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Bisher haben besonders die Sandwerkervereine auf Erzielung der Bildung unter den Arbeitern ihr Augenmerk gerichtet. Oben an steht in Deutschland die Thätigkeit des großen Berliner Sandwerkervereines. Soweit nun in diesen Vereinen die Fortbildung der Sandwerker bezüglich der Elementarfenntnisse und Fertigkeiten angestrebt wird, ist ihre Wirkung eine sehr lobenswerthe. Auch die größeren Vorträge, sobald ste fichi in leicht verständlicher Weise auf Geschichte, Literatur, Technik, Gewerbe und Industrie, Geographie und Reisen beziehen, haben einen nicht zu unterschäßenden Nußen. Werden aber dem Arbeiter Sachen vorgetragen, wie Staatswissenschaften, Lehren der Physiologie und Medicin, der Rechtswissenschaft u. s. w., die unbestritten eine Vorbildung vorausseben müssen, so mag man sich nicht verhehlen, daß derartig gebotene Sachen eine schädliche, mindestens feine wirklich nüßliche Wirkung und bei mildester Anschauungsweise eine Zeitvergeudung ausüben. Entweder soll man dem Arbeiter davon gar nichts sagen, oder erst, nachdem man eine Vorfenntnißstufe angebahnt hat. Diese aber dem Arbeiter anzueignen, dürfte außer Bereich der Möglichkeit liegen, ohne die Kraft und Zeit des Arbeiters zu zersplittern. Und es ist merfwürdig, welche Sucht unter den Vortragenden herrscht, solche fernliegende Sachen ihm vorzuplaudern. Warum bleibt man nicht bei den einfachen Bildungsdingen stehen, die seinem Bereide nahe liegen?

Man eröffne doch dem Arbeiter die Quellen, aus denen er Förderung seines Handwerkes schöpfen fann.

Man sage ihm von den Fülfsmitteln, deren sich die große Tedynił bez dient, man gebe ihm Vorlagen und Anleitung zur Verbesserung seines Gestynaces, somit zur Ausbildung seiner Fertigkeiten, seiner Productivität; man nenne ihm Mittel, Wege, die er bei Ausführung seiner Arbeit verfolgt, abzukürzen und zu vereinfachen und lasse seine Elementarfenntnisse zu höherer Vollkommenheit gelangen, erkläre ihm die Herstellung seiner täglichen Bedürfnisse u. . f. - und dann selbst ist es noch nicht rathsam, weiter zu gehen und ihn in Wissenschaften einzuführet. Wie in Wirklichkeit eigentlich das Gegentheil befolgt wird, zeigt z. B. das Programm des Vereines zu Berlin 1861 bis 1863. Es wurden gehalten:

24 Vorträge über Pädagogif (!!),
23

Volf&wirthsdaft,
87

Medicin und Naturwissenschaft, 21

Recytskunde (!!), 53

Kunst und Literatur, zusammen 208 Vorträge über Sachen, welche dem Sandwerker seinem Bildungsgrade zufolge mehr oder weniger unverständlid bleiben müssen. Dagegen fielen auf

Tedynif, Handel und Gewerbe 32 Vorträge,
Geographie und Reisen

31
Geschichte

34 Baufach und Mathematik . 19 also 106 Vorträge über Gegenstände, welche dem Arbeiter wirf: lich Nüßliches ergeben können, denn Reisebeschreibungen vers steht er zu folgen, technische Gegenstände liegen ihm ziemlich nahe, geschichtliche Mittheilungen interessiren ihn. Aber 106 Vorträge, jeiner Bildung angemessen, einer Zahl von 208 Vorträgen, ihm wenig verständlid), gegenüber! das ein Bild von den Mißverhältnisse in diesen Bestrebungen.

