den Inhalt (wohl auch die Begrenzung) der Feuerung »ins Glühen gebracht hat.«. «.

Jungfer hat sonach den Kachel- oder gemauerten Ofen für die Feuerluftheizung dienstbar gemacht, was zwar nicht neu, aber an sich gut ist ”). So lange die aufgespeicherte Wärme dem Bedarf entsprechend an die zu heizenden Zimmer abzugeben, so lange die Wärmeabgabe regelbar ist – und das ist bei der Jungfer'schen Gesammtanordnung der Fall –, ist gegen die Ausnutzung der Vorteile des Heizens mit aufgespeicherter Wärme gewiss nichts einzuwenden. Lediglich zur Förderung der richtigen Benutzung aufgespeicherter Wärme erwähnte ich die genannte Jungfer'sche Schrift.

Ein Bericht über die Preisbewerbung, betreffend die Heizungs- und Lüftungsanlage des neuen Reichstagsgebäudes, von K. Hartmann, Docent an der technischen Hochschule zu Berlin, welcher in mancher Beziehung ausführlicher ist, als der in dieser Zeitschrift *) veröffentlichte, ist im Gesundheitsingenieur 1884, S. 287 ff. enthalten.

Die Verteilung des Dampfes in Städten für Heizungsund andere Zwecke ist bisher am grossartigsten in New-York durchgeführt. In einem Aufsatze des New-Yorker »Techniker« 1884, Februar, S. 92 findet man Angaben über die Einrichtungen der »New York Steam Co.« Nach dieser und anderen Quellen behandeln denselben Gegenstand unter Beigabe erläuternder Abbildungen das Centralblatt der Bauverwaltung 1884, S. 99, mit Abbildungen, und die Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines 1884, S. 87. mit Abbildungen.

Inhaltsreicher ist der Vortrag eines Hrn. Shinn vor der Cincinnati-Versammlung des amerikanischen Institutes der Bergingenieure im Februar 1884 °). Ein Hr. Goodyear hatte in derselben Gesellschaft im Jahre 1883 sich gegen die Wärmeverteilung in Städten mittels gespannten Dampfes ausgesprochen, weil seiner Meinung nach die betreffenden Röhrenleitungen schwierig zu unterhalten, auch bedeutende Wärmeverluste unvermeidlich seien. Goodyear glaubte annehmen

!) Centralheizungsanlagen ohne Beiordnung von Centrifugalventilatoren, Exposition von Otto Wuttke, Berlin 1884, A. Seydel.

*) Verbesserte Anlage für Luftheizungen von H. R. Jungfer, Görlitz 1883, Hoffmann & Reiber.

*) Vgl. Z. 1883, S. 35.

4) Z. 1884, S. 717 ff.

*) Transactions of the american institute of mining engineers

Bd. XIII

Heizung und Lüftung. 169

zu sollen, dass die Städteheizungen mittels Dampfes verschwinden müssten gegenüber der Versorgung der Häuser mit billigem Heizgase. Shinn’s Vortrag wendet sich nun gegen die Goodyear'schen Ausführungen, indem er darauf hinweist, dass die Dampfverteilung in Städten über die Versuche hinaus erfolgreich durchgeführt sei. Die Dampfverluste seien nicht so erheblich, wie Goodyear behauptet habe. Beobachtungen an der etwa 8" langen Leitung der New York Steam Co. hätten bei 5,2 bis 6kg Ueberdruck auf etwa 800" Länge nur 0,14kg Druckverlust und auf etwa 1000" Länge nur rund 3 pCt. Dampfverlust (?) (wörtlich: in einer Meile der Röhre 5 pCt. des Röhreninhaltes; die Zeitdauer, innerhalb welcher dieser Verlust stattfand, ist nicht genannt) ergeben. Die Röhren der New York Steam Co. lägen 1,5 bis 2,7" unter der Strassenoberfläche, in den betreffenden Strassen schmelze der Schnee nicht anders als in denjenigen Strassen Newyorks, in

