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Nibelungen und Gudrun; an dem kunstsinnigen Hofe des Lands grafen von Thüringen erblühte die deutsche Ritterdichtung des Mittelalters, und herrliche Dome, deren Bollendung theilweise noch unseren Tagen vorbehalten bleibt, sowie viele in edelstem Style und reichem Sdmude uns überlieferte Nathhäuser und andere Bauten und Kunstwerke geben Zeugniß von dem Reich, thune und dem opferfreudigen Gemeinsinne und zugleich von der yoch entwickelten Kunst und Technik jener Glanzzeit des deutschen Neiches.

Daß unter dem Einflusse des oben geschilderten Umschwunges im Weltverfehre, unterstüzt von kräftiger politischer Organisation, auch Industrie und Handel in Deutschland emporblühten, ift naturs gemäß: Die süddeutschen freien Reichsstädte Augsburg, Ulm, Regengburg, Nürnberg, Basel, Speier, Worme, Mainz und Frankfurt tauschten zuerst mit Benußung der Wasserstraße der Donau, dann durch Vermittelung von Venedig, Mailand, Florenz und Genua die Waren des Drients gegen Erzeugnisse deutschen Gewerbefleißes ein und verbreiteten fte über die damals dem deutschen Reiche angehörigen Städte Dee Eliasses und der Niederlande, über Straßburg, Antwerpen, Brügge nach Frankreich und England, sowie über die norddeutschen Handelspläße Dortmund, Soest, Braunichweig und (in Gemeinschaft mit den Zudustrieproducten dieser Leteren) über Hamburg, Lübeck, Danzig nach dem skandinavischen Norden und nadı Rußland.

Als jedoch nach kaum einem Jahrhundert der Leste der Hoheitstaufen der welschen Tücke zum Dpfer gefallen war, und tiefer Zwiespalt unser einst so mächtiges und blühendes Vaterland zertheilte, als Ritter zu Wegelagerern wurden, und nicht mehr eine träftige Herrscherhand die Uebergriffe des Papstthumes in weltliche Dinge zurückwies; als Runst und Wiffenfq;aft in den Klöstern ihre Zufluchtsstätte finden mußten - in jenen traurigen Zeiten der deutschen Geschichte erhielten sich wenigstens die Industrie und der Handel inmitten der allgemeinen Anarchie fräftig aufrecht.

Um fich gegenseitig vor der Gewaltthaten der Junker und Pfaffen zu schüßen, schlossen die durch langjährige Betriebsamkeit und unter eigener reichsfreier Verfassung zu Wohlstand und Macht gelangten Städte in Sdwaben, am Rhein und im Norden Bündnisse und vermochten noch cinige Jahrhunderte hindurch froß aller politischen Wirren eine befriedigende Gristenz zu führen; ia fte gelangten sogar durch kräftige Bundesorganisation, durch intelligentefte und energische Führung ihrer commerciellen Interessen zum hödysten Einflusse auf die Entwickelung des gesammten nördlichen Guropa's.

Neben den Verbänden der mitteldeutschen Handelspläße, wo später die Reichthümer fer Fugger und Welfer sprichwörtlid) geworden sind, war besonders das große Städtebündniß des Nordens, die Hansa, von umfassender Bedeutung: Ihre Geschichte bildet den Glanzpunkt deutscher Industrie und deutschen Handels im Mittelalter.

Die Entstehung des Hanseatischen Verbandes ist auf die Handelss beziehungen zwischen den norddeutschen Städte und Skandinavien und Rußland zurückzuführen, welche im Anfange durch Zwijden= pläße, besondere durch Wisby auf der Insel Sothland vermittelt wurden; bald aber gewann der Einfluß der deutschen Raufleute im Norden so die Oberhand, daß diejelben, zu dem oben genannten Bunde fest vereinigt, den gesammten Nord- und Ditfechandel beherrschten, eigenc Handelåniederlassungen in den wichtigsten Rüstenpläßen von Schweden, Norwegen und Rußland gründeten, wo die Binnenstädte der Hansa (Altena, Iserlohn, Dortinund, Soest, Braunschweig) nicht minder direct verkehrten als die Seehäfen Bremen, Hamburg, Schleswig, Lübeck und die weiter öftlich unter dem Einflusse des deutschen Ritterordens emporblühenden Städte Marienburg, Danzig, Königsberg, Rebal und Riga.

Der Eintaujd der nordischen Landeøproducte: Pelzwerk, äute, Lalg, Holz, Getreide und Fleijd) gegen die Erzeugnisse deutscher Industrie, gegen wollene und Teinene Gewebe, Metale und Waffen, Wein und Bier bildete den Gegenstand cines weitverzweigten Handele: In den Händen des Hanseatischen Bundes ruhte aussdließlid) die Beförderung der Güter durch die Schifffahrt, sowie die ergiebige Fischerci in den nordischen Meeren, welche zugleich, wie auch in Holland und Benedig, die vortreff lichste Schule für Matrosen war; hierauf gestüßt, vermochte die Hansa ihre Kriegsflotte derartig auszubilden, daß dieselbe überal fräftig das Ansehen und die Interessen der Mitglieder wahren konnte und nicht selten entsdeidend in die staatlichen Verhältnisse Dce Nordens eingriff, wie jener Bund überhaupt bei vortrefflicher

commercieller und administrativer Organisation fehr geschickt in der Politik operirte und sich durch Tractate und Freibriefe viels fache Vortheile für seine Handelåniederlassungen in fremden Ländern zu fidern wußte.

Deutsche Flotten beherrschten also damals die nordischen Meere, und die bevorzugte Stellung, welche der Hanfabund als ausschließlicher Vermittler des Handels einnahin, indem er als Vertreter der deutschen Industrie deren Fabricate gegen die Bodenerzeugnisse anderer Länder cintauschte, ist ganz analog der Rolle, welche heute Großbritannien in Welthandel spielt. Und auch legtereo, jest so mächtige und industrielle Reich war dainals, wie die anderen nordischen Staaten, nur eine Domäne der Hansa, welche dort feste Handeløniederlassungen besaß, deutsche Wollen-, Leinen- und Metallwaren und Fische einführte und gegen englische Bodens erzeugnisse und Rohproducte umseşte.

Die große Menge von norbischen Rohstoffen, welche der deutsche Handel heimbracite, fonnte in Deutschland allein nicht consumirt und verarbeitet werden, und bot deren weitere Versendung nach dem Süden einen zweiten Hauptzweig Der Hanseatischen Handeldthätigkeit.

