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Nibelungen und Gudrun; an dem kunstsinnigen Hofe des Landgrafen von Thüringen erblühte die deutsche Ritterdichtung des Mittelalters, und herrliche Dome, deren Vollendung theilweise noch unseren Tagen vorbehalten bleibt, sowie viele in edelstem Style und reichem Schmucke uns überlieferte Rathhäuser und andere Bauten und Kunstwerke geben Zeugniß von dem Reichthume und dem opferfreudigen Gemeinsinne und zugleich von der hoch entwickelten Kunst und Technik jener Glanzzeit des deutschen Reiches. Daß unter dem Einflusse des oben geschilderten Umschwunges im Weltverkehre, unterstützt von kräftiger politischer Organisation, auch Industrie und Handel in Deutschland emporblühten, ist naturgemäß: Die süddeutschen freien Reichsstädte Augsburg, Ulm, Regensburg, Nürnberg, Basel, Speier, Worms, Mainz und Frankfurt tauschten zuerst mit Benutzung der Wasserstraße der Donau, dann durch Vermittelung von Venedig, Mailand, Florenz und Genua die Waren des Orients gegen Erzeugnisse deutschen Gewerbefleißes ein und verbreiteten sie über die damals dem deutschen Reiche angehörigen Städte des Elsasses und der Niederlande, über Straßburg, Antwerpen, Brügge nach Frankreich und England, sowie über die norddeutschen Handelsplätze Dortmund, Soest, Braunschweig und (in Gemeinschaft mit den Industrieproducten dieser Letzteren) über Hamburg, Lübeck, Danzig nach dem skandinavischen Norden und nach Rußland. Als jedoch nach kaum einem Jahrhundert der Letzte der Hohenstaufen der welschen Tücke zum Opfer gefallen war, und tiefer

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theilte, als Ritter zu Wegelagerern wurden, und nicht mehr eine kräftige Herrscherhand die Uebergriffe des Papstthumes in weltliche Dinge zurückwies; als Kunst und Wissenschaft in den Klöstern ihre Zufluchtsstätte finden mußten – in jenen traurigen Zeiten der deutschen Geschichte erhielten sich wenigstens die Industrie und der Handel inmitten der allgemeinen Anarchie kräftig aufrecht. Um sich gegenseitig vor den Gewaltthaten der Junker und Pfaffen zu schützen, schlossen die durch langjährige Betriebsamkeit und unter eigener reichsfreier Verfassung zu Wohlstand und Macht gelangten Städte in Schwaben, am Rhein und im Norden Bündnisse und vermochten noch einige Jahrhunderte hindurch trotz aller politischen Wirren eine befriedigende Existenz zu führen; ja sie gelangten sogar durch kräftige Bundesorganisation, durch intelligenteste und energische Führung ihrer commerciellen Interessen zum höchsten Einflusse auf die Entwickelung des gesammten nördlichen Europa's. « Neben den Verbänden der mitteldeutschen Handelsplätze, wo später die Reichthümer der Fugger und Welser sprichwörtlich geworden sind, war besonders das große Städtebündniß des Nordens, die Hansa, von umfassender Bedeutung: Ihre Geschichte bildet den Glanzpunkt deutscher Industrie und deutschen Handels im Mittelalter. Die Entstehung des hanseatischen Verbandes ist auf die Handelsbeziehungen zwischen den norddeutschen Städten und Skandinavien und Rußland zurückzuführen, welche im Anfange durch Zwischenplätze, besonders durch Wisby auf der Insel Gothland vermittelt wurden; bald aber gewann der Einfluß der deutschen Kaufleute im Norden so die Oberhand, daß dieselben, zu dem oben genannten Bunde fest vereinigt, den gesammten Nord- und Ostseehandel beherrschten, eigene Handelsniederlassungen in den wichtigsten Küstenplätzen von Schweden, Norwegen und Rußland gründeten, wo die Binnenstädte der Hansa (Altena, Iserlohn, Dortmund, Soest, Braunschweig) nicht minder direct verkehrten als die Seehäfen Bremen, Hamburg, Schleswig, Lübeck und die weiter östlich unter dem Einflusse des deutschen Ritterordens emporblühenden Städte Marienburg, Danzig, Königsberg, Reval und Riga. Der Eintausch der nordischen Landesproducte: Pelzwerk, Häute, Talg, Holz, Getreide und Fleisch gegen die Erzeugnisse deutscher Industrie, gegen wollene und leinene Gewebe, Metalle und Waffen, Wein und Bier bildete den Gegenstand eines weitverzweigten Handels: In den Händen des hanseatischen Bundes ruhte ausschließlich die Beförderung der Güter durch die Schifffahrt, sowie die ergiebige Fischerei in den nordischen Meeren, welche zugleich, wie auch in Holland und Venedig, die vortrefflichste Schule für Matrosen war; hierauf gestützt, vermochte die Hansa ihre Kriegsflotte derartig auszubilden, daß dieselbe überall kräftig das Ansehen und die Interessen der Mitglieder wahren konnte und nicht selten entscheidend in die staatlichen Verhältnisse des Nordens eingriff, wie jener Bund überhaupt bei vortrefflicher

