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Bisher haben besonders die Handwerkervereine auf Erzielung der Bildung unter den Arbeitern ihr Augenmerk gerichtet. Oben an steht in Deutschland die Thätigkeit des großen Berliner Handwerkervereines. Soweit nun in diesen Vereinen die Fortbildung der Handwerker bezüglich der Elementarkenntnisse und Fertigkeiten angestrebt wird, ist ihre Wirkung eine sehr lobenswerthe. Auch die größeren Vorträge, sobald sie sich in leicht verständlicher Weise auf Geschichte, Literatur, Technik, Gewerbe und Industrie, Geographie und Reisen beziehen, haben einen nicht zu unterschätzenden Nutzen. Werden aber dem Arbeiter Sachen vorgetragen, wie Staatswissenschaften, Lehren der Physiologie und Medicin, der Rechtswissenschaft u. s. w., die unbestritten eine Vorbildung voraussetzen müssen, so mag man sich nicht verhehlen, daß derartig gebotene Sachen eine schädliche, mindestens keine wirklich nützliche Wirkung und bei mildester Anschauungsweise eine Zeitvergeudung ausüben. Entweder soll man dem Arbeiter davon gar nichts sagen, oder erst, nachdem man eine Vorkenntnißstufe angebahnt hat. Diese aber dem Arbeiter anzueignen, dürfte außer Bereich der Möglichkeit liegen, ohne die Kraft und Zeit des Arbeiters zu zersplittern. Und es ist merkwürdig, welche Sucht unter den Vortragenden herrscht, solche fernliegende Sachen ihm vorzuplaudern. Warum bleibt man nicht bei den einfachen Bildungsdingen stehen, die seinem Bereiche nahe liegen?

Man eröffne doch dem Arbeiter die Quellen, aus denen er Förderung seines Handwerkes schöpfen kann. Man sage ihm von den Hülfsmitteln, deren sich die große Technik bedient, man gebe ihm Vorlagen und Anleitung zur Verbesserung seines Geschmackes, somit zur Ausbildung seiner Fertigkeiten, seiner Productivität; man nenne ihm Mittel, Wege, die er bei Ausführung seiner Arbeit verfolgt, abzukürzen und zu vereinfachen und lasse seine Elementarkenntnisse zu höherer Vollkommenheit gelangen, erkläre ihm die Herstellung seiner täglichen Bedürfnisse u. s. f. – und dann selbst ist es noch nicht rathsam, weiter zu gehen und ihn in Wissenschaften einzuführen. Wie in Wirklichkeit eigentlich das Gegentheil befolgt wird, zeigt z. B. das Programm des Vereines zu Berlin 1861 bis 1863. Es wurden gehalten:

24 Vorträge über Pädagogik (!!),

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zusammen 208 Vorträge über Sachen, welche dem Handwerker seinem Bildungsgrade zufolge mehr oder weniger unverständlich bleiben müssen. Dagegen fielen auf Technik, Handel und Gewerbe 32 Vorträge, Geographie und Reisen . . 31 2Geschichte . . . . . . 34 Z Baufach und Mathematik . 19 Z also 106 Vorträge über Gegenstände, welche dem Arbeiter wirklich Nützliches ergeben können, denn Reisebeschreibungen versteht er zu folgen, technische Gegenstände liegen ihm ziemlich nahe, geschichtliche Mittheilungen interessiren ihn. Aber 106 Vorträge, seiner Bildung angemessen, einer Zahl von 208 Vorträgen, ihm wenig verständlich, gegenüber! – das ein Bild von dem Mißverhältnisse in diesen Bestrebungen.