welchen keine Dampfröhren sich befänden. Durch Anwendung

des Emery’schen Längenausgleichers *) sei die Dehnung der Röhren eine freie geworden. Ferner macht Shinn auf die Erfolge der folgenden Anlagen aufmerksam: Birdril Holly’s Anlage in Lockport N. Y., welche nur Heizungszwecken dient, ist seit 7 Jahren in . Betrieb. Die Strassenleitungen derselben, welche über 200 Häuser versorgen, sind über 7 km lang. Während der 4 ersten Jahre wurden Dampfmesser nicht angewendet; nach deren Einführung versorgt man dieselben Kunden mit der Hälfte der früher erforderlichen Kesselzahl. Das Kapital der Gesellschaft beträgt 50000 Dollars (209500 %), der Reingewinn jährlich 20 bis 25 pCt. Die grössten Röhren sind 10" weit und der Dampfdruck beträgt wenig über 25 für 14". Die Anlage in Springfield, Mass., ist lediglich für Heizungszwecke 5 Winter im Betriebe; sie besitzt 4" Strassenleitungen. Der Dampfdruck beträgt 1,4 bis 2,8°5. Die Gesellschaft versorgt 196 Kunden und berechnet den Dampf nach Dampfmessern; die Anlagekosten (50000 Dollar) verzinsen sich mit 12 bis 15 pCt. In Dubuque, Jowa, versorgt eine Gesellschaft seit 5 Wintern mit 3400" langer Strassenleitung 140 Kunden mit Dämpf für Heizzwecke. Die Anlage, welche bisher einen Gewinn nicht ergab, beginnt jetzt kleine Ueberschüsse zu erzielen. In Denver, Colorado, ist eine Dampfstadtheizung seit 4 Jahren im Betriebe. Sie versorgt mit nahezu 5" Strassenleitung 150 Kunden. Das Anlagekapital (150000 Dollar) verzinste sich 1882/83 mit 5,2 pCt., für 1883/84 wird der Reingewinn zu 6% pCt. geschätzt. Die Röhren sind 20, 15, 10 und 7,5°" weit. Hartford's, Conn., Anlage ist 4 Jahre im Betriebe. Sie enthält über 3k" 15, 10 bezw. 7,5" weite Strassenleitungen, benutzt 4,25 Dampfdruck und versorgt 150 Kunden. Ä hat bisher einen Gewinn nicht ergeben. In Lynn, Mass., wurde im Februar 1881 eine Anlage nach dem sogenannten »Duplex-Systeme« in Betrieb gesetzt. Sie besass eine Leitung für 5*é und eine zweite für 1,48 Dampfdruck; die erstere sollte zum Dampfmaschinenbetriebe, die andere Heizungszwecken dienen. Shinn besichtigte die Anlage im October 1881 und im Juni 1882 und fand die Leistungen derselben, soweit Dampfmaschinenbetrieb in Frage kam, vortrefflich. Die Anlage war mangelhaft entworfen und ausgeführt, das Kesselhaus ungünstig belegen und die Gesellschaft ging zu Grunde. Eine andere nach dem »Duplex-Systeme« in New-Haven, Conn., 1882 ausgeführte Anlage hat ebenfalls der betreffenden Gesellschaft keinen Erfolg gebracht. Ueber die seit drei oder vier Jahren in Troy, N.-Y., und Detroit, Mich., in Wirksamkeit befindlichen Anlagen kann Shinn nähere Angaben nicht machen. Eine in Milwaukee, Wisc., im Betriebe gewesene Anlage ist zu Grunde gegangen. Die New York Steam Comp. hat nach zweijährigen Studien und Versuchen im Sommer 1881 den Bau ihres ersten Kesselhauses (B in Fig. 1) und das Legen der zugehörigen Röhren im September 1881 begonnen.

!) Z. 1884, S. 34, mit Abbildung.

deutscher Ingenieure.