commercieller und administrativer Organisation sehr geschickt in der Politik operirte und sich durch Tractate und Freibriefe vielfache Vortheile für seine Handelsniederlassungen in fremden Ländern zu sichern wußte. Deutsche Flotten beherrschten also damals die nordischen Meere, und die bevorzugte Stellung, welche der Hansabund als ausschließlicher Vermittler des Handels einnahm, indem er als Vertreter der deutschen Industrie deren Fabricate gegen die Bodenerzeugnisse anderer Länder eintauschte, ist ganz analog der Rolle, welche heute Großbritannien im Welthandel spielt. Und auch letzteres, jetzt so mächtige und industrielle Reich war damals, wie die anderen nordischen Staaten, nur eine Domäne der Hansa, welche dort feste Handelsniederlassungen besaß, deutsche Wollen-, Leinen- und Metallwaren und Fische einführte und gegen englische Bodenerzeugnisse und Rohproducte umsetzte. Die große Menge von nordischen Rohstoffen, welche der deutsche Handel heimbrachte, konnte in Deutschland allein nicht consumirt und verarbeitet werden, und bot deren weitere Versendung nach dem Süden einen zweiten Hauptzweig der hanseatischen Handelsthätigkeit. -- «. Die einzige Nation, welche damals der deutschen ebenbürtig zur See dastand, war die italienische: Wie Lübeck und seine Verbündeten die Nord- und Ostsee, so beherrschten Venedig, Florenz und Genua das Mittelmeer und führten die Specereien und Gewürze, die Schmucksachen und die Seide von Indien, China und Arabien heim, um sie dann, zusammen mit den Bodenerzeugnissen und Fabricaten des südlichen Europas, in den Welthandel zu bringen und namentlich mit den Hanseaten gegen nordische Rohproducte und deutsche Waren umzutauschen. Die damals deutschen Niederlande, mit ihren beiden großen Handelsplätzen Brügge und Antwerpen, waren der offene Markt für diesen wichtigen Verkehr zwischen Süden und Norden; dort war der Stapelplatz für die Waren aus allen Welttheilen. So vereinigten die Städte der Hansa, Norditaliens und der Niederlande die gesammte Industrie und den Handel im Mittelalter, und wir verdanken ihren vielseitig und einsichtig wirksamen Bürgern die vortrefflichsten Normen für den Handel, die Schifffahrt, die commereielle und bürgerliche Gesetzgebung, den Bank- und Wechselverkehr, welche noch heute die Grundlage für die wichtigsten Institutionen dieser umfangreichen Gebiete bilden. So sehen wir also, daß in dieser mittelalterlichen Glanzperiode des deutschen Handels vielfach Producte deutscher Industrie eine Hauptrolle im Weltverkehre spielen, und wenden uns zu einer Betrachtung der damaligen deutschen Gewerbethätigkeit. Süddeutsche und westphälische Leinwand, niederländische Wollenstoffe, Waffen und Metallarbeiten, Wein und Bier werden uns als vorzüglichste Producte unserer damaligen Industrie, als Hauptartikel des deutschen Erports genannt. Während die Herstellung von Wein und Bier den landwirthschaftlichen Gewerben angehört und weniger Interesse für unseren Standpunkt beansprucht, begegnen wir andererseits der zu einem hohen Grade der Vollkommenheit ausgebildeten Industrie der Gewebe, worin Deutschland dem Welthandel Leinwand und Wollenstoffe lieferte, wogegen das südliche Europa, wie noch heute, in Seidenwaren den Markt beherrschte und auch einige Anfänge von Baumwollenindustrie aufweisen konnte. Für Leinwand war damals, wie noch heute, die Gegend von Bielefeld und Herford der Centralpunkt der deutschen Fabrication, indem dort durch sorgfältige Cultur des Flachses, durch Reinigung und Röstung, durch Spinnen und Verweben vermittelst Handarbeit die in allen Ländern berühmten Leinengewebe hergestellt wurden. Wenn auch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die Industrie jenes Bezirkes durch Einführung der Maschinenarbeit in England, Irland und Belgien zeitweise überflügelt wurde, so hat sie doch in den letzten Decennien durch Aneignung der zeitgemäßen Verbesserungen erfolgreiche Anstrengungen gemacht, um ihren alten Rang wieder einzunehmen. In den Niederlanden, welche damals mit Deutschland vollständig vereinigt waren (wie ja noch heute Holland ausschließlich und Belgien in seiner der Zahl wenn auch nicht dem Einflusse nach überwiegenden vlämischen Bevölkerung nur einen Zweig des großen niederdeutschen Volksstammes repräsentirt) entwickelte sich durch fleißige und geschickte Arbeiter eine vorzügliche Fabrication von wollenen Stoffen, deren Producte den Weltmarkt beherrschten. Die inneren Verhältnisse der Industrie, welche damals ausschließlich als Handwerk auftrat, waren festen Normen unterworfen: Innungen und Zünfte umfaßten alle Berufsgenossen und wurden durch die sorgsamsten, den Einzelnen freilich oft beengenden, dem damaligen Standpunkte des gesammten Gewerbes jedoch meistens große Vortheile bringenden Satzungen geregelt: Unsere Zeit verlangt freilich mit Recht eine andere Gestaltung der Verhältnisse des Handwerkes, Abschaffung jener mittelalterlichen Institutionen und kann nur, wie bei der Fabrikthätigkeit, von einer freien uneingeschränkten Entwickelung Heil für das Handwerk erwarten. Außer der Industrie der Gewebe finden wir die Fabrication und Verarbeitung der Metalle in jener Periode als einen Hauptzweig der deutschen Gewerbethätigkeit, und es liegen uns manche Nachrichten vor, nach welchen wir den damaligen Standpunkt dieser Industriezweige verfolgen können. Edle Metalle wurden im Harze und im sächsischen Erzgebirge gewonnen, wo der Gangbergbau schon früh zu hoher Vollkommenheit gediehen war, so daß dafür noch bis heute jene Gegenden die Musterstätten sind, nach welchen der gleichartige Bergbau in Europa, Asien und Amerika eigerichtet wurde. Nicht minder beachtenswerth sind die dort gleichzeitig ausgebildeten Processe zur Gewinnung von Blei und Kupfer. Besonders aber sind die Leistungen der damaligen Eisen- und Stahlindustrie zu bemerken, welche dem deutschen Fabricate lange den Weltmarkt sicherten und selbst bis zur Neuzeit in einigen Artikeln behaupteten, trotzdem großartige, aber von Deutschland leider sehr spät gewürdigte Fortschritte des Auslandes bis zur jüngsten Zeit jene Industrie in vieler Beziehung überflügelten. Bereits aus dem 6. Jahrhundert haben wir durch Urkunden Nachricht über den Eisensteinbergbau und die Eisengewinnung am Harze, aus dem 9. Jahrhundert von Nassau, etwas später von dem Siegener Districte. Die Verleihungsurkunde des Müsener Stahlberges datirt vom 4. Mai 1313; noch früher scheint bei Iserlohn am Thüringer Walde und in der Eifel Bergbau auf Eisenstein betrieben worden zu sein: So schon wir also schon vor fast einem Jahrtausend die Eisensteingruben jener Reviere in Thätigkeit, welche die Basis der gesammten späteren und zum großen Theile auch Ä der heutigen Fabrication vorzüglichster Eisen- und Stahlsorten bildeten. Wahrscheinlich wurde in jener Anfangsperiode der Eisenund Stahlindustrie das Erz in Rennfeuern niedergeschmolzen, von Än Schlackenreste noch auf vielen Bergen jener Gegenden antrifft. Die Einführung der Hohöfen und der Frischfeuer folgte später: Es wurde unter Anwendung von Holzkohle als Brennmaterial in Ersteren das Erz zu Roheisen oder Rohstahleisen verschmolzen, und in Frischfeuern zu schmiedbarem Eisen oder Stahl umgewandelt, welche dann unter Reckhämmern zu den dem Bedürfnisse des Handels entsprechenden Stäben ausgeschmiedet wurden. Als Betriebskraft für die Gebläse dienten die reichlich vorhandenen Wassergefälle. Ueber derartig ausgebildete Eisen- und Stahlindustrie haben wir sichere Nachrichten vom Harz, von Thüringen, aus der Eifel und von Westphalen: Während in letzterer Gegend die Hohöfen fast ausschließlich in den Grubenrevieren des Siegener Landes und dem sogenannten freien Grunde, in dem bei Betzdorf in die Sieg einmündenden Hellerthale, sowie in dem benachbarten Nassau ihre Stätte fanden, verbreitete sich der Frischfeuerbetrieb nordwärts nach den holzreichen Thälern der Lenne, und es schloß sich weiter daran in der Mark die weitere Verarbeitung des Eisens und Stahles; namentlich waren schon in jenen Zeiten die Reckhämmer der Mark, die Drahtziehereien von Altena, die Panzerfabriken von Iserlohn in lebhaftem Betriebe und lieferten für den ganzen Welthandel geschätzte Waren, ebenso wie Solingen, Remscheid und die Enneper Straße sowie Steiermark in der Fabrication blanker Waffen, Sensen, Messer und vielfacher Geräthe für den häuslichen Bedarf oßenan standen. Erst vor wenigen Jahren wich die alte Handelsniederlassung der Hansa in der Metropole Großbritanniens einer anderen Bestimmung; ihr Name „ Stahlhof“ deutet schon darauf hin, daß Eisen und Stahl damals eine Hauptrolle bei der Ausfuhr Deutschlands sogar nach England hin spielten. Bin ich vielleicht etwas zu ausführlich bei der Schilderung jener Glanzzeit der Größe und Macht unseres Vaterlandes, bei der mittelalterlichen Blüthe der Gewerbe- und Handelsthätigkeit gewesen, so hoffe ich doch auf Ihre Nachsicht: Die Erinnerung verweilt gern bei jenen Zeiten, welche bedeutungsvolle Vorbilder für