Die einzige Nation, welche damals der deutschen ebenbürtig zur See bastand, war die italienische: Wie Lübeck und seine Vers bündeten die Nord- und Dftfee, To beherrschten Venedig, Florenz und Genua das Mittelmeer und führten die Specereien und Ges würze, die Schmucksachen und die Seide von Indien, China und Arabien heim, um sie dann, zusammen init den Bodenerzeugnissen und Fabricaten des südlichen Europa's, in den Welthandel zu bringen und namentlid, mit den fanseaten gegen nordische Robs producte und deutsche Waren umzutausden.

Die damals Deutschen Niederlande, mit ihren beiden großen Þandeløpläßen Brügge und Antwerpen, waren der offene Markt für diesen wichtigen Verkehr zwischen Süden und Norden; dort war der Stapelplaß für die Waren aus allen Welttheilen. So vereinigten die Städte der Hansa, Norditaliens und der Nieders lande die gesammte Industrie und den Handel in Mittelalter, und wir verdanken ihren vielseitig und einsichtig wirksamen Bürgern die vortrefflichsten Normen für den Handel, die Schifffahrt, die commercielle und bürgerliche Gesebgebung, den Bank- und Wechsels berkehr, welche noch heute die Grundlage für die wichtigsten Ins ftitutionen dieser umfangreichen Gebiete bilden.

So sehen wir also, daß in dieser mittelalterlichen Glanzperiode des deutschen Handels vielfach Producte deutscher industrie eine Hauptrolle im Weltverfeyre spielen, und wenden uns zu einer Betrachtung der damaligen

Süddeutsche und westphälische Leinwand, niederländische Wollenstoffe, Waffen und Metallarbeiten, Wein und Bier werden uns als vorzüglichste Producte unserer damaligen Industrie, als Hauptartifel des deutschen Erports genannt. Während die Herstellung von Wein und Bier den landwirthschaftlidien Gewerben angehört und weniger Intereffe für unseren Standpunft beansprucht, bes gegnen wir andererseits der zu einem hohen Grade der Vollkommenheit ausgebildeten Industrie der Gewebe, worin Deutsch land dem Welthandel Leinwand und Wollenstoffe lieferte, wogegen das südlidze Europa, wie noch heute, in Seidenwaren den Markt beherrschte und auch cinige Anfänge von Baumwollenindustrie auf weisen konnte.

Für Leinwand war damals, wie noch heute, die Gegend von Bielefeld und Herford der Centralpunkt der deutschen Fabrication, inden dort durch sorgfältige Cultur des Flachscs, durch Reinigung und Röstung, durch Spinnen und Verweben vermittelft Hands arbeit die in allen Ländern berühmten Leinengewebe hergestellt wurden. Wenn auch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die Industrie jenes Bezirkes durch Einführung der Maschinenarbeit in England, Irland und Belgien zeitweise überflügelt wurde, so hat sie doch in den legten Decennien durch Aneignung der zeits gemaßen Verbesserungen erfolgreiche Anstrengungen gemacht, um ihren alten Rang wieder einzunehmen.

In den Niederlanden, welche damals mit Deutschland vollständig vereinigt waren (wie ja noch heute Holland ausschließlich und Belgien in seiner der Zahl wenn auch nicit dem Einflusse nach überwiegenden vlämischen Bevölkerung nur einen Zweig des großen niederdeutschen Volfsstammes repräsentirt) entwickelte fich durdy fleißige und geschickte Arbeiter eine vorzügliche Fabrication bon wollenen Stoffen, deren Producte den Weltmarkt beherrschten. Die inneren Verhältnisse der Industrie, welche damals ausschließlich

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ale Sandwerk auftrat, waren festen Normen unterworfen: Innungen und Zünfte umfaßten alle Berufsgenossen und wurden durch die sorgsamsten, den Einzelnen freilich oft beengenden, dem damaligen Standpunkte des gesammten Gewerbes jedoch meistens große Vors theile bringenden Sagungen geregelt: Unsere Zeit verlangt freilich mit Recht eine andere Gestaltung der Verhältnisse des Handwerkes, Abschaffung jener mittelalterlichen Institutionen und kann nur, wie bei der Fabrikthätigkeit, von einer freien uneingeschränkten Entwidelung Heil für das Handwerk erwarten.

Außer der Industrie der Gewebe finden wir die Fabrication und Verarbeitung der Metalle in jener Periode als einen Haupts zweig der deutschen Gewerbethätigkeit, und es liegen uns manche Nachrichten vor, nach welden wir den damaligen Standpunkt dieser Industriezweige verfolgen fönnen.

Edle Metalle wurden im Harze und im facuftfchen Erzgebirge gewonnen, wo der Gangbergbau schon früh zu hoher Vollkommenheit gebiehen war, so daß dafür noch bis heute jene Gegenden die Mufterstätten sind, nach weld)en der gleichartige Bergbau in Europa, Aften und Amerifa eigerichtet wurde.

Nicht minder beachtenswerth sind die dort gleichzeitig ausges bildeten Proceffe zur Gewinnung von Blei und Kupfer.

Besonders aber sind die Leistungen der danialigen Eisen- und Stahlindustrie zu bemerken, welche dem deutschen Fabricate lange den Weltniarkt sicherten und selbst bis zur Neuzeit in einigen Artikeln behaupteten, trozdem großartige, aber von Deutschland leider sehr svåt gewürdigte Fortschritte des Auslandes bis zur jüngsten Zeit jene Industrie in vieler Beziehung überflügelten

Bereits aus dem 6. Jahrhundert haben wir durch Urkunden Nachricht über den Eisensteinbergbau und die Eisengewinnung am Şarze, aus dein 9. Jahrhundert von Nassau, etwas später von dem Siegener Districte. Die Verleihungourfunde des Müfener Stahlberges Datirt vom 4. Mai 1313; noch früher scheint bei Iserlohn am Thüringer Walde und in der Eifel Bergbau auf Eisenstein betricben worden zu sein: So rekon wir also schon vor fast einein Jahrtausend die Eisensteingruben jener Reviere in Thätigkeit, welche die Basis der gesammten späteren und zuin großen Theile auch noch der heutigen Fabrication vorzüglichster Gisen- und Stahlsorten bildeten.