Wir glauben nämlich auch, daß der pauptfehler aller volkswirthschaftlichen Bestrebungen in der falschen Auffassung und Beurtheilung der Fähigkeiten der Arbeiter beruhe. Wollen wir für unseren Vorwurf die Frage zu lösen geben: , wie muß der Bildungsgang eingerichtet sein, um dem Arbeiter wirklichen Nußen zu schaffen", so fönnen wir unmöglich für eine so heterogene Mafie, wie das Arbeiterthum fle an und für sich bildet, ein einziges System ergründen und aufbauen, welches für alle Bestandtheile der Masse gleid) günstige Res sultate giebt, sondern wir müssen die Masse nach ihren befon: deren Eigenheiten zu zerlegen suchen und nach diesen Eigens heiten die Erfordernisse zu ihrer Fortbildung bestimmen. Nun ist es aber der Fehler aller volkswirthschaftlichen Bestrebungen bisher gewesen, daß die Schöpfer derartiger Systeme . von Urbeitern redeten als einer homogenen Masse, deren einzelne Theile alle gleiche Eigenschaften und Fähigkeiten enthielten. An diesem Uebel in der Auffassung leidet audy das sonst so praftische System Sdulze's von Deligich. Für Gründung und Fortbestehen von Vorschußfassen und Consumvereinen läßt sich die Masse des Arbeitervolfes allerdings als homogene Maffe auffassen, nidyt aber für Gründung von Productivgenossenschaften. Hier erweist sich Schulze's System für das eine Sandwerk oder Gewerbe als ausgezeichnet, für das andere als untauglid).

In diesem Falle ist es unumgänglidnöthig, das Systein der Productivgenossenschaften in ebenso viele kleine, einzelne Systeme zu zerlegen, als es Handwerke oder wenigstens Gruppen möglicht gleichartiger Handwerke giebt. 3. B. fönnen Schlosser und Maschinenbauer recht gut Productivgenossenschaften bilden, weil in diesen Beschäftigungen eine Gesepmäßigkeit herrscht. Dagegen, wie bereits leider praktisd) erwiesen, eignet die Châlesweberei sich nicht zum Productivgenossensdaftsbetriebe. Hierbei entscheidet nicht die Fertigkeit im Weben u. f. w., sondern der Geschmad, welcher bei den Arbeitern in verhältnißmäßig sehr geringem Maße entwidelt ist, ferner Calculation, Kenntniß der Erfordernisse der Mode, der verschiedenen Materialien u. 1. w.

Wir wollen jeßt für Beleuchtung unserer Aufgabe einige gewerbliche Thätigkeiten einzeln betrachten und uns fragen, welcje Dinge würden zur Förderung derselben beitragen, welche Gegenstände zur Bildung dieser Leute beitragen können. Was würde also

1) dem Maschinenbauarbeiter dienlich" sein? - Zeichnen, vielleicht auch einige Fingerzeige über Legirungen und Gewins nung des Eisens. Mathematik zu Constructionsbedürfnissen;

2) dem Maurer und Zimmermann? - Zeichnen, viel: leicht auch eine Beleuchtung der zum Bau nöthigen Materialien, nach ihren Eigenschaften und Bereitungsarten. Grundzüge der Geometrie;

3) dem Weber? Zeichnen von Dessing. Angaben über Schlichte; vielleicht auch eine Darstellung der Verarbeitung des Rohmateriales bis zum Verweben und über die nöthigen Eigenschaften der Garne;

4) dem Tischler und Drechsler ? — Zeichnen. Notizen über Erzeugung von Polituren;

5) dem Gerber? Neue Gerbmethoden;

6) dem Töpfer? Zeichnen. Modelliren. Notizen über Glasuren;

7) dem Schneider? ? ?
8) dem Schuster? - ? ?
) -

Beiden etwa Lehre von den Eigenschaften guter Gewebe? Das wissen diese Leute meist besser zu beurtheilen durch die Uebung ihrer Praxis, als man es ihnen erflären oder vorschreiben fann;

9) dem Kammmacher? – Zeichnen?

10) dem Müller? - Zeichnen von Mühlendetails. Mathematik. Mahlmethoden. Mühleneinrichtungen;

11) dem Walfer? - ?

12) dem Färber? Notizen über Wesen und Verhalten der Farbstoffe und der zu färbenden Stoffe; 13) dem Korbmacher?

Zeichnen; 14) dem Glaser? - Zeichnen. Prüfung auf Güte der Gläser;

15) dem Stucateur ? Zeichnen. Modelliren;

16) dem Stubenmaler? Zeichnen. Farbstoffe und deren Mischungen;

17) dem Särtner? Zeichnen.
18) dem Drucker? Zeidnen. Chemische Notizen; ;
19) dem Seiler? - ?
20) dem Böttcher? ?

21) dem Gelbgießer? Zeichnen. Modelliren. Les girungen;

22) dein Klempner? Zeidnen;
23) dem Steinseper? - ?
24) dem Dachdecker? Zeichnen. Mathematit;
25) dem Stellmader? Zeichnen. Mathematik;
26) dent Sattler? - ?
27) dem Buchbinder? - ?

28) dem Seifensteder? Lehre von den Fetten und Alfalien;

29) dem Bäder? - ?