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Der Beginn des neueren Abschnittes der Weltgeschichte ist durch wichtige, das innere Leben der Nationen und ihren Gesichtskreis nach Außen umgestaltende Begebenheiten bezeichnet: Durch die Seefahrten der Portugiesen an der afrikanischen und indischen Küste, die Ä Amerikas und die Reformation. Die erstgenannten Ereignisse gaben zwei bisher wenig hervorragenden Nationen, den Portugiesen und Spaniern, einen Hauptantheil an der Entwickelung des Handels, während Deutschland, die Wiege der Reformation, durch den Zwiespalt auf dem Gebiete des Glaubens so in Anspruch genommen wurde, daß es seine frühere Stellung im Welthandel bald ganz einbüßte. Der 30jährige Krieg vollendete das Werk der Zerstörung, vernichtete Industrie und Handel völlig und löste Deutschland in Hunderte von Kleinstaaten auf, welche unter sich uneinig und den Einflüssen des Auslandes zugänglich waren. Je mehr das deutsche Reich zerfiel, desto mehr kräftigte sich das Ausland: Frankreich hatte schon im 16. Jahrhundert Lothringen an sich gerissen und gewann unter Ludwig XIV. eine solche Concentration, daß es wagen konnte, sogar den Elsaß dem deutschen Reiche zu entfremden; Sully und Colbert legten

- die Grundsteine zur Entwickelung der nationalen Industrie.

Die Staaten der iberischen Halbinsel brachten aus ihren Colonieen die Schätze beider Indien nach Europa; Italien unterhielt den regsten Verkehr mit dem Orient; venetianische und genuesische Flotten beherrschten das Mittelmeer. Ebenso blühte der Handel

in den von Spanien befreiten Niederlanden, und auch England ge

wann unter Elisabeth und Cromwell die lange vermißte Einheit im Inneren und bereitete seine spätere Herrschaft zur See vor; sogar der Norden blieb nicht in der Entwickelung zurück, indem er durch Gustav Adolph, Carl X., Gustav und Carl XII. in hervorragender Weise Antheil an den politischen Ereignissen Europas nahm, und für Rußland begann mit Peter dem Großen eine neue Aera für großartigste Entwickelung. In Deutschland findet dagegen in jenen Zeiten der forschende Blick kaum Etwas, was bessere Zustände verheißen könnte: Die Auflösung zu einem Chaos von widerstreitenden, aber gleichmäßig widerwärtigen und der Entwickelung aller Cultur widerstrebenden Elementen schien unvermeidlich; es schwand das Selbstbewußtsein der Nation, das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

4. Periode: von 1 740 bis 1835.

Als Anfang einer besseren Epoche können wir erst die Thronbesteigung Friedrichs des Großen (1740) bezeichnen: Seine großartigen Kriegsthaten verschafften zum erstenmale wieder nach langer Zeit dem deutschen Namen Anerkennung, und nicht minder, als die Vergrößerung des Landes nach Niederwerfung vielfach überlegener Feinde, hat ihm Preußen die vortrefflichste Organisation im Innern, die Reform der Gesetzgebung, die nirgends übertroffene eracte Administration zu verdanken; auch den Gewerben ließ er direet seine Fürsorge angedeihen, indem er tüchtige Kräfte aufzufinden wußte, welche, wie Heinitz, Reden und Stein von nachhaltigstem Einflusse auf die gesammte Entwickelung der deutschen Industrie wurden. Er schuf durch Gründung der preußischen Bank einen für die Förderung der Gewerbethätigkeit und des Handels hochwichtigen Centralpunkt zur Regelung der Finanz- und Creditoperationen und errichtete das Seehandlungsinstitut, um größere industrielle Anlagen zu betreiben, für welche in damaliger Zeit den Privaten die Mittel und der Unternehmungsgeist fehlten.