Wahrscheinlich wurde in jener Anfangøperiode der Eisenund Stahlindustrie das Grz in Rennfeuern niedergeschmolzen, von denen man Schlackenreste nody auf vielen Bergen jener Gegenden antrifft.

Die Einführung der Hohöfen und der Frischfeuer folgte später: Es wurde unter Anwendung von Holzkohle als Brennmaterial in Ersteren das Grz zu Roheisen oder Rohstableisen verschmolzen, und in Frisdfeuern zu schmied barem Eisen oder Stahl umgewandelt, welche dann unter Redhammern zu den dem Bedürfnisse des Handels entsprechenden Stäben ausgeschmiedet wurden. Als Betriebsfraft für die Gebläse dienten die reichlich vorhandenen Waffergefälle.

Ueber derartig ausgebildete Eisen- und Stahlindustrie haben wir sichere Nadırichten vom Harz, von Thüringen, aus der Gifel und von Westphalen: Während in leßterer Gegend die Hohöfen fast ausschließlich in den Grubenrevieren des Siegener Landes und dem sogenannten freien Grunde, in dem bei Berdorf in die Sieg cinmündenden Hellerthale, sowie in dem benadybarten Nassau ihre Stätte fanden, verbreitete sich der Frisdfeuerbetrieb nordwärts nad, den Holzreichen Thalern der Lenne, und es schloß sich weiter daran ist der Mark die ireitere Verarbeitung des Eiseng und Stables; namentlicy waren dion in jenen Zeiten die Neckhammer der Mark, die Drahtziehereien von Altenit, die Panzerfabriken von Iserlohn in lebhaften Betriebe und lieferten für den ganzen Welthandel geschåßte Waren, ebenso wie Solingen, Remscheid und die Enneper Straße sowie Steiermark in der Fabrication blanker Waffen, Sensen, Meffer und vielfacher Geräthe für den häusliden Bedarf ovenan standen.

Erst vor wenigen Jahren wich die alte Handelsniederlassung der Hansa in der Metropole Großbritanniens einer anderen Bestimmung; ihr Name Stahlhof" deutet schon darauf hin, daß Eisen und Stahl damals eine Hauptrolle bei der Ausfuhr Deutschlande Togar nach England bin spielten.

Bin ich vielleicht etwas zu ausführlich bei der Schilderung jener Olanzzeit der Größe und Macht unseres Vaterlandes, bei der mittelalterlichen Blüthe der Gewerbe- und Handelsthätigkeit gewesen, so hoffe ich doch auf Ihre Nachsicht: Die Erinnerung verweilt gern bei jenen Zeiten, welche bedeutungsvolle Vorbilder für

unsere jeßige Entwidelung des politischen und commercie. Ven Lebene enthalten.

Desto rajder möge die folgende Periobe an uns boruiber ziehen, welche nur wenig Erfreuliches für Deutschland in pardo schließt.

3. Periode : von 1500 bis 1740. Der Beginn des neueren Abschnittes der Weltgeschichte ist durch widytige, das innere Leben der Nationen und ihren Gesichtbe freie nach Außen umgestaltende Begebenheiten bezeichnet: Durch die Seefahrten der Portugiesen an der afrikanischen und indischen Küste, die Entdeckung Amerifa's und die Reformation. Die erfigenannten Ereignisse gaben zivei bisher wenig hervorragenden Nationen, den Portugiesen und Spaniern, einen Hauptantheil an der Entwicelung des Handels, während Deutschland, bie Wiege der Reformation, durch den Zwiespalt auf dem Gebiete des Glaubens so in Anspruch genominen wurde, daß es feine frühere Stellung im Welthandel bald ganz einbüßte. Der 30 jährige Krieg bolla endete das Werk der Zerstörung, vernichtete Industrie und Handel völlig und löfte Deutsdland in Hunderte bon Kleinstaaten auf welche unter fich uneinig und den Einflüffen des Auslandes zugänglich waren. Je mehr das deutsche Reich zerfiel, desto mehr kräftigte fich das Ausland: Frankreich hatte schon im 16. Jahrhundert Lothringen an sich geriffen und gewann unter ludwig XIV. eine solche Concentration, daß es wagen konnte, sogar den Elsaß dem deutschen Reiche zu entfremden; Sully und Colbert legten die Grundsteine zur Entwicklung der nationalen Industrie.

Die Staaten der iberischen Halbinsel brachten aus ihren Co: lonieen die Schäße beider Indien nach Europa; Stalien unterhielt den regsten Verkehr mit dem Drient; venetianische und genuefische Flotten beherrschten das Mittelmeer. Ebenso blühte der Handel in den von Spanien befreiten Niederlanden, und auch England gewann unter Elisabeth und Cromwell die lange vermißte Einheit im Inneren und bereitete seine spätere Herrschaft zur See por: fogar der Norden blieb nicht in der Entwickelung zurück, indem er durch Gustav Adolph, Carl X., Gustav und Garl XII. in hervorragender Weise Antheil an den politischen Ereignissen Europa's nahm, und für Rußland begann mit Peter dem Großen eine neue Aera für großartigfte Entwickelung.

In Deutschland findet dagegen in jenen Zeiten der forschende Blick kaum Etwas, was bessere Zustände verheißen könnte: Die Auflösung zu einem Chaos von widerstreitenden, aber gleichmäßig widerwärtigen und der Entwicelung aller Cultur widerstrebenden Elementen schien unvermeidlicy; es schwand das Selbstbewußtsein der Nation, das Gefühl der Zusammengchörigkeit.

4. Periode: von 1740 bis 1835. Als Anfang einer besseren Epoche können wir erst die Thronbesteigung Friedrichs des Großen (1740) bezeichnen: Seine großartigen Kriegøthaten verschafften zum ersteninale wieder nach langer Zeit dem deutschen Namen Anerkennung, und nid)t minder, als die Vergrößerung des Landes nach Niederwerfung vielfach überlegener Feinde, hat ihm Preußen die vortrefflichste Organisation im Innern, die Reforin der Geseßgebung, die nirgends übertroffene eracte Arministration zu verdanken; auch den Gewerben ließ er direct feine Fürsorge angedeihen, indem er tüchtige Kräfte aufzufinden wußte, welche, wie Heiniß, Neden und Stein von nachhaltigstem Einfluffe auf die gesammte Entwickelung der deutschen Industrie wurden. Er schuf durch Gründung der preußischen Banf einen für die Förderung der Gewerbethätigkeit und des Handels hochwichtigen Centralpunft zur Regelung der Finanz- und Creditoperationen und crrichtete das Seehandlungsinstitut, un größere industrielle Anlagen zu betreiben, für welche in damaliger Zeit den Privaten dio Mittel und der Unternehmungegeist fehlten.