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Heizungs- und Lüftungsanlagen. "Im neuen Einzelhause für kranke Frauen (gynäkologischer Pavillon) der königlichen Charité zu Berlin ist nach dem Centralblatt der Bauverwaltung 1884, S. 138, die Heizung von der Lüftung völlig getrennt. Die Krankenzimmer sind mit örtlicher Dampfwasserheizung, die Gänge, das Badezimmer, der Operationssaal, das Zimmer des Directors und das Instrumentenzimmer mit örtlicher Dampfheizung, die Wohnräume mit Kachelofenheizung versehen. Für die Luftheizung sind zwei mittels Dampf erwärmte Heizkammern vorhanden, von denen jede mit zwei an entgegengesetzten Seiten des Hauses belegenen Luftschöpfstellen in Verbindung steht. Zwei mittels Dampfes geheizte Schornsteine dienen der Luftabfuhr. Im Sommer soll jedoch der 17 Betten enthaltende grosse Krankensaal durch Firstlüftung rein erhalten werden. Es ist vorgesehen, im Winter die frische Luft mit Dampf zu feuchten, im Sommer dieselbe mittels zerstäubten Wassers zu kühlen (?) und zu reinigen. An zu grosser Einfachheit leidet die Anlage demnach nicht; möge sie so bedient werden, dass sie befriedigt! Abbildungen der Anlage finden sich in der Quelle. Die bekannte und beliebte Siechen’sche Bierwirtschaft in der Behrenstrasse in Berlin verdankt ihre verhältnismässig reine Luft nicht allein der Glühlichtbeleuchtung; es ist vielmehr gleichzeig eine kräftig wirkende Drucklüftung thätig, um Tabaksrauch und sonstigen Dunst so rasch wie möglich zu entfernen. Nach dem Centralblatt der Bauverwaltung, 1884, S. 11, welches auch Abbildungen der betreffenden Anlage bringt, wird die zur Versorgung der Räumlichkeiten erforderliche frische Luft in einem sauberen Hofe geschöpft, nach Bedarf durch einen Feuerluftheizungsofen erwärmt oder mittels Eises gekühlt und dann an die einzelnen Zimmer verteilt, in welchen sie in etwa 2" Höhe über dem Fussboden schräg nach oben gerichtet ausströmt. Die Abluft entweicht durch die ringsum laufende gekrümmte Fläche der Decke. So lange der durch Temperaturunterschied hervorgebrachte Auftrieb für die Luftbewegung genügt, wird nur dieser benutzt, sonst tritt ein durch Gasmaschine in Betrieb versetzter Schraubenbläser in Thätigkeit. Die Reinigung der frischen Luft erfolgt durch ein enges Drahtgewebe. Wie aus der Beschreibung und den beigegebenen Abbildungen hervorgeht, ist die in Rede stehende Anlage erst nachträglich den gegebenen Bauwerken angepasst; trotzdem ist die Wirkung, wie ich wiederholt beobachten konnte, eine so befriedigende, dass wohl mancher Besucher dieser Räume bedauert, dass diese Einrichtung nicht allgemeiner bekannt ist. Eine der bedeutsamsten Anlagen auf dem Gebiete des Heizungs- und Lüftungswesens ist diejenige des neuen städtischen Krankenhauses in Amsterdam. Der Gesundheitsingenieur 1884, S. 281 u. s. f. enthält Beschreibung derselben mit zugehörigen Abbildungen. Nach dieser Quelle ist die Gesammtanordnung der grossartigen Krankenhausanlage durchaus abweichend von dem Gebräuchlichen. Von dem Verwaltungsgebäude A (Fig. 3) ausgehend findet man links das Operations-,

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grosse Bad E; das Ende der Achse bildet das Kessel- und Maschinenhaus F, in welchem auch die Waschküche Platz gefunden hat. Von dem Verwaltungsgebäude aus entwickelt sich ein überdeckter symmetrischer Rundgang, welcher Kirche, Küche und das Schwesternhaus umspannt, das grosse Bad berührt und die Verbindung mit 8 ausserhalb liegenden Baugruppen herstellt. An den Rundgang grenzen sechs kleinere und zwei grössere Bauwerke a, welche Zimmer für je einen Kranken enthalten, dann folgen 8 Rundbauten b, welche in zwei Geschossen für 8 >< 40 = 320 Kranke Unterkommen bieten, endlich Jenseits dieser Rundbauten, aber mit ihnen durch gedeckte Gänge verbunden, Gebäude c, in welchen Abtritte, Spül- und Theeküchen und Bäder sich befinden. Dieses nur behufs Gewinnung eines Ueberblickes der Anlage. Die Versorgung der verschiedenen Räume mit Wärme und Luft ist in folgender Weise vorgesehen. Von dem Kesselhause F aus verfolgt die anfangs 15", schliesslich 4" weite, in einem Kanal liegende Hauptdampfleitung die Hauptverbindungsgänge des Kellergeschosses; da wo Quergänge sich anschliessen, finden Abzweigungen der Dampfleitung statt. Die Leitung ist mit Kieselguhrmasse gegen zu grosse Wärmeverluste geschützt, mit Gefälle verlegt und mit Selbstleerern versehen; als Längenausgleicher dienen kupferne Bogen. Es stehen stündlich 3300kg auf 4 bis 5 Atm. gespannten Dampfes zur Verfügung. Die Hauptniederschlagswasserleitung befindet sich in den Kanälen der Dampfleitung; sie liefert das Wasser nach dem Kesselhaus zurück. In die Zweigdampfleitungen sind Druckregler eingeschaltet, so dass die Heizkörper (Röhrenschlangen) höchstens 0,5 Atm. Ueberdruck erhalten. Die Heizkammern sind geräumig und leicht zugänglich gemacht; ihre Wände wie die der Luftkanäle sind nicht geputzt, sondern, um sie heller zu machen, mit Kalkwasser gestrichen. Die 8 Rundbauten b werden von den Schöpftürmchen d aus vermöge zweier neben dem Maschinenhause F in die zugehörigen unterirdischen Kanäle gelegter Schraubenbläser mit frischer Luft versorgt; letztere tritt in je einen Ringkanal des betreffenden Bauwerkes, aus diesem in die über ihm einen Ring bildenden 8 Heizkammern und weiter durch die ringförmig aufgestellten deckentragenden Säulen bezw. deren Gebälk in die runden Krankensäle. Abwechselnd versorgt die eine der Heizkammern das Erdgeschoss, die folgende das obere Geschoss, die dritte wieder das Erdgeschoss usw. Gegenüber den Zuluftöffnungen an der ringförmigen Aussenwand befinden sich die Abluftöffnungen, von denen für jedes