30) dem Kupferschmiede? Zeichnen. Modelliren. Mathematit 2c.

Wir ersehen (djon aus diesen Aufzählungen, was eigentliches Bedürfniß für die Arbeiter ist. Wir haben dabei sogar noch den Theil der Arbeiter bervorgezogen, welche mehr oder minder selbstständig dastehen, weil bei der großen Masse von Lohnarbeitern auch diese Erfordernisse faum geboten erscheinen. Wir ersehen also daraus, daß hauptsächlich die Fertigkeit im Zeichnen gefördert werden sollte. Hinzutreten können als recht Nugen schaffend Elemente der Mathematif und der tectynisden Chemie. Leştere sei nur in dem speciellen Erfordernisse bers beigezogen und durchaus nicht zu weit ausholend dargeboten.

Für diese erste. Classe der Arbeiter im Gebiete der Technik mögen nun Schulen in Anwendung kommen, welche haupt sächlich Zeichnen, etwas Mathematik, deutsche Sprache, Rechnen, ein wenig Physik und Chemie und etwa die Lehre von den Materialien für die Gewerbe zu ihren Unterrichtsmaterien gewählt haben.

Solche Schulen sind ziemlich mustergültig in Sannover, Nürnberg, Hamburg und in anderen Städten in's Leben gerufen. Mit ihnen stehen auf gleicher Stufe eben die vielfach organisirten Baugewerksschulen.

Alles, was man den Arbeitern mehr bietet, als hier vor: gezeiduet ist, geht über das Bedürfniß und den eigentlichen Zweck der Arbeiterbildung hinaus und muß daber sehr sorg

fältig durchdacht und vorsichtig gegeben werden, aus oben bes zeichneten mehrfachen Gründen. Das muß dann darauf ges richtet sein, eine gewisse Allgemeinbildung zu schaffen, und wird für solchen Zweck auf leicht verständlichen Gebieten fich zu bewegen haben. Die Organisation dieser Schulen muß fich örtlichen Verhältnissen möglichst anschließen.

Man könnte nach diesem Resumé vielleicht annehmen, daß der Referent ein Feind der Arbeiterbildung sei. Das ist er feinesweges; er hat aber in jahrelangem, engem Verkehre und in seiner Thätigkeit als Lehrer des großen Berliner Hands werkervereines Erfahrungen in diesen Angelegenheiten gemacht, welche sein Urtheil auf diesen Punft gebracht haben. Mits theilungen werther Freunde, welche ebenfalls vielfach Gelegens heit hatten, Erfahrungen hierüber zu sammeln, haben ihn noch mehr in dieser Auffassung bestärkt. Man muß Vernunft und Ruhe genug besißen, um in dieser philantropischen Zeit fich ein klares Urtheil zu beirahren, um aus der Unzahl von Mißs griffen und richtigen Behandlungsweisen fich ein klares Bild vom Rechten zu verschaffen.

Wir gelangen zur zweiten Abtheilung der technischen Arbeiter, deren Charakterisirung wir bereits oben unternommen hatten. Wir meinen hier also die Befißenden, die in ihrem Etablissement eine mehr einseitigere, speciellere Fabrication ausüben, die so gestellt find, daß sie sich noch Leute von Verständniß zur Durchführung und Ueberwachung der einzelnen Obliegenheiten anstellen können. Ihre Fabrifen bedienen fich 3. B. des Rohstoffes felbst, den fie, sei es zu einem Falbfabricate (Gespinnste, Leder u. l. w.) verarbeiten, sei es zu einem Ganzfabricate (Gewebe, Schuhwerf 2c.), oder sie führen ein bereits halbvollendetes Fabricat der Vollendung entgegen (Appretur, Färberei u. s. w.). Solche Bearbeitungen erheischen jedoch keine allzu complicirten Vorgänge, Constructionsberechs nungen 2c., sondern sind mit leichterer Mühe und mit wenis geren Mitteln der Tedynik herzustellen. Fier handelt es fich also nicht um den höchsten Grad der Wissenschaft, sondern lediglich um eine mittlere Kenntniß der technischen Obliegen: heiten und Erfordernisse. Man fann zu dieser Glasse etwa folgende Fabricanten rechnen: Seifen- und Lichtfabricanten, Bierbrauer, Maurer- und Zimmermeister, speciellere chemische

Fabriken, Zuderfabricanten, Mühlenbesiker, Gerbereis, Färbereis, Weberei-, Spinnerei-, Ziegeleis und Thonwarenbesißer, Por: zellanfabricanten, Glashüttenbesiker, Drudereibesißer u. f. w.