Wir glauben nämlich auch, daß der Hauptfehler aller volkswirthschaftlichen Bestrebungen in der falschen Auffassung und Beurtheilung der Fähigkeiten der Arbeiter beruhe. Wollen wir für unseren Vorwurf die Frage zu lösen gehen: „wie muß der Bildungsgang eingerichtet sein, um dem Arbeiter wirklichen Nutzen zu schaffen“, so können wir unmöglich für eine so heterogene Masse, wie das Arbeiterthum sie an und für sich bildet, ein einziges System ergründen und aufbauen, welches für alle Bestandtheile der Masse gleich günstige Resultate giebt, sondern wir müssen die Masse nach ihren besonderen Eigenheiten zu zerlegen suchen und nach diesen Eigenheiten die Erfordernisse zu ihrer Fortbildung bestimmen. Nun ist es aber der Fehler aller volkswirthschaftlichen Bestrebungen bisher gewesen, daß die Schöpfer derartiger Systeme von Arbeitern redeten als einer homogenen Masse, deren einzelne Theile alle gleiche Eigenschaften und Fähigkeiten enthielten. An diesem Uebel in der Auffassung leidet auch das sonst so praktische System Schulze’s von Delitzsch. Für Gründung und Fortbestehen von Vorschußkassen und Consumvereinen läßt sich die Masse des Arbeitervolkes allerdings als homogene Masse auffassen, nicht aber für Gründung von Productivgenossenschaften. Hier erweist sich Schulze’s System für das eine Handwerk oder Gewerbe als ausgezeichnet, für das andere als untauglich. In diesem Falle ist es unumgänglich nöthig, das System der Productivgenossenschaften in ebenso viele kleine, einzelne Systeme zu zerlegen, als es Handwerke oder wenigstens Gruppen möglichst gleichartiger Handwerke giebt. Z. B. können Schlosser und Maschinenbauer recht gut Productivgenossenschaften bilden, weil in diesen Beschäftigungen eine Gesetzmäßigkeit herrscht. Dagegen, wie bereits leider praktisch erwiesen, eignet die Chálesweberei sich nicht zum Productivgenossenschaftsbetriebe. Hierbei entscheidet nicht die Fertigkeit im Weben u. s. w., sondern der Geschmack, welcher bei den Arbeitern in verhältnißmäßig sehr geringem Maße entwickelt ist, ferner Calculation, Kenntniß der Erfordernisse der Mode, der verschiedenen Materialien u. s. w. Wir wollen jetzt für Beleuchtung unserer Aufgabe einige gewerbliche Thätigkeiten einzeln betrachten und uns fragen, welche Dinge würden zur Förderung derselben beitragen, welche Gegenstände zur Bildung dieser Leute beitragen können. Was würde also 1) dem Maschinenbauarbeiter dienlich"sein? – Zeichnen, vielleicht auch einige Fingerzeige über Legirungen und Gewinnung des Eisens. Mathematik zu Constructionsbedürfnissen; 2) dem Maurer und Zimmermann? – Zeichnen, vielleicht auch eine Beleuchtung der zum Bau nöthigen Materialien, nach ihren Eigenschaften und Bereitungsarten. Grundzüge der Geometrie; 3) dem Weber? – Zeichnen von Dessins. Angaben über Schlichte; vielleicht auch eine Darstellung der Verarbeitung des Rohmateriales bis zum Verweben und über die nöthigen Eigenschaften der Garne; 4) dem Tischler und Drechsler? – Zeichnen. Notizen über Erzeugung von Polituren; 5) dem Gerber? – Neue Gerbmethoden; 6) dem Töpfer? – Zeichnen. Modelliren. Notizen über Glasuren; .