Unter dem Einflusse des großen Herrschers und seiner Thaten sehen wir bald ein Ringen und Treiben aller geistigen Kräfte neni erivadjen, welche zunächst auf dem Gebiete der Literatur, Kunst und Wissenschaft cin neues claffisdes Zeitalter für Deutschland herbeiführten: Lessing'8 scharfe Kritik beseitigt den bisher dominirenden Einfluß der franzöfisden Richtung in der Literatur; Winkelmann erobert für uns dag Älterthum und läßt den Glanz antiker Runft aufleuchten über unserer nordischen Welt; im Verständnisse der claffischen Zeiten von Griechenland und Rom eridhließen fich Vorbilder für deutsche Bildung; in klopftod's kraftvoú tönender Dichtung empfängt das Wort Vaterland" eine neue Bedeutung, eine ergreifende Kraft, eine läuternde Weise; in dem Dioskurenpaar unserer Literatur, in Göthe und Schiller,

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findet die Richtung der neuen Zeit ihren allseitig anregenden, edelften Ausbrud.

Selbst die Stürme der franzöftschen Revolution, selbst die darrauf folgenden fdweren Zeiten der Fremdherrschaft vermochten pricht, die Bewegung von der einmal vorgezeichneten Bahn abzulenken; im Gegentheil, fie erzeugten neue- Thatkraft, eine durch wahre Bildung genährte Begeisterung, welche bald die Befreiung unseres Vaterlandes vom Joche des fremden Eroberers bewirkte.

Die folgende Reactionsperiode war der Entwicelung des Culturlebens und speciell der Industrie und des Handels wenig günstig, da Deutschland in noch immer vielfach zertheilter Form aus den großen Umwälzungen hervorgegangen war, und eifersüchtige und engherzige Rückfichten zwischen den einzelnen Staaten tee Inund Auslandes eine freiere Bewegung, wie sie dic Industrie nöthig hat, unmöglid) machten.

England dagegen, welches in den Kämpfen des legten Jahrhunderts die unbedingte Oberherrschaft zur See errungen hatte, bermochte in Folge seiner freieren Institutionen rasch seine Industrie derartig zu entwickeln, daß ste bald der widytigste Theil der nationalen Thätigkeit wurde und die fast aller anderen Völker durch Vollfommenheit und Wohlfeilheit der Arbeit weit übertraf; nur Nordamerika und Belgien, wo in ähnlider Weise ein freies Volk die reichen natürlichen Hülfømittel des Landes energisch ausfubeuten verstand, bermodyten mit den englischen Leistungen in mancher Beziehung zu wetteifern.

GG führt uns dies zu den großartigen Erfindungen, welche, vorwiegend in Großbritannien ausgebildet, in der Icßten Hälfte des vorigen und im Anfange unserce Jahrhunderts die englische Industrie völlig umgestaltet und ste zum Ausgangspunkte für alle ferneren Fortschritte auf unserem Felbe gemacht haben.

Vor Adem sind hierhin die Erfindungen und Verbefferungen von James Watt in Betreff der Dampfmaschine zu rechnen: Erst dadurch, daß durch die mechanische Kraft in bequemer und billig zu unterhaltender Weise und in großartigstem Maßstabe ein Ersag für die menjchliche oder thierische Bewegung geboten wurde, war eine nachhaltige Entwidelung der Industrie möglich.

im die anderweitigen epochemachenden Erfindungen jener Zeit kurz zu erwähnen, erinnere ich an die Construction der Spinnmasoine und des mechanischen Webestuhics durch Arkwright, Crompton, Gartwright und Jacquard; an dic Ginführung des Gofo ftatt der Holzkohle beim Gohofenbetricbe; an die Auss bildung des Puddel- und Walzprocesses für Eisen durch Gort unt Parnell; an Hunt & inan's Erfindung der Gubstahlfabrication; an die Ausbildung der elektrisden Telegraphie durd) Gauß, Weber, Steinheil, Wheatstone und More; an Fulton'B erste Versuche zur Dampfschifffahrt, und vor Aűem an Georg Stephenson's große Erfindungi die Eisenbah

Wenige Denkmäler haben auf mich einen so tiefen Einbrud gemacht, ale Stephenson's crfte Locomotive, welche in ihrer primitiven Form auf dem Bahnhofe zu Stockton dem Andenken der Nachwelt aufbewahrt wird: Welche unendlichen Fortschritte verdankt die Industrie und der Handel, dic Civilisation des gesammten Menschengeschledytes der Ausbildung jenes dort in unscheinbarer Form zuerst in's Leben getretenen Gedankene!

England war der fruchtbarste Boden zur Entwicklung der Ideeen seiner großen Ingenieure und bildete fte, gestüßt auf reichste natürliche Hülf&quellen und in richtiger Erkenntniß der Zeitrichtung praktisch und zum Vortheile der ganzen Nation aus, während die epodiemachenden deutschen Erfindungen der vorigen Jahrhunderte, Schießpulver und Buchdruckerkunst, vorwiegend dazu gedient hatten, in den unglückseligen Rämpfen der Parteien Körper und Geist init neuen Waffen auszurüsten.

Erst am Ende unserer vierten Periode sehen wir Deutschland einigermaßen einen Anfang machen, um den Fortschritten des Auslandes auf industriellen Gebicte zu folgen, und zwar ging der Anstoß dazu einerseits von cinigen Industriellen aus, welche in vorgeschrittener Erkenntniß die cnormen Fortschritte der englischen Technik würdigten und bei uns einzuführen firebten. Vor Allem habe ich Ihnen in dieser Ridtung das Wirken eines Mannes her: vorzuheben, welchen in jugendlicher Nüftigkeit unser Verein nocy heute zu seinen Mitgliedern zählt: Friedrich Harfort ftand in vorderster Reihe, als es galt, die ersten Maschinenfabriken, Eisengießereien und Resselschmieden in Deutschland anzulegen, die Cylindergeblåse bei den Hohöfen und die englische Puddel- und Walzarbeit einzuführen, den Kohlenbergbau an der Ruhr nach englischem

Muster umzugestalten; dankbar rühmt Westphalen dem stets uners müdlichen Volfefreunde nady: Friedrich Harfort macht une Das Bette, und wir legen uns hinein.