Solche Leute müssen fich eine Renntniß der technischen Lehren aneignen, damit sie ihren Betrieb überwachen können, nicht von ihren angestellten Beamten abhängig werden, dies selben vielmehr durch eigenes Verständniß der Sache zu cons troliren verstehen und damit sie den Fortschritten der Technik mit Einsicht zu folgen und dieselben zum Besten ihres speciellen Betriebes zu benußen im Stande sind. Da nun eine derartige Situation den betreffenden Besißer auch in converfationeller Beziehung in die höhere Sphäre der Gesellschaft verweist, so ist es wohl angemessen und die Pflicht jedes dieser Herren, fich auch eine Allgemeinbildung vor der Specials bildung anzueignen. Unser Entwurf zur Vorbildung für das technische Studium, den wir vor Kurzem veröffentlichten, stellt die Organisation einer Anstalt von drei Classen dar, welche diesem Kreise der Technifer das ausreichend Genügende bieten faun. Solche in jenem Entwurfe charakterifirte Anstalt ift als genügend hohe technische Schule für diese zweite Classe zu erachten; nur wünschten wir wohl, daß die Aufnahmes bedingung dann lautete: Zeugniß von Secunda eines Gymnastums oder von Obersecunda einer Realschule.

Ein höheres Eingehen in technische Wissenschaften, als diese Gewerbeschulen bieten, halten wir gar nicht für nöthig; das höhere Studium würde eben nur das noch zufügen, was für den Fabrifbetrieb dieser Glasse von Technikern nicht vers werthbar wäre. Wir erinnern dabei besonders an die höhere Mathematik, an die höhere chemische Analysis 2c.

Wollen Männer dieser Classe noch ein Weiteres zur Specialbildung für ihr besonderes Fach thun, dann mögen ste ganz specielle Schulen, als Webeschulen, Färberschulen, chemische Laboratorien besuchen, oder weit besser, in eine derartige fpes cielle Fabris eintreten und dort auf Grund ihrer genügenden Allgemeinbildung, ihrer genügenden technischen Bildung noch die Specialbildung ihres Fabrifbetriebes auf praktischem Wege fich aneignen. Wir glauben, daß diesem Bildungsgange ein guter Erfolg und vor Allem nicht die Gefahr einer Ueberladung des Geistes mit unverwerthbaren Dingen und Zeitverlust zur Seite stehen wird.

Wir gelangen fodann zur dritten Classe der technischen Welt.

Wenn wir auf die oben angegebene Charakteristik dieser Glasse hinweisen, so wollen wir hierdie speciellen Etablissements angeben, für deren Führung und überhaupt zu deren Nußen die Männer dieser Classe arbeiten und zunächst lernen, sich bilden sollen. Es gehören hierher die großen Fabrikbetriebe, als Hüttenwerke und die Eisenindustrie mit allen ihren verschiedenartigen Unterabtheilungen, die großen chemischen Fabrifen, die großen Porzellanfabriken und Glashütten, die Mühlenbaufabriken, die Schiffsbauanstalten, die Eisenbahnbauanstalten, die Telegraphenbauanstalten u. T. w. Endlich sind hierher Diejenigen zu rechnen, welche als Lehrer der technischen Wissenschaften und als Civilingenieure auftreten wollen. Hierin ist die höchste technische Ausbildung erforderlich, ebenso in unserer Zeit eine hohe Augemeinbildung. In Anbetracht dessen, daß die Algemeinbildung das Verständniß der höheren technischen Wissenschaften unendlich erleichtert und zugleich eine gerechte Forderung der Jestzeit ist, halten wir es für unerläßlich nöthig, als Vorbedingung für Aufnahme folder Männer an höheren polytechnischen Lebranstalten auf zustellen:

1) Beibringung eines Attestes über Besuch der höchsten Stufe eines Gymnasiums;

2) oder eines Abiturientenzeugnisses einer höheren Realscule;

(3) oder desselben von einer Provinzialgewerbeschule, bei welcher die von uns dargelegten Erfordernisse stricte erfült worden sind).