7) dem Schneider? – ? – ? 8) dem Schuster? – ? – ? Beiden etwa Lehre von den Eigenschaften guter Gewebe? Das wissen diese Leute meist besser zu beurtheilen durch die Uebung ihrer Praxis, als man es ihnen erklären oder vorschreiben kann; 9) dem Kammmacher? – Zeichnen? 10) dem Müller? – Zeichnen von Mühlendetails. Mathematik. Mahlmethoden. Mühleneinrichtungen; 11) dem Walker? – ? 12) dem Färber? – Notizen über Wesen und Verhalten der Farbstoffe und der zu färbenden Stoffe; 13) dem Korbmacher? – Zeichnen; 14) dem Glaser? – Zeichnen. Prüfung auf Güte der Gläser; 15) dem Stuckateur? – Zeichnen. Modelliren; 16) dem Stubenmaler? – Zeichnen. Farbstoffe und deren Mischungen; 17) dem Gärtner? – Zeichnen. 18) dem Drucker? – Zeichnen. Chemische Notizen; 19) dem Seiler? – ? 20) dem Böttcher? – ? 21) dem Gelbgießer? – Zeichnen. Modelliren. Legirungen; 22) dem Klempner? – Zeichnen; 23) dem Steinsetzer? – ? 24) dem Dachdecker? – Zeichnen. Mathematik; 25) dem Stellmacher? – Zeichnen. Mathematik; 26) dem Sattler? – ? 27) dem Buchbinder? – ? 4 28) dem Seifensieder? – Lehre von den Fetten und Alkalien; 29) dem Bäcker? – ? 30) dem Kupferschmiede? – Zeichnen. Modelliren. Mathematik 2c. Wir ersehen schon aus diesen Aufzählungen, was eigentliches Bedürfniß für die Arbeiter ist. Wir haben dabei sogar noch den Theil der Arbeiter hervorgezogen, welche mehr oder minder selbstständig dastehen, weil bei der großen Masse von Lohnarbeitern auch diese Erfordernisse kaum geboten erscheinen. Wir ersehen also daraus, daß hauptsächlich die Fertigkeit im Zeichnen gefördert werden sollte. Hinzutreten können als recht Nutzen schaffend Elemente der Mathematik und der technischen

Chemie. Letztere sei nur in dem speciellen Erfordernisse her-,

beigezogen und durchaus nicht zu weit ausholend dargeboten. . Für diese erste Classe der Arbeiter im Gebiete der Technik mögen nun Schulen in Anwendung kommen , welche hauptsächlich Zeichnen, etwas Mathematik, deutsche Sprache, Rechnen, ein wenig Physik und Chemie und etwa die Lehre von den Materialien für die Gewerbe zu ihren Unterrichtsmaterien gewählt haben. Solche Schulen sind ziemlich mustergültig in Hannover, Nürnberg, Hamburg und in anderen Städten ins Leben gerufen. Mit ihnen stehen auf gleicher Stufe eben die vielfach organisirten Baugewerksschulen. Alles, was man den Arbeitern mehr bietet, als hier vorgezeichnet ist, geht über das Bedürfniß und den eigentlichen Zweck der Arbeiterbildung hinaus und muß daher sehr sorg

fältig durchdacht und vorsichtig gegeben werden, aus oben bezeichneten mehrfachen Gründen. Das muß dann darauf gerichtet sein, eine gewisse Allgemeinbildung zu schaffen, und wird für solchen Zweck auf leicht verständlichen Gebieten sich zu bewegen haben. Die Organisation dieser Schulen muß sich örtlichen Verhältnissen möglichst anschließen. Man könnte nach diesem Resumé vielleicht annehmen, daß der Referent ein Feind der Arbeiterbildung sei. Das ist er keinesweges; er hat aber in jahrelangem, engem Verkehre und in seiner Thätigkeit als Lehrer des großen Berliner Handwerkervereines Erfahrungen in diesen Angelegenheiten gemacht, welche sein Urtheil auf diesen Punkt gebracht haben. Mittheilungen werther Freunde, welche ebenfalls vielfach Gelegenheit hatten, Erfahrungen hierüber zu sammeln, haben ihn noch mehr in dieser Auffassung bestärkt. Man muß Vernunft und Ruhe genug besitzen, um in dieser philantropischen Zeit sich ein klares Urtheil zu bewahren, um aus der Unzahl von Mißgriffen und richtigen Behandlungsweisen sich ein klares Bild vom Rechten zu verschaffen. – x. Wir gelangen zur zweiten Abtheilung der technischen Arbeiter, deren Charakterisirung wir bereits oben unternommen hatten. Wir meinen hier also die Besitzenden, die in ihrem Etablissement eine mehr einseitigere, speciellere Fabrication ausüben, die so gestellt sind, daß sie sich noch Leute von Verständniß zur Durchführung und Ueberwachung der einzelnen Obliegenheiten anstellen können. Ihre Fabriken bedienen sich z. B. des Rohstoffes selbst, den sie, sei es zu einem Halbfabricate (Gespinnste, Leder u. s. w.) verarbeiten, sei es zu einem Ganzfabricate (Gewebe, Schuhwerk 2c.), oder sie führen ein bereits halbvollendetes Fabricat der Vollendung entgegen (Appretur, Färberei u. s. w.). Solche Bearbeitungen erheischen