Nach anderer Richtung war Caspar Beuth der Repräsentant von Bestrebungen, welche gleichfalls die segensreichsten Früchte für die deutsche Industrie trugen: Er organifirte ten tedynischen Unterricht durch Errichtung des Gewerbe-Institutes in Berlin und gründete den Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen"", in dessen Programme er die seitdem oft wiederholten Worte aussprach): Der Gewerbefleiß ist die Grundlage des Wohlftandes der Nationen.“

Hatte schon Napoleon I. die Macht des deutschen Gedankens begriffen und einen gefährlichen Gegner in der ,, Ideologie"" unserer Nation erkannt, welche in Fichie's Hörsaale Waffen zur Vertreibung des Unterbrückers schmiedete To glaubte Beuth die Entwicelung des deutschen Gewerbefleißeß vorzugsweise durch Augbildung der Theorie, der technisch-wissenschaftlichen Studien und durch Zusammenfassen der technischen Kräfte zu Vereinen zu fördern. Dhie die in jener Periode noch erheblich größere Wichtigkeit der Entwickelung in praktischer Richtung, nach englisdem Vorbilde, zu verkennen, werden wir gestehen müssen, daß Beuth's Schöpfungen der Ausgangspunkt für tüchtige Fortschritte in unserem Fache waren, und daß namentlich in der Jeftzeit, wo die Praxis des deutsdyen Ingenieurfaches fich ebenbürtig neben die Leistungen des Auslandes stellen kann, die Ausbildung der Theorie und ihrer fteten Wedselbezichungen zur Þraris den technischen Hochschulen und Vereinen eine immer steigende Bedeutung verleiht.

Von besonderer Wichtigkeit find endlich die Bestrebungen, cine Einigung des so vielfach zersplitterten deutschen Vaterlandes auf handelspolitischem Gebiete am Schlusse unserer vierten Periode zu erzielen: Es gebührt dein auch für die Einführung der Eisenbahnen in Deutschland unermüdlid thatigen großen Nationalökonomen Friedrich List das hohe Verdienst, in überzeugenden Sdriften den Anstoß hierzu gegeben zu haben; die wirkliche Gründung und Ausbildung des Zollvereines ist das nicht minder große Verdienst der preußischen Regierung, welche die entgegenstehenden zahlreichen und bedeutenden Hindernisse energisch zu überwinden wußte.

5. Periode : von 1835 big 1835. Von der ersten Wirksamkeit des Zollvereines und der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn Nürnberg-Fürth im Jahre 1835 rechne ich die fünfte, zwei Decennien umfassende Periode unserer Industrie.

Der Hauptanstoß zur Entfaltung einer regen Gewerbethätigfeit war dadurch gegeben, daß Stephenson's großartige Erfins bung auf deutschen Boden verpflanzt wurde: Baute man auch die ersten Eisenbahnen auf Grund englischer Erfahrungen und gänzlich mit britischen Schienen, Locomotiven und Betriebscinrichtungen, so fanden sich doch bald and in Deutschland unternehmende Männer, welche Puddel- und Walzwerke nady englischem Muster zur Fabrication der Sdyienen und des sonstigen Eisenbahnbedarfes herzustellen, Maschinenfabriken und Gießereien anzulegen, die Bergwerfe zeitgemäß und für eine verstärkte Förderung einzuridyten begannen.

3m Bergbauc und Eisenhüttenbetriebe war die Einführung der englischen Fabricationsmethoden von durcgreifendsten Erfolge: Man hatte, durch eine zu große Vorliebe für das alta hergebrachte, vorzüglidhe und ohne Schwierigkeit weiter zu verarbeitende Holzkohlencifen geleitet, zu lange gezögert, das immer theurer werdende vegetabilische Brennmaterial bei der Erzeugung des Eisens durch Steinkohle zu ersehen, und mußte nun erst, Ans gefichte der von Großbritannien außcrordentlich billig effectuirten Gisenlieferungen die Werke umgestalten, welche auch in der Leistung ihrer Maschinen gegen England zurückgeblieben waren. Das Wasserrad wurde nun durch die Dampfmaschine, die Holzkohle beim Hohofenbetriebe allmälig durch Coks, beim Frischprocefse rasdh durchgreifend durch Steinkoble ersegt: Die Bahn dazu war zwar schon in den legten Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den vorausblickenden Scharfsinn von Heiniß und Reden gebrodzen, indem durd, dieselben die Errichtung der ersten Cokshohöfen in Oberschleften (in Gleiwiß 1796) beranlaßt worden war; auch hatte Karsten die Eisenhüttenkunde durdy fein Handbuch

, in systematifcher Behandlung zusammengefaßt; doch war noch viel zu thun übrig, weil die Qualität des bei mincralischem Brennmateriale dargestellten Productes anfangs wenig befriedigend ausfiel, weil

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die Maschinen und Einrichtungen für den neuen Betrieb mühsam erprobt und die Arbeiter angelernt werden mußten.

Nach der Eröffnung des Betriebes auf dem ersten deutschen Pubbel- und Walzwerke, Rasselstein bei Neuwied im Jahre 1835, folgten rasch die Hütten zu Lendersdorf, Alf, Quint, Neunkirchen, St. Ingbert, Nachrodt, Wetter, Oberhausen, Edweiler, Hoerbe, Königshütte und Laurahütte auf diesem Wege, und es werden die Namen Remy, Kramer, Stumm, 6D. Schmidt, Friedrich Harkort, Haniel und Lueg, Eck und Naglo, Piepen ftod, Hoesch und Daelen stets rühmend als Vorkämpfer in der Oes schichte unserer Gisenindustrie genannt werden.

Noch lange aber war man England und dem ebenfalls weit vorausgeschrittenen Belgien gegenüber nicht concurrenzfähig, namentlidh ais un das Jahr 1840 eine schwere Krisis die britische Industrie betraf, und die Preise außerordentlich herabdrückte. Erft die Gewährung eines erheblichen Säußzolles im Jahre 1844 brachte neues Leben in die schon sehr entmuthigte deutsche Eisenindustrie.