Den legten Passus 3 sind wir fast geneigt gänzlich zu streichen; wir halten diesen Punkt nämlich für sehr zweifelhaft. Jedenfalls ist es weit mehr vorzuziehen, die Punkte 1 und 2 zu erfüllen, als den Punft 3, denn der Besuch der Gewerbeschule fürzt nöthiger Weise die Erlangung einer gründlichen Allgemeinbildung ab; ferner aber wiederholt das Studium der höheren polytechnischen Institute durchaus viel von dem,

was soon die Gewerbeschule geboten hat. Es handelt sich also um zwei Punkte: Verfürzung der Allgemeinbildung und Zeitverluft, ganz abgesehen davon, ob folcher Wiederholung feine schädliche Einwirkung beizulegen ist.

U18 viertes Erforderniß möchte auch eine kurze praktische Thätigkeit, etwa in dem Zweige der Technik, dem fich der Studirende zuwenden will, von Nußen sein. Ueber diesen Punkt ist man sehr auseinandergebender Ansichten. Wir glauben, daß dies Erforderniß für manche technische Gebiete nüglich, für andere wieder nicht nöthig sei.

Wir haben nun noch die scheinbar hohen Ansprüche und Bedingungen bei Aufnahme in die höchste polytechnische Lehranstalt zu motiviren.

Bei Betrachtung der einzelnen technischen Gebiete fällt im Allgemeinen die Ueberfülle von Technikern, welche Stellungen suden und einnehmen wollen, auf. Woraus entsteht dieselbe? Unserer Ansicht nach aus den wenig streng präcifirten Anfors derungen für die Aufnahme in böhere polytechnische Lehrs anstalten, sodann aus dem Mangel an Bekanntschaft mit den Forderungen der Technik. Wir müssen die jungen Leute ernst darauf aufmerksam machen, bei Wahl ihrer technischen Laufs bahn recht eingehend zu überlegen, welchem Ziele sie zueilen wollen, welche Anforderungen ein solches Ziel an fte stellen muß, und wie viel solcher Ziele vorhanden, resp. vacant vorbanden sind.

Die vorhandenen Stellen für solche jungen Leute sind in unserer verhältnißmäßig jungen Industrie beseßt durch Kräfte, welche länger ausdauern werden, und neue Fabriketablissements entstehen nidit in fo großer Anzahl, daß deren Stellenvacanz in nur annäherndem Verhältnisse mit der Zahl stellesuchender Technifer stände, weldie jährlich die polytechnischen Godschulen verlassen.

Besonders tritt dieses Mißverhältniß bei der chemischen Carrière hervor, und für dieselbe kann man in redlichein Geiste nicht anders thuit, ale fort und fort den jungen Leuten vom technisch-chemischen Studium abzurathen. Man erkundige fich 3. B. nur über das Ergeben der von der Königl. GewerbeAkademie zu Berlin entlassenen Chemiker und wird zu einem unendlich deprimirenden Resultate gelangen.

Alles gedenft durch den Besuch der höheren Lehranstalten für die Technit eine Anwartschaft auf die hohen Stellen der Technik zu haben; der Zudrang ist um so größer, je geringer die Schranken sind, welche den Zutritt regeln. Dieselbe Erscheinung ist in fast allen Studienzweigen beobachtet worden und hat dort überall zur Verschärfung der Aufnahme- und Zulassungsbedingungen geführt. Wie viel nöthiger find solche in dem technischen Gebiete, wo das Abgangsexamen wegfällt und somit der Damm für Regelung derartiger Verhältnisse. Neuerdings erst noch ist die Verschärfung dieser Bedingungen von sichtbarem Erfolge bei den Baubeflissenen geworden, bes sonders durch Aufhebung der Zulassungsberechtigung der Abis turienten von Provinzial-Gewerbeschulen. Deshalb sehe man diese Verhältnisse ernst an und erwäge ruhig und unparteiisch, damit zur rechten Zeit Maßnahmen getroffen werden, welche dem Eintritte, dem sicheren Eintritte von Mißverhältnissen vorbeugen.

Untersuchungen über Draht- und Blechlehren. Ein fernerer Beitrag zur Erörterung der Zweckmäßigkeitsfrage über die obligatorische Einführung einer allgemein

gültigen Normallehre für Draht, Blech und andere verwandte Artikel.

Don Richard Peters.

(Hierzu Blatt 2 bis 4.)