jedoch keine allzu complicirten Vorgänge, Constructionsberech

nungen 2c., sondern sind mit leichterer Mühe und mit wenigeren Mitteln der Technik herzustellen. Hier handelt es sich also nicht um den höchsten Grad der Wissenschaft, sondern lediglich um eine mittlere Kenntniß der technischen Obliegenheiten und Erfordernisse. Man kann zu dieser Classe etwa folgende Fabricanten rechnen: Seifen- und Lichtfabricanten, Bierbrauer, Maurer- und Zimmermeister, speciellere chemische Fabriken, Zuckerfabricanten, Mühlenbesitzer, Gerberei-, Färberei-, Weberei-, Spinnerei-, Ziegelei- und Thonwarenbesitzer, Porzellanfabricanten, Glashüttenbesitzer, Druckereibesitzer u. s. w. Solche Leute müssen sich eine Kenntniß der technischen Lehren aneignen, damit sie ihren Betrieb überwachen können, nicht von ihren angestellten Beamten abhängig werden, dieselben vielmehr durch eigenes Verständniß der Sache zu eontroliren verstehen und damit sie den Fortschritten der Technik mit Einsicht zu folgen und dieselben zum Besten ihres speciellen Betriebes zu benutzen im Stande sind. Da nun eine derartige Situation den betreffenden Besitzer auch in conversationeller Beziehung in die höhere Sphäre der Gesellschaft verweist, so ist es wohl angemessen und die Pflicht jedes dieser Herren, sich auch eine Allgemeinbildung vor der Specialbildung anzueignen. Unser Entwurf zur Vorbildung für das technische Studium, den wir vor Kurzem veröffentlichten, stellt die Organisation einer Anstalt von drei Classen dar, welche diesem Kreise der Techniker das ausreichend Genügende bieten kann. Solche in jenem Entwurfe charakterisirte Anstalt ist als genügend hohe technische Schule für diese zweite Classe zu erachten; nur wünschten wir wohl, daß die Aufnahmebedingung dann lautete: Zeugniß von Secunda eines Gymnasiums oder von Obersecunda einer Realschule. Ein höheres Eingehen in technische Wissenschaften, als diese Gewerbeschulen bieten, halten wir gar nicht für nöthig; das höhere Studium würde eben nur das noch zufügen, was für den Fabrikbetrieb dieser Classe von Technikern nicht verwerthbar wäre. Wir erinnern dabei besonders an die höhere Mathematik, an die höhere chemische Analysis 2c. Wollen Männer dieser Classe noch ein Weiteres zur Specialbildung für ihr besonderes Fachthun, dann mögen sie ganz specielle Schulen, als Webeschulen, Färberschulen, chemische Laboratorien besuchen, oder weit besser, in eine derartige specielle Fabrik eintreten und dort auf Grund ihrer genügenden Allgemeinbildung, ihrer genügenden technischen Bildung noch die Specialbildung ihres Fabrikbetriebes auf praktischem Wege sich aneignen. Wir glauben, daß diesem Bildungsgange ein guter Erfolg und vor Allem nicht die Gefahr einer Ueberladung des Geistes mit unverwerthbaren Dingen und Zeitverlust zur Seite stehen wird. – Wir gelangen sodann zur dritten Classe der technischen Welt. Wenn wir auf die oben angegebene Charakteristik dieser Classe hinweisen, so wollen wir hier die speciellen Etablissements angeben, für deren Führung und überhaupt zu deren Nutzen die Männer dieser Classe arbeiten und zunächst lernen, sich bilden sollen. Es gehören hierher die großen Fabrikbetriebe, als Hüttenwerke und die Eisenindustrie mit allen ihren verschiedenartigen Unterabtheilungen, die großen chemischen Fabriken, die großen Porzellanfabriken und Glashütten, die Mühlenbaufabriken, die Schiffsbauanstalten, die Eisenbahnbauanstalten, die Telegraphenbauanstalten u. s. w. Endlich sind hierher Diejenigen zu rechnen, welche als Lehrer der technischen Wissenschaften und als Civilingenieure auftreten wollen. Hierin ist die höchste technische Ausbildung erforderlich, ebenso in unserer Zeit eine hohe Allgemeinbildung. In Anbetracht dessen, daß die Allgemeinbildung das Verständniß der höheren technischen Wissenschaften unendlich erleichtert und zugleich eine gerechte Forderung der Jetztzeit ist, halten wir es für unerläßlich nöthig, als Vorbedingung für Aufnahme solcher Männer an höheren polytechnischen Lehranstalten aufzustellen: 1) Beibringung eines Attestes über Besuch der höchsten Stufe eines Gymnasiums; 2) oder eines Abiturientenzeugnisses einer höheren Realschule; (3) oder desselben von einer Provinzialgewerbeschule, bei welcher die von uns dargelegten Erfordernisse stricte erfüllt worden sind). Den letzten Passus 3 sind wir fast geneigt gänzlich zu streichen; wir halten diesen Punkt nämlich für sehr zweifelhaft. Jedenfalls ist es weit mehr vorzuziehen, die Punkte 1 und 2 zu erfüllen, als den Punkt 3, denn der Besuch der Gewerbeschule kürzt nöthiger Weise die Erlangung einer gründlichen Allgemeinbildung ab; ferner aber wiederholt das Studium der höheren polytechnischen Institute durchaus viel von dem,