Nach einigen glänzenden Jahren veranlaßten die Ereignisse del Jahres 1848 von Neuem eine ungünstige Wendung, auf welche erst in der Mitte des folgenden Decenniums ein frischer Aufschwung von früher nicht geahntem Umfange folgte. Theils durch Private, theils vermittelst des modernen Hebels großartiger Unternehmungen, durch Actiengesellschaften wurden Cofshohöfen, Pubbel- und Walz= werke, Räderfabriken, Drahtziehereien in's Leben gerufen in Dimenftonen, welche fich den Werken Englande und Belgiens würdig zur Seite stellen konnten. Auch begegnen wir dem ersten Aufichwunge der Gußstahlfabrication auf den Werken zu Essen, Bodyum, Witten, Wetter, Doehlen und Neustadt-Eberswalde.

Die Gewinnung der Eisenerze hielt Schritt mit der Vermehrung der Hohofenproduction; die Steinfohlenförderung entwidelte stdin Schlesten, Sachsen, Westphalen, an der Saar, Inde und Worm in großartigstem Maßstabe, indem einerseits durdy Anlage zablreicher Hüttenwerfe und Dampfkessel der Consum gesteigert wurde, und andererseits das immer mehr sich ausbreitende Eisenbahnnet die Möglichkeit gewährte, selbst entfernteren Gegenden die Roble billig unb leicht zugänglich zu machen. Auch der Metallbergbau nahm Theil an dem allgemeinen Aufschwunge: Während die Gewinnung von Bleis, Silber- und Kupfererzen und deren Verhüttung am Harze, in Sachsen und Thüringen die altgewohnten Resultate lieferte, trat hinzu die bedeutende Zinkindustrie in Oberschleften und am Rhein; der Bleierzbergbau in Commern erschloß enorme Schäße, und vielfach wurden auf beiden Rheinufern Blei-, Zint-, Rupfer- und Eisenbergwerke wieder in Angriff genommen, deren alte Baue auf eine blühende Zeit der Industrie vor demi Alles zerstörenden 30 jährigen Kriege hindeuten.

Andererseite entstanden, durch den Bedarf der Eisenbahnen angeregt, Maschinenbauanstalten, Eisen- und Metallgießereien, Keffelfchmieden, Locomotivfabriken, welche bald auch die Bedürfnisse ber übrigen Industrie in ihr Bereich zogen: Für den Often wurde Berlin cer Centralpunkt dieser Fabrifen, und ich nenne nur die weltbekannten Namen @gello, Wöhlert, Heckmann und Borsig, un an deren Geschidite in diesem Zeitraume zu erinnern. Es schlossen fich bald baran ähnliche Fabrifen in Breslau, in Magdeburg (für welche die benachbarte, rasch emporblühende Nübenzuckerfabrication ein reiches Feld der Thätigkeit bot), in Chemnit, Hannover und Cassel. Im Westen gab die reiche niederrheinischwestphäliiche Industrie den Maschinenfabriken in Wetter, Sterkrade, Ysselburg, Mülheim, Cöln und Aachen cinen naturgemäßen Absatkreis, und es reihten fidy daran weiter im Süden åbnlidie Unternehnungen in Carlsruhe, Eflingen, Zweibrücken, Zürich.

Auch die Anfänge vieler anderen Industriezweige datiren aus jener Periode: Spinnereien, Webereien und Färbereien entstanden mit Benußung der vervollkommneten Maschinen in Schlesten, Sachsen, im Wupperthal, in Crefeld, in Süddeutschland und der Schweiz. Gasanstalten fanden immer mehr Eingang in den Städten; den Bedürfnissen entsprechend vergrößerten sich die chemiidhen Fatrifen; Solingen, Remscheid und die Enneperstraße bewahrten ihren alten Ruf in Gisen- und Stahlwaren.

Die Architektur fand bei wachsendem Wohlstande der Bevölkerung in den Städten ein reiches Feld für monumentale und bürgerliche Bauten, für weldie Schinkel schon in der vorigen Periode "eine epochemachende, neue Richtung vorgezeichnet hatte, welche durch seine Schüler in Berlin würdig verfolgt wurde, wie nicht minder in Süddeutschland und am Rhein ein erfreulidyes Auftreten edler Kunstformen und zweckmäßiger Constructionen zu

constatiren ist. Für das Ingenieurbauwesen ergaben die großartigen Bauten, welche die Eisenbahnen, Fabriken, Berg- und Hüttenwerfe nöthig machten, ein unendlich reiches Feld der hätigkeit, und Deutschland kann stolz auf manche tüchtige Leistung auf diesem Gebiete sein. Eine neue Wendung nahmen die Construcs tionen durch die nach englischem und franzöftschem Vorbilde fich immer weiter verbreitende Anwendung des Eisens für Brücken, Dächer, Magazine und Wohngebäude.

In diesen zwei Decennien begegnen uns auch die ersten Anfänge des deutschen Ingenieurwesens: Waren auch die bervorragenden Fabricanten und Techniker dieser Periode vorwiegend in rein praktischer Richtung ausgebildet, so erreichten fte doch nach englischem Vorbilde durch ihre geniale Begabung hohe Leistungen in der Technik (id erinnere nur an Borsig, Egells, Piepen: ftod), es brach sich jedoch aumälig die überzeugung Bahn, daß es der Eigenthümlichkeit des deutschen Wesen8 am angemessensten fei, wie in allen anderen Fächern, so auch in der Technik, ein gründliches theoretisches Studium zum Ausgangspunkte für die späteren praktischen Bestrebungen zu machen. Den älteren berühmten Bergakademieen in Freiberg und Clausthal, in welchen die Bedürfnisse des Gangbergbaues und des Metalhüttenbetriebes noch immer eine vortreffliche Vertretung finden, und der Bauakademie und dem Gewerbe-Institute in Berlin fchlossen sich bald die unter tüchtiger Leitung rasch emporblühenden polytechnisdien Schulen in Hannover und Carlsruhe an.

Auf handeldpolitischem Gebiete hatte der Zollverein ein, wenn aud) nod beschränktes, so doch einheitlich organistrtes Absaßgebiet gefchaffen und gewährte durch seine Zölle der Industrie den nöthigen Schuß während ihrer Entwickelungsperiode, ihrer Lehrjahre.

Am Schlusse unserer fünften Periode bot fich auf den ersten Weltausstellungen in London (1851) und Paris (1855) ber deutschen Industrie Gelegenheit, ihre Leistungen dem Auslande vorzuführen und durch Vergleichung derselben mit den englischen, französtschen und belgischen Producten zu erkennen, in welchen Artikeln fte bereits auf dem Weltmarkte concurrenzfähig sei, und wo man noch wesentliche Anstrengungen zur Erreichung dieses Zieles zu machen habe.