Unter dem Einflusse des großen Herrschers und seiner Thaten sehen wir bald ein Ringen und Treiben aller geistigen Kräfte neu erwachen, welche zunächst auf dem Gebiete der Literatur, Kunst und Wissenschaft ein neues classisches Zeitalter für Deutschland herbeiführten: Lessing's scharfe Kritik beseitigt den bisher dominirenden Einfluß der französischen Richtung in der Literatur; Winkelmann erobert für uns das Alterthum und läßt den Glanz antiker Kunst aufleuchten über unserer nordischen Welt; im Verständnisse der classischen Zeiten von Griechenland und Rom erschließen sich Vorbilder für deutsche Bildung; in Klopstock's kraftvoll tönender Dichtung empfängt das Wort „Vaterland“ eine neue Bedeutung, eine ergreifende Kraft, eine läuternde Weise; in dem Dioskurenpaar unserer Literatur, in Göthe und Schiller,

o findet die “Richtung der neuen 3eit ihren allseitig anregenden, edelsten Ausdruck, «Selbst die Stürme der französischen Revolution, selbst die dar-auf folgenden schweren Zeiten der Fremdherrschaft vermochten tcht, die Bewegung von der einmal vorgezeichneten Bahn abzu"lenken; im Gegentheil, sie erzeugten neue - Thatkraft, eine durch wahre Bildung genährte Begeisterung, welche bald die Befreiung unseres Vaterlandes vom Joche des fremden Eroberers bewirkte. Die folgende Reactionsperiode war der Entwickelung des Culturlebens und speciell der Industrie und des Handels wenig günstig, da Deutschland in noch immer vielfach zertheilter Form aus den großen Umwälzungen hervorgegangen war, und eifersüchtige und engherzige Rücksichten zwischen den einzelnen Staaten des Inund Auslandes eine freiere Bewegung, wie sie die Industrie nöthig hat, unmöglich machten. England dagegen, welches in den Kämpfen des letzten Jahrhunderts die unbedingte Oberherrschaft zur See errungen hatte, vermochte in Folge seiner freieren Institutionen rasch seine Industrie derartig zu entwickeln, daß sie bald der wichtigste Theil der nationalen Thätigkeit wurde und die fast aller anderen Völker durch Vollkommenheit und Wohlfeilheit der Arbeit weit übertraf; nur Nordamerika und Belgien, wo in ähnlicher Weise ein freies Volk die reichen natürlichen Hülfsmittel des Landes energisch auszubeuten verstand, vermochten mit den englischen Leistungen in mancher Beziehung zu wetteifern. Es führt uns dies zu den großartigen Erfindungen, welche,

vorwiegend in Großbritannien ausgebildet, in der letzten Hälfte

des vorigen und im Anfange unseres Jahrhunderts die englische

Industrie völlig umgestaltet und sie zum Ausgangspunkte für alle

ferneren Fortschritte auf unserem Felde gemacht haben. Vor Allem sind hierhin die Erfindungen und Ver

besserungen von James Watt in Betreff der Dampf

maschine zu rechnen: Erst dadurch, daß durch die mechanische Kraft in bequemer und billig zu unterhaltender Weise und in großartigstem Maßstabe ein Ersatz für die menschliche oder thierische Bewegung geboten wurde, war eine nachhaltige Entwickelung der Industrie möglich. Um die anderweitigen epochemachenden Erfindungen jener Zeit kurz zu erwähnen, erinnere ich an die Construction der Spinnmaschine und des mechanischen Webestuhles durch Arkwright, Crompton, Cartwright und Jacquard; an die Einführung des Coks statt der Holzkohle beim Hohofenbetriebe; an die Ausbildung des Puddel- und Walzprocesses für Eisen durch Cort und Parnell; an Huntsman's Erfindung der Gußstahlfabrication; an die Ausbildung der elektrischen Telegraphie durch Gauß, Weber, Steinheil, Wheatstone und Morse; an Fulton's erste Versuche zur Dampfschifffahrt, und vor Allem an Georg Stephenson’s große Erfindung: die Eisenbahnen. Wenige Denkmäler haben auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, als Stephenson's erste Locomotive, welche in ihrer primitiven Form auf dem Bahnhofe zu Stockton dem Andenken der Nachwelt aufbewahrt wird: Welche unendlichen Fortschritte verdankt die Industrie und der Handel, die Civilisation des gesammten Menschengeschlechtes der Ausbildung jenes dort in unscheinbarer Form zuerst ins Leben getretenen Gedankens! England war der fruchtbarste Boden zur Entwickelung der Ideeen seiner großen Ingenieure und bildete sie, gestützt auf reichste natürliche Hülfsquellen und in richtiger Erkenntniß der Zeitrichtung praktisch und zum Vortheile der ganzen Nation aus, während die epochemachenden deutschen Erfindungen der vorigen Jahrhunderte, Schießpulver und Buchdruckerkunst, vorwiegend dazu gedient hatten, in den unglückseligen Kämpfen der Parteien Körper und Geist mit neuen Waffen auszurüsten. Erst am Ende unserer vierten Periode sehen wir Deutschland einigermaßen einen Anfang machen, um den Fortschritten des Auslandes auf industriellem Gebiete zu folgen, und zwar ging der Anstoß dazu einerseits von einigen Industriellen aus, welche in vorgeschrittener Erkenntniß die enormen Fortschritte der englischen Technik würdigten und bei uns einzuführen strebten. Vor Allem habe ich Ihnen in dieser Richtung das Wirken eines Mannes hervorzuheben, welchen in jugendlicher Rüstigkeit unser Verein noch heute zu seinen Mitgliedern zählt: Friedrich Harkort stand in vorderster Reihe, als es galt, die ersten Maschinenfabriken, Eisengießereien und Kesselschmieden in Deutschland anzulegen, die Cylindergebläse bei den Hohöfen und die englische Puddel- und Walzarbeit einzuführen, den Kohlenbergbau an der Ruhr nach englischem

Muster umzugestalten; dankbar rühmt Westphalen dem stets unermüdlichen Volksfreunde nach: „„Friedrich Harkort macht uns das Bette, und wir legen uns hinein.““