Bei der im Jahre 1865 durch ørn. P. Stühlen und unter Mitwirkung des westphälischen Bezirksvereines erfolgten Herausgabe eines Ingenieur - Kalenders hatte ich es übernommen, den das Eisenhüttenwesen betreffenden Theil zu bes arbeiten, und versuchte hierfür audy eine Zusammenstellung der gangbarsten Lehren für Draht, Blech und Bandeisen zu geben, und namentlich auf Grund früherer eigenen Messungen und einiger in England und Frankreich gesammelten Zahlen die Stärfe der verschiedenen Nummern in Millimtr. auszus drücken. Meine Absidyt, diesen wichtigen Gegenstand ausführlicher in dieser Zeitschrift zu behandeln, wurde neu angeregt durch die höchst schäßbaren Untersuchungen über Drahtlehren, welche Fr. 4. Thomée sen, in den legten Heften d. 3. vers öffentlichte (Bd. X, S. 546 bis 563 und 611 bis 661), und versuche id im Folgenden einige Ergänzungen zu jenem Aufsaße von Thomée und den darin angezogenen Abhandlungen von Karmarsch zu geben, und zwar:

1. Die Methoden der Meffung für die Stärken diinner

Metalle.
II. Die Feststellung der Diden für die Nummern der

verschiedenen Lehren, auf Millimtr. bezogen.
III. Einen Entwurf für eine Normallehre.
IV. Einen Bergleich der Nummern dieser Normallebre

mit denen der bisherigen Lehren. V. Vorsdläge, um die Einführung der Norinallebre in

der Fabrication und im Handel zu bewirfen.

Ist es schon schwierig, für diesen Zwed Drahtmuster hers zustellen, welche genau rund find und exact mit den Nummern einer Klinfe übereinstimmen, so entsteht eine fernere und be: trächtlichere Fehlerquelle und Unficherheit für diese Messungen daraus, daß von den unter einem und demselben Namen ges bräuchlichen Klinken kaum 2 Exemplare genau in ihren Abstufungen übereinstimmen, wie bereits oben bemerkt wurde. Selbst wenn man auf die zuverlässigsten Quellen zurückgeht, 3. B. ftch von der renommirtesten Berfertigern von Klinken oder von den größten Drahtziehereien Original - Klinfen oder Muster geben läßt, so erhält man doch Abweichungen, welche häufig die Grenzen praktischer Genauigkeit wesentlich übers schreiten; Beispiele dafür bieten die folgenden Tabellen über die bergische und französische Drahtlehre *). Mag zuweilen absichtlich von einzelnen Fabricanten eine Abweichung hervor: gerufen sein, um gewisse Vortheile dadurch zu erzielen, daß mandie Nummern dider oder dünner angefertigt werden, als es die Regel verlangt, so ist doch meistens der Mangel gesepse lidher oder conventioneller Vorschriften über die den einzelnen Nummern entsprechenden Stärken die Ursache jener Differenzen, und spricht dies dringend für die Nothwendigkeit, diese Frage einheitlich zu regeln.

Bor der Aufzählung der Resultate meiner verschiedenen Messungen mögen zunächst hier noch einige Bemerkungen über die Construction der üblidften Klinken Plas finden.

Die gewöhnlichen Klinken haben die Form einer ftählernen, ca. 5mm diden, 3 bis 6 Centimtr. breiten und 10 bis 20 Centimtr. langen, an den Eden abgerundeten, Scheibe, an deren Rande verschiedene Schliße von 5 bis 10 Centimtr. Länge meistens in eine Rundung endend, ausgearbeitet sind, deren Weite genau der Dide des Drahtes resp. Bleches von der betreffenden Nummer entspricht, und neben denen durch Zahlen oder durch Buchstaben (bei der westphälischen Drahtlehre) die Nummern bezeichnet sind. Diese Klinken sind die nm meisten üblichen, da sie gestatten, auf einen kleinen Raum eine große Anzahl Nummern zusammenzudrängen, und da fie leidyt zu handhaben und zu transportiren sind. Einer Abs nußung unterliegen ste nur in so fern, als sich die Schliße, weldje die Nummern repräsentiren, durch öfteren Gebrauch erweitern, und es ist daher von Zeit zu Zeit nöthig, dieselben zu revidiren und mit den Originalmaßen zu vergleichen.

I. Die Methoden der Messung für die Stärken dünner

Metalle. Eine genaue Feststellung der den einzelnen Nummern der versdiedenen Lehren entsprechenden Stärfen in Millimtr. ist wie Thomée richtig ausführt, besonders schwierig, weil man meistens, in Ermangelung geseklidjer oder durdy Uebereinkommen geregelter Beziehungen, sich auf Klinken verlassen muß, weldie oft erheblich von einander differiren, wie it. U. die von Thomée mitgetheilten Resultate seiner Messungen der westphälischen Drahtnummern im Vergleiche zu denen von Eversmann und Egen beweisen.