Mit Genugthuung sah man, daß die Gußstahlfabricate von Essen und Bodyum, viele Producte der rheinisch-westphälischen Pudbel- und Walzwerke, die Eisen- und Stahlwaren von Solingen und Remscheid, die Locomotiven und Maschinen von Berlin, Magbeburg, Chemniß, Eflingen, Carløruhe, Hannover, die Gewebe und Luche der linken Rheinseite, des Wupperthales und des fächfischen Erzgebirges, das Leder von Malmedy, Prüm und Siegen von keinem ausländischen Fabricate übertroffen wurden. In anderen Artikeln dagegen zeigte fich das Ausland, wenn auch nicht in der Vollkommenheit, To doch in der Wohlfeilheit der Producte überlegen, und hier gab die Vergleichung auf den Ausstellungen und daran knüpfende Studien in den ausländischen Fabrikdistricten ben vortrefflichsten Sporn zuin Fortschritte in der Heimat.

6. Periode: von 1855 bis ießt. Wenn ich die neueste sechøte Epoche unserer Industrie von der Mitte des vorigen Decenniums, von der Pariser Ausstellung im Jahre 1855 datire, so geschieht dies wesentlich in Berücksichtigung des Umstandes, daß gerade diese Weltausstellung die durchgreifendsten, die Neuzeit der Industrie und des Handels charakteris firenden Folgen hatte: Sie bildet den Wendepunkt zum Zeitalter

68 freien Verkehres, des Freihandels, angebahnt durch Handelsverträge, ermöglicht durch fortschreitende Erleichterung der Communicationsmittel und durch stetes Streben nach billiger und vollkommener Arbeit, um der immer näher rückenden Concurrenz des Auslandes die Spiße zu bieten und Tauschobjecte für den Welthandel zu produciren.

Von den Gesammtindustrieen der großen europäischen Nitionen zeigt feine andere fo viel Aehnlichkeit mit der Entwickelung der deutschen, als die unseres Nachbarlandes Frankreich. Auch hier hatten seit hundert Jahren politische Erschütterungen und darauf folgende Reactionộperioden keine günstige Grundlage zur Entwickelung der Industrie geboten; man hatte erst spät den Einwirkungen der großen britischen Erfindungen Rechnung getragen, war jedoch durch ein System hoher Sdukzölle davor gesidiert, daß die ausländische Industrie mit ihren billigen Preifen sich einen umfassenden Markt in Frankreich eroberte.

Da die Franzosen im Allgemeinen wenig Neigung haben, direct im Auslande Studien zu machen, so saben fte erst auf der

lands

Pariser Ausstellung des Jahres 1855 den verschiedenen Standpunkt, welchen ihre Industrie gegenüber der der Nachbarländer, vorzüglich aber gegenüber der britischen einnahm: In Artikeln, wo Geschmad und Façon den Ausschlag geben, arbeitete zwar die franzöftsche Industrie unübertrefflich; allein in der Qualität der Waren hatte vielfach Deutschland Besseres aufzuweisen, besonders aber im billigeren Preise England und Belgien.

Wollte man auf dem damaligen Standpunkte stehen bleiben, lo fonnte man zwar durch ein fortbauerndes straffes Schußzollsystem die einheimische Industrie davor bewahren, daß fremde Pros ducte den franzöftschen Markt eroberten, hätte aber dadurch das ganze Volk zu Gunsten der Fabricanten und Arbeiter benachtheiligt, und vor allen Dingen Franfreich von der Mitbewerbung auf dem Weltmarkte ausgeschlossen.

Niemand erkannte die Saclage besser, ale der scharfsinnige Herrscher, welcher die Geschicke Frankreiche in den lebten beiden Decennien lenkt; durch seinen Aufenthalt in anderen Ländern mit deren commercieller Politik vertraut, sah er ein, daß nur durch eine Hinleitung zum Principe des Freihandels die franzöftsche Induftrie vor einer ihr selbst und der ganzen Nation gefährlichen Einseitigkeit bewahrt werden könne, und ging energisch an's Werk, um in diese Bahn cinzulenken, indem er den Abschluß von Handelsund Schifffahrtsverträgen in freisinniger Richtung mit England, Belgien, Italien, der Schweiz und dem Zollvereine bewirkte.

In Frankreich begriff die Industrie rasch, daß nur durch Anwendung aller Hülfømittel, durch eine den neuesten Fortschritten entsprechende Reorganisation der Werke, durch sparsamste und sorgfältigste Fabrication, die Nachtheile ausgeglichen werden konnten, welche die Ermäßigung der Zollfäße und die dadurch bedingte Herabsegung der Tarife herbeiführten. Ein glücklicher Erfolg krönte in den meisten Fällen die Anstrengungen und Opfer, welche in dieser Richtung gebracht wurden; aber nicht allein Frankreich dritt vor, sondern wir haben mit großer Genugthuung enorme Verbesserungen auch in unserer Deutschen Industrie zu begrüßen, deren Standpunkt, dem Zeitalter des freieren Verkehres gegenüber, ein ganz ähnlicher, wie der der französtschen, war. Bildete auch die Handelsfriste von 1857 mit ihren Folgen einen harten Prüf stein für alle Werke, so gingen doch die meisten neu gekräftigt und in technischer und commercieller Hinsicht vervolkommnet aus den schweren Jahren hervor, und als seit 1863 die Geschäftsconjuncturen wieder volles Leben in alle Fabricationszweige und reichen Abfang der Producte brachten, zeigte es fich, daß unsere Industrie in ihren qualitativen, quantitativen und finanziellen Leistungen einen Vergleich mit dem Auslande faft nirgends mehr zu scheuen braucht.

Ohne mich in Details über den jeßigen Standpunkt der verschiedenen Fabricationszweige in unserem Vaterlande einzulassen, erlaube ich mir aus einem mir nahe stehenden Gebiete einige kurze Da anzuführen, welche die Fortsdyritte in den legten Decennien charakteristren sollen.

Bergleichen wir den Anfangs- und Endpunkt der fünften Industrieperiode, also die Jahre 1835 und 1855, mit dem Fahre 1865, fo finden wir die Steinfohlen und Braunfohlen förderung in Preußen gestiegen: von 40 Mil. Ctr. pro 1835 auf 200 (1855) resp. 472 (1865);

die Roheisenproduction: von 1; Mill. Ctr. pro 1835 auf 6 (1855) resp. 153 (1865);

die Fabrication von Stabeisen, Draht und Bled): von 1 Mill. Ctr. pro 1835 auf 6 (1855) resp. 104 (1865);

die Fabrication von Stahl: von 0,1 Mill. Ctr. pro 1835 auf 0,4 (1855) resp. 2 (1865).