Nach anderer Richtung war Caspar Beuth der Repräsentant von Bestrebungen, welche gleichfalls die segensreichsten Früchte für die deutsche Industrie trugen: Er organisirte den technischen Unterricht durch Errichtung des Gewerbe-Institutes in Berlin und gründete den „„Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen““, in dessen Programme er die seitdem oft wiederholten Worte aussprach: „„ Der Gewerbefleiß ist die Grundlage des Wohlstandes der Nationen. ““

Hatte schon Napoleon I. die Macht des deutschen Gedankens begriffen und einen gefährlichen Gegner in der „„Ideologie““ unserer Nation erkannt, welche in Fichte's Hörsaale Waffen zur Vertreibung des Unterdrückers schmiedete – so glaubte Beuth die Entwickelung des deutschen Gewerbefleißes vorzugsweise durch Ausbildung der Theorie, der technisch-wissenschaftlichen Studien und durch Zusammenfassen der technischen Kräfte zu Vereinen zu fördern. Ohne die in jener Periode noch erheblich größere Wichtigkeit der Entwickelung in praktischer Richtung, nach englischem Vorbilde, zu verkennen, werden wir gestehen müssen, daß Beuth's Schöpfungen der Ausgangspunkt für tüchtige Fortschritte in unserem Fache waren, und daß namentlich in der Jetztzeit, wo die Praxis des deutschen Ingenieurfaches sich ebenbürtig neben die Leistungen des Auslandes stellen kann, die Ausbildung der Theorie und ihrer steten Wechselbeziehungen zur Praris den technischen Hochschulen und Vereinen eine immer steigende Bedeutung verleiht.

Von besonderer Wichtigkeit sind endlich die Bestrebungen, eine Einigung des so vielfach zersplitterten deutschen Vaterlandes auf handelspolitischem Gebiete am Schlusse unserer vierten Periode zu erzielen: Es gebührt dem auch für die Einführung der Eisenbahnen in Deutschland unermüdlich thätigen großen Nationalökonomen Friedrich List das hohe Verdienst, in überzeugenden Schriften den Anstoß hierzu gegeben zu haben; die wirkliche Gründung und Ausbildung des Zollverein es ist das nicht minder große Verdienst der preußischen Regierung, welche die entgegenstehenden zahlreichen und bedeutenden Hindernisse energisch zu überwinden wußte.

5. Periode: von 1835 bis 185 5.

Von der ersten Wirksamkeit des Zollvereines und der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn Nürnberg-Fürth im Jahre 1835 rechne ich die fünfte, zwei Decennien umfassende Periode unserer Industrie.

Der Hauptanstoß zur Entfaltung einer regen Gewerbethätigkeit war dadurch gegeben, daß Stephenson’s großartige Erfindung auf deutschen Boden verpflanzt wurde: Baute man auch die ersten Eisenbahnen auf Grund englischer Erfahrungen und gänzlich mit britischen Schienen, Locomotiven und Betriebseinrichtungen, so fanden sich doch bald auch in Deutschland unternehmende Männer, welche Puddel- und Walzwerke nach englischem Muster zur Fabrication der Schienen und des sonstigen Eisenbahnbedarfes herzustellen, Maschinenfabriken und Gießereien anzulegen, die Bergwerke zeitgemäß und für eine verstärkte Förderung einzurichten begannen.