Nur für einige Lehren, wovon 3 glüdlicherweise zu den am meisten gangbaren gehören, ist es mir gelungen, sichere Zahlen aufzufinden, wodurch die Diden der Nummern in Millimtr. resp. in englischen oder rheinländischen Zollen und französisdien Linien ausgedrückt sind, während bei allen ana deren die Bestimmung dieser Stärfen nur durch Messung erbalten werden konnten: es wurden in diesem Falle Drahtsorten, welche möglichst genau mit den Nummern der verschies denen Lehren übereinstimmten, vermittelst eines im Folgenden zul beschreibenden Instruments gemessen, und dadurch derent Dide in Millimtr. erhalten.

*) Die Schreibweise „leere" findet fich fast ebenso häufig, wie die von mir gebrauchte , Pebre", und können etymologische Gründe für Veide beigebracht werden; für legtere spricht jedenfalls, daß der franz zösische Ausdrud „morale“ eine Ueberlegung desselben zu fein scheint. In Frankreich ist außerdem die Bezeichnung „jauge“ üblich, von dem englischen gauge oder gage abgeleitet. In DeutsQland trifft man auch häufig bie Benennung Klinte", seltener loben". 30 werde im Folgenden mit „lehre“ die Aufeinanderfolge der Nummern, dagegen mit „Klinke“ die zur Feststellung dieser Nummern angewendeten Instrumente bezeichnen (im Franzöften calibre").

Eine zweite Sorte von Klinken besteht aus einer flachen Stahlscheibe, die an einer Seite, parallel mit der Längenrichtung, eine einzige conische Spalte enthält, welche etwa 5 Centimtr. vom anderen Ende aufhört, so daß dort die Scheibe zusammenhängt, während sie im übrigen Theile die Form einer flachen Gabel hat. Wenn Draht von einer gewissen Dide fest in die Seiten des Einschnittes eingepaßt wird, fo reicht er mehr oder weniger tief hinein, und es sind durd Striche, vertical auf die Längenage des Spaltes und durch hinzugefügte Ziffern resp. Buchstaben die verschiedenen Nummern bezeichnet. Der freie Raum zwischen dem rechten und linken Schenfelder Klinke entspridit nicht genau der Dicke des Drahtes, deffen Nummer dabei notirt ist, sondern ist etwas geringer, da die Seiten des conischen Spaltes mehr oder weniger divergirende Tangenten 311 dem Kreise des Drahtquerschnittes bilden. In mander Beziehung verdient diese Klinfe den Vorzug gegen die vorige, da sie genauere Messungen und die Ablesung von Zwischentheilen zwischen den einzelnen Nummern gestattet. Ist bei der ersten Klinke der Draht zu dick für eine bestimmte Deffnung resp. Nummer, so hat man kein Mittel, um zu wissen, ob diese Differenz in der Dicke viel oder wenig beträgt; bei der zweiten Klinke dagegen kann man leicht sehen, wie viel der Draht in den Zwischenraum zwischen 2 Nummern hineinpaßt, und ist deinnach in Stande, genauer dessen Dicke festzustellen; auch ist dieses Instrument der Abnußung wenig unterworfen, dagegen hat es den Uebelstand, daß man nur wenige Num: mern auf einmal darauf anbringen famn, und zwar um fo weniger, je mehr die beiden Schenkel convergiren, also je ges nauer die Klinte ist. Es ist diefelbe daher nur für genaue Messungen in den Drahtziehereien in Gebraucy, dafür aber sehr zu empfehlen, während die erste Klinke (die ich als „gewöhnlidie Klinke“ im Gegensaße zur zweiten , conifchen bezeichne) algemeinere Anwendung findet.

Die dritte Klinke ist ein Instrument, welches vor ca. 10 Jahren von dem verstorbenen Mitgliede unseres Vereines, Mechanicus E. Schroedter in Düsseldorf, construirt wurde; es besteht, wie Fig. 2 und 3, Blatt 4 zeigen, aus einem fräftigen Bügel von Stahl oder Messing, welcher am einen Ende einen durch Anziehen einer Schraube verstellbaren Stahlzapfen, am anderen Ende eine Mutter von 35mm Länge trägt, in weldjer sich eine Schraube von 68mm Länge und m. quam Durchmesser bewegt. Diese Schraube hat ein sehr exactes Gewinde von genau 1mm Steigung und ist an dem einen Ende mit einer ringförmig, die Mutter umgebenden Handhabe verseben; die Peripherie der Handhabe ist in 10 gleiche Theile eingetheilt, weldie hinreichend breit sind, um dazwischen noch Zehntel ablesen zu fönnen. Jede Drehung der Schraube um einen Gang ergiebt demnach einen auf der Außenseite der Mutter abzulesenden Stärfenunterschied von 1mm, und dazwischen fön: nen auf der Peripherie der Handhabe Differenzen von Omm,01 genau tayirt werden.