Aehnliche Zahlen können viele andere Industriezweige aufweisen.

Daß die Qualität der Fabricate gleichmäßig fortgeschritten ift, wird Jeder zugeben, der die in feiner Branche mit Aufmerfsamkeit verfolgt hat: Zwischen den Schienen von 1853 und 1865, zwischen dem gleichzeitigen Roheisen, Stabeisen, Blech, Uchsen und Bandagen 1. ist ein unendlicher Unterschied nicht zu verkennen.

Was endlich die finanzielle Seite anbetrifft, so führe ich nur an, daß der durchschnittliche Preis am Productionsorte Preußen betrug:

1865: für 1 Gtr. Steinkohle

33 Sgr. 21 Sgr., Roheisen

2 Thlr.

11 Thlr., Stabeisen und Schienen 5 Blech

75

41 Dampffeffer

11

7

daß also die Preise durchschnittlich im Verhältnisse von 3:2 binnen 10 Jahren gefallen sind, und daß troßdem die Werke jeßt bessere pecuniáre Resultate als damals liefern.

Es ist nicht zu berkennen, daß der jeßt größtentheile vollendeten Anlernung des Arbeiterpersonales sehr viel in Betreff jener besseren Resultate zu berbanken ist, und daß nicht minder der Durchbruch gesunderer Ansichten auf Handels und volfowirthschaftlichem Gebiete von unendlichem Einflusse gewesen ist – ich erinnere nur an die jegt fast überall mit Erfolg gekrönten Bea mühungen zur Einführung des 1 Pfennig-Tarifs für den Trangport der wichtigsten Rohmaterialien, besonders ber Steinkoble, ferner an die Aufhebung der Rheinschifffahrtsabgaben und bes Gundzolles – allein febr wesentlich haben an den erzielten Forts schritten die deutschen Ingenieure mitgearbeitet, und es ist ihrem Wirfen, welches den praktischen Sinn der Engländer und die Ges wandtheit der Franzosen mit deutscher Bildung und Gründlichkeit zu vereinigen sucht, in hohem Grade zu verdanken, daß troß vieler üngunft der äußeren und inneren Verhältnisse, trosdem wir leider noch fein geeinigtes Vaterland, wie unsere großen Concurrengländer, haben, troßdeni uns nicht die Nachbarschaft des Meereß und die Verbindung mit Colonieen und überseeischen Abfabbistricten geboten ist: daß troß alledem der Tag nicht fern ist, wo deutsche Kohle, deutsches Eisen und Stahl und die Maschinen und Gewebe unserer Heimat wie chemals in den glorreichen Zeiten der Hansa den Weltmarkt erobern werden.

Und fragen wir schließlich: was kann unser gemeinsamer Centralpunkt, der Verein Deutscher Ingenieure, uns bieten und leisten, um jenem Ziele zuzustreben? so glaube ich, daß idon im Vorstehenden eine Antwort auf diese Frage enthalten ist.

Unser Verein muß iminer mehr wein inniges Zusammenwirken der geistigen Kräfte Deutfdyer Technik zu gegenseitiger Anregung und Fortbildung im Interesse der gesammten Industrie Deutsch

möglich machen; seine Thätigkeit im Innern muß lebendig und auseitig anregend fein, und Theorie und Praris, Wiffenschaft und Erfahrung in fteter fruchtbringender Wechselwirkung erhalten; feine Organisation muß concentrirt und doch elastisch sein, damit er alle gleichgesinnten Freunde umfassen, sich den Bedürfnissen der Zeit anfügen und sogar allmälig ber technischen Entwickelung neue Bahnen andeuten könne.

Und hierzu, meine Herren, erbittet der Verein Shrer Aller geneigte Gesinnung und Mitwirkung: Lassen Sie uns einmüthig und mit allen Kräften, Jeder in seinem Kreise und doch im Anschlusse an die Gesammtheit, an dem gemeinsamen Werke mitarbeiten, und lassen Sie uns vor allem nie vergessen, daß wir ein hohes Ziel vor Augen haben, wenn auch die Sorgen und Mühen des täglichen Lebens oft unsere Gedanken an die Materie feffeln: die Ehre und Madyt unseres Vaterlandes! Und in diesem Bewußtsein bitte ich Sie freudig einzustiinmen in den Ruf, mit welchem wir unsere Verhandlungen eröffnen wollen: Unser Vaterland, unser fchönes großes Deutschland lebe hoch!"

(Die Versammlung stimmt lebhaft in das dreimalige , Hoch!" ein.)

Nach dicser Rebe bce Vorsigenden nahm Gr. Wel, Vorsigender der Hütte, das Wort:

„Hochgeehrte Herren! Nachdem der Herr Vorsigende diese Versammlung eröffnet hat, nachdeiner entwickelte, was uns hierher geführt, und was von uns in Einigkeit vollbracht werden fou, so gestatten Sie mir wohl, die Festfeier damit zu beginnen, daß ich Sie Alle willkommen heiße.

Zuerst begrüße ich Sie, geehrte Anwesende, die Sie durch kein anderes Band an einen der beiden Vereine geknüpft sind, als durch das der regsten Theilnahme an dem Gedeihen derselben. Dies Interesse chrt uns und ist ein mächtiger Hebel für die Förderung unserer Wirfsamkeit. Unter Ihnen grüße ich namentlich Şie, verehrte Docenten! Durcy Sie erfahren wir in akademischen Hörsälen unter einem wohlwollenden Directorium die tiefen und ehrwürdigen Wahrheiten der Wissenschaft, die neuesten Erfindungen und Entdeckungen. Sie begründen und leiten unermüdet durch Rath und Shat unsere Entwickelung und Sie heute so zahlreich unter uns zu sehen, macht uns dieses Feft zu einen besonders frohen und glücklichen. Und Sie grüße ich, verehrte Mitglieder des Ingenieurvereines, die hier zu sehen wir seit Jahren so freudig hofften. Shrer gedachten wir stets, wenn die Stunde der Trennung von der Akademie und von Freundeskreise näher und näher rückte.

1855:

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