Im Bergbaue und Eisenhütten betriebe war die Einführung der englischen Fabricationsmethoden von durchgreifendstem Erfolge: Man hatte, durch eine zu große Vorliebe für das althergebrachte, vorzügliche und ohne Schwierigkeit weiter zu verarbeitende Holzkohleneisen geleitet, zu lange gezögert, das immer theurer werdende vegetabilische Brennmaterial bei der Erzeugung des Eisens durch Steinkohle zu ersetzen, und mußte nun erst, Angesichts der von Großbritannien außerordentlich billig effeetuirten Eisenlieferungen die Werke umgestalten, welche auch in der Leistung ihrer Maschinen gegen England zurückgeblieben waren. Das Wasserrad wurde nun durch die Dampfmaschine, die Holzkohle beim Hohofenbetriebe allmälig durch Coks, beim Frischprocesse rasch durchgreifend durch Steinkohle ersetzt: Die Bahn dazu war zwar schon in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den vorausblickenden Scharfsinn von Heinitz und Reden gebrochen, indem durch dieselben die Errichtung der ersten Cokshohöfen in Oberschlesien (in Gleiwitz 1796) veranlaßt worden war; auch hatte Karsten die Eisenhüttenkunde durch sein Handbuch in systematischer Behandlung zusammengefaßt; doch war noch viel zu thun übrig, weil die Qualität des bei mineralischem Brennmateriale dargestellten Productes anfangs wenig befriedigend ausfiel, weil die Maschinen und Einrichtungen für den neuen Betrieb mühsam erprobt und die Arbeiter angelernt werden mußten. Nach der Eröffnung des Betriebes auf dem ersten deutschen Puddel- und Walzwerke, Rasselstein bei Neuwied im Jahre 1835, folgten rasch die Hütten zu Lendersdorf, Alf, Ouint, Neunkirchen, St. Ingbert, Nachrodt, Wetter, Oberhausen, Eschweiler, Hoerde, Königshütte und Laurahütte auf diesem Wege, und es werden die Namen Remy, Kraemer, Stumm, Ed. Schmidt, Friedrich Harkort, Haniel und Lueg, Eck und Naglo, Piepenstock, Hoesch und Daelen stets rühmend als Vorkämpfer in der Geschichte unserer Eisenindustrie genannt werden. Roch lange aber war man England und dem ebenfalls weit vorausgeschrittenen Belgien gegenüber nicht concurrenzfähig, namentlich als um das Jahr 1840 eine schwere Krisis die britische Industrie betraf, und die Preise außerordentlich herabdrückte. Erst die Gewährung eines erheblichen Schutzzolles im Jahre 1844 brachte neues Leben in die schon sehr entmuthigte deutsche Eisenindustrie. Nach einigen glänzenden Jahren veranlaßten die Ereignisse des Jahres 1848 von Neuem eine ungünstige Wendung, auf welche erst in der Mitte des folgenden Decenniums ein frischer Aufschwung von früher nicht geahntem Umfange folgte. Theils durch Private, theils vermittelst des modernen Hebels großartiger Unternehmungen, durch Actiengesellschaften wurden Cokshohöfen, Puddel- und Walzwerke, Räderfabriken, Drahtziehereien ins Leben gerufen in Dimensionen, welche sich den Werken Englands und Belgiens würdig zur Seite stellen konnten. Auch begegnen wir dem ersten Aufschwunge der Gußstahlfabrication auf den Werken zu Essen, Bochum, Witten, Wetter, Doehlen und Neustadt-Eberswalde. Die Gewinnung der Eisenerze hielt Schritt mit der Vermehrung der Hohofenproduction; die Steinkohlenförderung entwickelte sich in Schlesien, Sachsen, Westphalen, an der Saar, Inde und Worm in großartigstem Maßstabe, indem einerseits durch Anlage zahlreicher Hüttenwerke und Dampfkessel der Consum gesteigert wurde, und andererseits das immer mehr sich ausbreitende Eisenbahnnetz die Möglichkeit gewährte, selbst entfernteren Gegenden die Kohle billig und leicht zugänglich zu machen. Auch der Metallbergbau nahm Theil an dem allgemeinen Aufschwunge: Während die Gewinnung von Blei-, Silber- und Kupfererzen und deren Verhüttung am Harze, in Sachsen und Thüringen die altgewohnten Resultate lieferte, trat hinzu die bedeutende Zinkindustrie in Oberschlesien und am Rhein; der Bleierzbergbau in Commern erschloß enorme Schätze, und vielfach wurden auf beiden Rheinufern Blei-, Zink-, Kupfer- und Eisenbergwerke wieder in Angriff genommen, deren alte Baue auf eine blühende Zeit der Industrie vor dem Alles zerstörenden 30jährigen Kriege hindeuten. Andererseits entstanden, durch den Bedarf der Eisenbahnen angeregt, Maschinenbauanstalten, Eisen- und Metallgießereien, Kesselschmieden, Locomotivfabriken, welche bald auch die Bedürfnisse der übrigen Industrie in ihr Bereich zogen: Für den Osten wurde Berlin der Centralpunkt dieser Fabriken, und ich nenne nur die weltbekannten Namen Egells, Wöhlert, Heckmann und Borsig, um an deren Geschichte in diesem Zeitraume zu erinnern. Es schlossen sich bald daran ähnliche Fabriken in Breslau, in Magdeburg (für welche die benachbarte, rasch emporblühende Rübenzuckerfabrication ein reiches Feld der Thätigkeit bot), in Chemnitz, Hannover und Cassel. Im Westen gab die reiche niederrheinischwestphälische Industrie den Maschinenfabriken in Wetter, Sterkrade, W)sselburg, Mülheim, Cöln und Aachen einen naturgemäßen Absatzkreis, und es reihten sich daran weiter im Süden ähnliche Unternehmungen in Carlsruhe, Eßlingen, Zweibrücken, Zürich. Auch die Anfänge vieler anderen Industriezweige datiren aus jener Periode: Spinnereien, Webereien und Färbereien entstanden mit Benutzung der vervollkommneten Maschinen in Schlesien, Sachsen, im Wupperthal, in Crefeld, in Süddeutschland und der Schweiz. Gasanstalten fanden immer mehr Eingang in den Städten; den Bedürfnissen entsprechend vergrößerten sich die chemischen Fabriken; Solingen, Remscheid und die Enneperstraße bewahrten ihren alten Ruf in Eisen- und Stahlwaren. Die Architektur fand bei wachsendem Wohlstande der Bevölkerung in den Städten ein reiches Feld für monumentale und bürgerliche Bauten, für welche Schinkel schon in der vorigen Periode eine epochemachende, neue Richtung vorgezeichnet hatte, welche durch seine Schüler in Berlin würdig verfolgt wurde, wie nicht minder in Süddeutschland und am Rhein ein erfreuliches Auftreten edler Kunstformen und zweckmäßiger Constructionen zu

constatiren ist. Für das Ingenieurbauwesen ergaben die großartigen Bauten, welche die Eisenbahnen, Fabriken, Berg- und Hüttenwerke nöthig machten, ein unendlich reiches Feld der Thätigkeit, und Deutschland kann stolz auf manche tüchtige Leistung auf diesem Gebiete sein. Eine neue Wendung nahmen die Constructionen durch die nach englischem und französischem Vorbilde sich immer weiter verbreitende Anwendung des Eisens für Brücken, Dächer, Magazine und Wohngebäude. In diesen zwei Decennien begegnen uns auch die ersten Anfänge des deutschen Ingenieurwesens: Waren auch die hervorragenden Fabricanten und Techniker dieser Periode vorwiegend in rein praktischer Richtung ausgebildet, so erreichten sie doch nach englischem Vorbilde durch ihre geniale Begabung hohe Leistungen in der Technik (ich erinnere nur an Borsig, Egells, Piepenstock), es brach sich jedoch allmälig die Ueberzeugung Bahn, daß es der Eigenthümlichkeit des deutschen Wesens am angemessensten sei, wie in allen anderen Fächern, so auch in der Technik, ein gründliches theoretisches Studium zum Ausgangspunkte für die späteren praktischen Bestrebungen zu machen. Den älteren berühmten Bergakademieen in Freiberg und Clausthal, in welchen die Bedürfnisse des Gangbergbaues und des Metallhüttenbetriebes noch immer eine vortreffliche Vertretung finden, und der Bauakademie und dem Gewerbe-Institute in Berlin schlossen sich bald die unter tüchtiger Leitung rasch emporblühenden polytechnischen Schulen in Hannover und Carlsruhe an. Auf handelspolitischem Gebiete hatte der Zollverein ein, wenn auch noch beschränktes, so doch einheitlich organisirtes Absatzgebiet geschaffen und gewährte durch seine Zölle der Industrie den nöthigen Schutz während ihrer Entwickelungsperiode, ihrer Lehrjahre. Am Schlusse unserer fünften Periode bot sich auf den ersten Weltausstellungen in London (1851) und Paris (1855) der deutschen Industrie Gelegenheit, ihre Leistungen dem Auslande vorzuführen und durch Vergleichung derselben mit den englischen, französischen und belgischen Producten zu erkennen, in welchen Artikeln sie bereits auf dem Weltmarkte concurrenzfähig sei, und wo man noch wesentliche Anstrengungen zur Erreichung dieses Zieles zu machen habe. Mit Genugthuung sah man, daß die Gußstahlfabricate von Essen und Bochum, viele Producte der rheinisch-westphälischen Puddel- und Walzwerke, die Eisen- und Stahlwaren von Solingen und Remscheid, die Locomotiven und Maschinen von Berlin, Magdeburg, Chemnitz, Eßlingen, Carlsruhe, Hannover, die Gewebe und Tuche der linken Rheinseite, des Wupperthales und des sächsischen Erzgebirges, das Leder von Malmedy, Prüm und Siegen von keinem ausländischen Fabricate übertroffen wurden. In anderen Artikeln dagegen zeigte sich das Ausland, wenn auch nicht in der Vollkommenheit, so doch in der Wohlfeilheit der Producte überlegen, und hier gab die Vergleichung auf den Ausstellungen und daran knüpfende Studien in den ausländischen Fabrikdistricten den vortrefflichsten Sporn zum Fortschritte in der Heimat.