Zwischen den Stahlzapfen und das freie Ende der Schraube, welche beide gut gehärtet sind, wird das zu messende Metallstüd eingespannt, und ergiebt dann die Messung direct dessen Dicke in ganzen, zehnteln und hundertsteln Millimetern.

Bei manden Eremplaren dieser Klinke fand ich diese beiden Enden etwas conver gearbeitet, so daß nur bei einer

Einspannung des Objectes gerade in der Mitte fich die richa tige Dice ergab; für Messung von Blech ift dies wohl zwecks mäßig, dagegen empftehlt es fich, für Bestimmung von Drahts stärken die beiden Enden als ebene Flächen herzuftellen, um das zu meffende Stüd nicht nur in der Mitte, sondern an jeder Stelle einspanner zu fönnen.

Obige Dimensionen der Klinke find fo gewählt, daß noch Objecte von 25 Centimtr. Durchmesser gemessen werden föns nen; da jedoch meistens nur das Bedürfniß vorliegt, schwäs chere Sorten mit der Klinte zu bestimmen, so können zweckmäßig die Längendimenfionen und die Weite des Bügels res ducirt werden, nicht aber der Durchinesser der Schraube und Handhabe, da sonst die Schraube weniger solide und die Abs lesung weniger scharf wird. Derartig veränderte Dimensionen fand ich an den in England und Frankreich verbreiteten, von dem englischen Fabricanten Palmer angefertigten Klinken, welche jedoch in der Sauberkeit und Solidität der Arbeit den von dem ursprünglichen Erfinder, E. Sdroedter, gelieferten Instrumenten wesentlich nachstehen.

Es ist zu beobachten, daß duro Correction des Zapfens der Anfangspunkt der Drehung genau mit dem Nullpunkte der Scala übereinstimmt, und daß bei der lebten Drehung die Schraube nicht zu fest und stets gleichmäßig gegen den zu messenden Körper angepreßt wird. Durch zu starkes Anschrauben fönnen die Gewinde fich so in einander stauchen, daß selbst bei neuen Schrauben Differenzen von Omm,05 entstehen, welche fich immer vermehren, je mehr fich die Gewinde durch den Gebraud, und namentlich zu scharfes Anpressen ausschleißen.

Bei sorgfältigem Verfahren giebt jedoch dieses Instrument Resultate, welche bis zu 0,01, also bis zu ca. der Dide eines Saares genau sind.

Diese Klinke, welche idon vielfach, aber noch immer nicht genug Eingang in die Industrie gefunden hat, ist jedenfalls die vollkommenste und zu exacten Messungen am meisten geeignete; mit derselben find alle im Folgenden verzeichneten Messungen gemacht, so weit sie nicht aus Berechnungen abges leitet wurden.

Bei der Messung von Blechstärken gewährt diese Klinke, gegenüber der gewöhnlichen, noch den besonderen und wichtigen Vortheil, daß man nicht unmittelbar am Rande, sondern in 1 bis 2 Centimtr. Entfernung davon messen fann; da das Bled) am Rande meistens in Folge der Eigenthümlichkeiten des Walzproceffes nicht dieselbe Dicke hat, wie weiter nach dem Innern der Tafeln, und da außerdein das Aufstauchen des Randes beim Beschneiden Veranlassung zu ungenauer Meffung vermittelft der gewöhnlichen Klinke giebt, so ist es flar, daß die durdy jenes Instrument ermöglichte Bestimmung der Stärfe in einiger Entfernung von den Rändern der Blechtafeln genauer ausfallen muß.

Hat man eine Tabelle zur Hand, in welcher die Stärken der Nummern der verschiedenen Lehren in Millimtr. verzeichnet sind, so bildet das Schroedter'sche Instrument *) die beste Universalflinke; es erfekt die zahlreichen Klinten, welche man sonst nöthig hat, wenn man, wie es in Deutschland leis der noch immer üblich ist, nach 6 bis 8 verschiedenen Lehren

*) Die genannte Klinke verfertigt die mechanische Werkstätte von E. Schroedter in Düsseldorf in vorzüglicher Ausführung zum Preise von 4 Thlr. pro Stüd.

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