was schon die Gewerbeschule geboten hat. Es handelt sich also um zwei Punkte: Verkürzung der Allgemeinbildung und Zeitverlust, ganz abgesehen davon, ob solcher Wiederholung keine schädliche Einwirkung beizulegen ist. Als viertes Erforderniß möchte auch eine kurze praktische Thätigkeit, etwa in dem Zweige der Technik, dem sich der Studirende zuwenden will, von Nutzen sein. Ueber diesen Punkt ist man sehr auseinandergehender Ansichten. Wir glauben, daß dies Erforderniß für manche technische Gebiete nützlich, für andere wieder nicht nöthig sei. – Wir haben nun noch die scheinbar hohen Ansprüche und Bedingungen bei Aufnahme in die höchste polytechnische Lehranstalt zu motiviren. Bei Betrachtung der einzelnen technischen Gebiete fällt im Allgemeinen die Ueberfülle von Technikern, welche Stellungen suchen und einnehmen wollen, auf. Woraus entsteht dieselbe? Unserer Ansicht nach aus den wenig streng präcisirten Anforderungen für die Aufnahme in höhere polytechnische Lehranstalten, sodann aus dem Mangel an Bekanntschaft mit den Forderungen der Technik. Wir müssen die jungen Leute ernst darauf aufmerksam machen, bei Wahl ihrer technischen Laufbahn recht eingehend zu überlegen, welchem Ziele sie zueilen wollen, welche Anforderungen ein solches Ziel an sie stellen muß, und wie viel solcher Ziele vorhanden, resp. vacant vorhanden sind. Die vorhandenen Stellen für solche jungen Leute sind in unserer verhältnißmäßig jungen Industrie besetzt durch Kräfte, welche länger ausdauern werden, und neue Fabriketablissements entstehen nicht in so großer Anzahl, daß deren Stellenvacanz in nur annäherndem Verhältnisse mit der Zahl stellesuchender Techniker stände, welche jährlich die polytechnischen Hochschulen verlassen. Besonders tritt dieses Mißverhältniß bei der chemischen Carrière hervor, und für dieselbe kann man in redlichem Geiste nicht anders thun, als fort und fort den jungen Leuten vom technisch-chemischen Studium abzurathen. Man erkundige sich z. B. nur über das Ergehen der von der Königl. GewerbeAkademie zu Berlin entlassenen Chemiker und wird zu einem unendlich deprimirenden Resultate gelangen. Alles gedenkt durch den Besuch der höheren Lehranstalten für die Technik eine Anwartschaft auf die hohen Stellen der Technik zu haben; der Zudrang ist um so größer, je geringer die Schranken sind, welche den Zutritt regeln. Dieselbe Erscheinung ist in fast allen Studienzweigen beobachtet worden und hat dort überall zur Verschärfung der Aufnahme- und Zulassungsbedingungen geführt. Wie viel nöthiger sind solche in dem technischen Gebiete, wo das Abgangsexamen wegfällt und somit der Damm für Regelung derartiger Verhältnisse. Neuerdings erst noch ist die Verschärfung dieser Bedingungen von sichtbarem Erfolge bei den Baubeflissenen geworden, besonders durch Aufhebung der Zulassungsberechtigung der Abiturienten von Provinzial-Gewerbeschulen. Deshalb sehe man diese Verhältnisse ernst an und erwäge ruhig und unparteiisch, damit zur rechten Zeit Maßnahmen getroffen werden, welche dem Eintritte, dem sicheren Eintritte von Mißverhältnissen vorbeugen.