6. Periode: von 1855 bis jetzt.

Wenn ich die neueste sechste Epoche unserer Industrie von der Mitte des vorigen Decenniums, von der Pariser Ausstellung im Jahre 1855 datire, so geschieht dies wesentlich in Berücksichtigung des Umstandes, daß gerade diese Weltausstellung die durchgreifendsten, die Neuzeit der Industrie und des Handels charakterisirenden Folgen hatte: Sie bildet den Wendepunkt zum Zeitalter des freien Verkehres, des Freihandels, angebahnt durch Handelsverträge, ermöglicht durch fortschreitende Erleichterung der Communicationsmittel und durch stetes Streben nach billiger und vollkommener Arbeit, um der immer näher rückenden Concurrenz des Auslandes die Spitze zu bieten und Tauschobjecte für den Welthandel zu produciren. «.

Von den Gesammtindustrieen der großen europäischen Nationen zeigt keine andere so viel Aehnlichkeit mit der Entwickelung der deutschen, als die unseres Nachbarlandes Frankreich. Auch hier hatten seit hundert Jahren politische Erschütterungen und darauf folgende Reactionsperioden keine günstige Grundlage zur Entwickelung der Industrie geboten; man hatte erst spät den Einwirkungen der großen britischen Erfindungen Rechnung getragen, war jedoch durch ein System hoher Schutzzölle davor gesichert, daß die ausländische Industrie mit ihren billigen Preisen sich einen umfassenden Markt in Frankreich eroberte.

Da die Franzosen im Allgemeinen wenig Neigung haben, direct im Auslande Studien zu machen, so sahen sie erst auf der Pariser Ausstellung des Jahres 1855 den verschiedenen Standpunkt, welchen ihre Industrie gegenüber der der Nachbarländer, vorzüglich aber gegenüber der britischen einnahm: In Artikeln, wo Geschmack und Façon den Ausschlag geben, arbeitete zwar die französische Industrie unübertrefflich; allein in der Qualität der Waren hatte vielfach Deutschland Besseres aufzuweisen, besonders aber im billigeren Preise England und Belgien. Wollte man auf dem damaligen Standpunkte stehen bleiben, so konnte man zwar durch ein fortdauerndes straffes Schutzzollsystem die einheimische Industrie davor bewahren, daß fremde Producte den französischen Markt eroberten, hätte aber dadurch das ganze Volk zu Gunsten der Fabricanten und Arbeiter benachtheiligt, und vor allen Dingen Frankreich von der Mitbewerbung auf dem Weltmarkte ausgeschlossen. Niemand erkannte die Sachlage besser, als der scharfsinnige Herrscher, welcher die Geschicke Frankreichs in den letzten beiden Decennien lenkt; durch seinen Aufenthalt in anderen Ländern mit deren commercieller Politik vertraut, sah er ein, daß nur durch eine Hinleitung zum Principe des Freihandels die französische Industrie vor einer ihr selbst und der ganzen Nation gefährlichen Einseitigkeit bewahrt werden könne, und ging energisch ans Werk, um in diese Bahn einzulenken, indem er den Abschluß von Handelsund Schifffahrtsverträgen in freisinniger Richtung mit England, Belgien, Italien, der Schweiz und dem Zollvereine bewirkte. In Frankreich begriff die Industrie rasch, daß nur durch Anwendung aller Hülfsmittel, durch eine den neuesten Fortschritten entsprechende Reorganisation der Werke, durch sparsamste und sorgfältigste Fabrication, die Nachtheile ausgeglichen werden konnten, welche die Ermäßigung der Zollsätze und die dadurch bedingte Herabsetzung der Tarife herbeiführten. Ein glücklicher Erfolg krönte in den meisten Fällen die Anstrengungen und Opfer, welche in dieser Richtung gebracht wurden; aber nicht allein Frankreich schritt vor, sondern wir haben mit großer Genugthuung enorme Verbesserungen auch in unserer deutschen Industrie zu begrüßen, deren Standpunkt, dem Zeitalter des freieren Verkehres gegenüber, ein ganz ähnlicher, wie der der französischen, war. Bildete auch die Handelskrisis von 1857 mit ihren Folgen einen harten Prüfstein für alle Werke, so gingen doch die meisten neu gekräftigt und in technischer und commercieller Hinsicht vervollkommnet aus den schweren Jahren hervor, und als seit 1863 die Geschäftsconjuncturen wieder volles Leben in alle Fabricationszweige und reichen Absatz der Producte brachten, zeigte es sich, daß unsere Industrie in ihren qualitativen, quantitativen und finanziellen Leistungen einen Vergleich mit dem Auslande fast nirgends mehr zu scheuen braucht. Ohne mich in Details über den jetzigen Standpunkt der verschiedenen Fabricationszweige in unserem Vaterlande einzulassen, erlaube ich mir aus einem mir nahe stehenden Gebiete einige kurze Daten anzuführen, welche die Fortschritte in den letzten Decennien charakteristren sollen. Vergleichen wir den Anfangs- und Endpunkt der fünften Industrieperiode, also die Jahre 1835 und 1855, mit dem Jahre 1865, so finden wir die Steinkohlen- und Braunkohlenförderung in Preußen gestiegen: von 40 Mill. Ctr. pro 1835 auf 200 (1855) resp. 472 (1865);