Brückenbau. 171

Bett je eine nahe dem Fussboden und eine zweite nahe der Decke vorhanden ist. Die Abluft fällt in den Keller, sammelt sich in einem ringförmigen Raum, der von den Heizkammern umschlossen wird, und strömt aus diesem in eine in der Mitte des Kellers befindliche Heizkammer, die den Fuss eines über die Spitze des kegelförmigen Daches sich erhebenden Saugschornsteins bildet. Man vermag somit gleichzeitig oder getrënnt Saug- und Drucklüftung anzuwenden. Die übrigen Gebäude sind mit einfacher Dampfluftheizung versehen. Die Abluft sammelt sich auf den zugehörigen Dachböden in Lockschornsteinen, welche dort mittels Dampfschlangen geheizt werden. Befremdend ist die Thatsache, dass die Heizkammern dieser Gebäude die frische Luft nur je von einer Seite zugeführt erhalten, so dass mässig ungünstige Winde imstande sein dürften, den geringen Auftrieb der erst auf dem Dachboden beginnenden Saugschornsteine zu entkräften. - Früher!) wurde der Kühlanlage des gerichtlichen Leichenhauses in Paris gedacht. Das Centralblatt der Bauverwaltung bringt 1884, S. 399 eine Beschreibung des Leichenhauses sowie der zugehörigen Kühlanlage, welcher auch erläuternde Figuren beigegen sind. Hermann Fischer.

Brückenbau.

Der Satz von der Gegenseitigkeit der Verschiebungen. Genannter Satz wurde zuerst von Prof. Mohr in der Zeitschr. d. Arch.- u. Ing.-Vereines zu Hannover 1875 bewiesen und angewendet. Dann wurde derselbe, unabhängig von dieser Veröffentlichung, von Castigliano in den Atti della R. Accademia della Scienze di Torino 1882 und an unten genannter Stelle vom Berichterstatter aufgestellt. Der Satz, welcher bei der Berechnung statisch unbestimmter Systeme in vielen Fällen mit Vorteil benutzt werden kann, lässt sich folgendermassen aussprechen.

Wirkt in einem Knotenpunkt A eine Kraft »Eins« nach der Richtung AA1, so wird infolge dessen ein Knotenpunkt B nach der Richtung B B. eine Verschiebung erleiden, welche dieselbe Grösse hat wie die Verschiebung des Knotenpunktes A nach der Richtung A A1 infolge einer im Knotenpunkte B nach der Richtung B B1 wirkenden Kraft »Eins«.

Der Beweis für diesen Satz ist mit Hilfe des Principes der virtuellen Arbeiten leicht zu erbringen. In welcher Weise dieser Satz bei der Berechnung statisch unbestimmter Fachwerke benutzt werden kann, erkennt man aus folgenden Betrachtungen. Bei den in Rede stehenden Aufgaben kommt es immer darauf an, für verschiedene Lagen einer Einzellast »Eins« die Verschiebung eines oder mehrerer Knotenpunkte nach bestimmten Richtungen zu ermitteln. Diese Bestimmung der Formänderung des Fachwerkes für die verschiedenen Lagen der Last »Eins« ist es, welche die Rechnungen so zeitraubend macht. Mit Hilfe des Satzes von der Gegenseitigkeit der Verschiebungen kann man nun in einfacher Weise zum Ziele gelangen, indem man folgendermassen vorgeht: Im Knotenpunkt A, dessen Verschiebung man sucht, lässt man

eine Kraft »Eins« in der Verschiebungsrichtung A A1 angreifen

und bestimmt für diese Beanspruchung die Formänderung des gesammten Fachwerkes. Man erhält damit erstens die Verschiebung des Knotenpunktes A durch die thatsächlich wirkend eingeführte Kraft »Eins«, sodann aber auch die Verschiebungen der übrigen Knotenpunkte B, C . . . nach den Richtungen B B1, CC1 . . ., und letztere Strecken geben zugleich die Verschiebungen an, welche der Knotenpunkt A nach der Richtung A A1 erleiden würde, wenn in den Punkten B, C . . . Kräfte »Eins« nach den Richtungen B B1, CC . . . wirkten. Wie man erkennt, ist hierdurch die gesammte Aufgabe mit einem Schlage gelöst. Beispielsweise würde man bei einem Bogenträger mit 2 Gelenken in den Widerlagerpunkten eine wagerechte Kraft »Eins« angreifen lassen. Man bestimmt dann die Deformation des gesammten Fachwerkes unter Einwirkung dieser Last (hierzu recht geeignet erscheint die Verwendung des Deformationspolygones, s. Z. 1883, S. 719). Die senkrechte Ver

) Z. 1883, S. 419.

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