- die Roheisenproduction : von 14 Mill. Etr. pro 1835 auf 6 (1855) resp. 15. (1865); die Fabrication von Stab eisen, Draht und Blech: von 1 Mill. Ctr. pro 1835 auf 6 (1855) resp. 10 (1865); die Fabrieation von Stahl: von 0,1 Mill. Ctr. pro 1835 auf 0,4 (1855) resp. 2 (1865). Aehnliche Zahlen können viele andere Industriezweige aufweisen. Daß die Qualität der Fabricate gleichmäßig fortgeschritten ist, wird Jeder zugeben, der die in seiner Branche mit Aufmerksamkeit verfolgt hat: Zwischen den Schienen von 1855 und 1865, zwischen dem gleichzeitigen Roheisen, Stabeisen, Blech, Achsen und Bandagen c. ist ein unendlicher Unterschied nicht zu verkennen. Was endlich die finanzielle Seite anbetrifft, so führe ich nur an, daß der durchschnittliche Preis am Productionsorte in Preußen betrug:

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daß also die Preise durchschnittlich im Verhältnisse von 3 : 2 binnen 10 Jahren gefallen sind, und daß trotzdem die Werke jetzt bessere pecuniäre Resultate als damals liefern. Es ist nicht zu verkennen, daß der jetzt größtentheils vollendeten Anlernung des Arbeiterpersonales sehr viel in Betreff jener besseren Resultate zu verdanken ist, und daß nicht minder der Durchbruch gesunderer Ansichten auf Handels- und volkswirthschaftlichem Gebiete von unendlichem Einflusse gewesen ist – ich erinnere nur an die jetzt fast überall mit Erfolg gekrönten Bemühungen zur Einführung des 1 Pfennig-Tarifs für den Transport der wichtigsten Rohmaterialien, besonders der Steinkohle, ferner an die Aufhebung der Rheinschifffahrtsabgaben und des Sundzolles – allein sehr wesentlich haben an den erzielten Fortschritten die deutschen Ingenieure mitgearbeitet, und es ist ihrem Wirken, welches den praktischen Sinn der Engländer und die Gewandtheit der Franzosen mit deutscher Bildung und Gründlichkeit zu vereinigen sucht, in hohem Grade zu verdanken, daß trotz vieler Ungunst der äußeren und inneren Verhältnisse, trotzdem wir leider noch kein geeinigtes Vaterland, wie unsere großen Concurrenzländer, haben, trotzdem uns nicht die Nachbarschaft des Meeres und die Verbindung mit Colonieen und überseeischen Absatzdistricten geboten ist: daß trotz alledem der Tag nicht fern ist, wo deutsche Kohle, deutsches Eisen und Stahl und die Maschinen und Gewebe unserer Heimat wie ehemals in den glorreichen Zeiten der Hansa den Weltmarkt erobern werden. Und fragen wir schließlich: was kann unser gemeinsamer Centralpunkt, der Verein deutscher Ingenieure, uns bieten und leisten, um jenem Ziele zuzustreben? so glaube ich, daß schon im Vorstehenden eine Antwort auf diese Frage enthalten ist. Unser Verein muß immer mehr „„ ein inniges Zusammenwirken der geistigen Kräfte deutscher Technik zu gegenseitiger Anregung und Fortbildung im Interesse der gesammten Industrie Deutschlands““ möglich machen; seine Thätigkeit im Innern muß lebendig und allseitig anregend sein, und Theorie und Praxis, Wissenschaft und Erfahrung in steter fruchtbringender Wechselwirkung erhalten; seine Organisation muß concentrirt und doch elastisch sein, damit er alle gleichgesinnten Freunde umfassen, sich den Bedürfnissen der Zeit anfügen und sogar allmälig der technischen Entwickelung neue Bahnen andeuten könne. Und hierzu, meine Herren, erbittet der Verein Ihrer Aller geneigte Gesinnung und Mitwirkung: Lassen Sie uns einmüthig und mit allen Kräften, Jeder in seinem Kreise und doch im Anschlusse an die Gesammtheit, an dem gemeinsamen Werke mitarbeiten, und lassen Sie uns vor Allem nie vergessen, daß wir ein hohes Ziel vor Augen haben, wenn auch die Sorgen und Mühen des täglichen Lebens oft unsere Gedanken an die Materie fesseln: die Ehre und Macht unseres Vaterlandes! Und in diesem Bewußtsein bitte ich Sie freudig einzustimmen in den Ruf, mit welchem wir unsere Verhandlungen eröffnen wollen: Unser Vaterland, unser schönes großes Deutschland lebe hoch!“ (Die Versammlung stimmt lebhaft in das dreimalige „Hoch!“ ein.) – Nach dieser Rede des Vorsitzenden nahm Hr. Wels, Vorsitzender der Hütte, das Wort:

„ Hochgeehrte Herren! Nachdem der Herr Vorsitzende diese Versammlung eröffnet hat, nachdem er entwickelte, was uns hierher geführt, und was von uns in Einigkeit vollbracht werden soll, so gestatten Sie mir wohl, die Festfeier damit zu beginnen, daß ich Sie Alle willkommen heiße.

Zuerst begrüße ich Sie, geehrte Anwesende, die Sie durch kein anderes Band an einen der beiden Vereine geknüpft sind, als durch das der regsten Theilnahme an dem Gedeihen derselben. Dies Interesse ehrt uns und ist ein mächtiger Hebel für die Förderung unserer Wirksamkeit. Unter Ihnen grüße ich namentlich Sie, verehrte Doeenten! Durch Sie erfahren wir in akademischen Hörsälen unter einem wohlwollenden Directorium die tiefen und ehrwürdigen Wahrheiten der Wissenschaft, die neuesten Erfindungen und Entdeckungen. Sie begründen und leiten unermüdet durch Rath und That unsere Entwickelung und Sie heute so zahlreich unter uns zu sehen, macht uns dieses Fest zu einem besonders frohen und glücklichen. Und Sie grüße ich, verehrte Mitglieder des Ingenieurvereines, die hier zu sehen wir seit Jahren so freudig hofften. Ihrer gedachten wir stets, wenn die Stunde der Trennung von der Akademie und vom Freundeskreise näher und näher rückte

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