Untersuchungen über Draht- und Blechlehren.

Ein fernerer Beitrag zur Erörterung der Zweckmäßigkeitsfrage über die obligatorische Einführung einer allgemein gültigen Normallehre für Draht, Blech und andere verwandte Artikel.

Von Richard Peters,
(Hierzu Blatt 2 bis 4.)

Bei der im Jahre 1865 durch Hrn. P. Stühlen und unter Mitwirkung des westphälischen Bezirksvereines erfolgten Herausgabe eines Ingenieur - Kalenders hatte ich es übernommen, den das Eisenhüttenwesen betreffenden Theil zu bearbeiten, und versuchte hierfür auch eine Zusammenstellung der gangbarsten Lehren für Draht, Blech und Bandeisen zu geben, und namentlich auf Grund früherer eigenen Messungen und einiger in England und Frankreich gesammelten Zahlen die Stärke der verschiedenen Nummern in Millimtr. auszudrücken. Meine Absicht, diesen wichtigen Gegenstand ausführlicher in dieser Zeitschrift zu behandeln, wurde neu angeregt durch die höchst schätzbaren Untersuchungen über Drahtlehren, welche Hr. H. Thomée sen. in den letzten Heften d. Z. veröffentlichte (Bd. X, S. 546 bis 563 und 611 bis 661), und versuche ich im Folgenden einige Ergänzungen zu jenem Aufsatze von Thomée und den darin angezogenen Abhandlungen von Karmarsch zu geben, und zwar: I. Die Methoden der Messung für die Stärken dünner Metalle. lI. Die Feststellung der Dicken für die Nummern der verschiedenen Lehren, auf Millimtr. bezogen. III. Einen Entwurf für eine Normallehre. IV. Einen Vergleich der Nummern dieser Normallehre mit denen der bisherigen Lehren. V. Vorschläge, um die Einführung der Normallehre in der Fabrication und im Handel zu bewirken.

I. Die Methoden der Messung für die Stärken dünner Metalle.

Eine genaue Feststellung der den einzelnen Nummern der verschiedenen Lehren entsprechenden Stärken in Millimtr. ist, wie Thomée richtig ausführt, besonders schwierig, weil man meistens, in Ermangelung gesetzlicher oder durch Uebereinkommen geregelter Beziehungen, sich auf Klinken verlassen muß, welche oft erheblich von einander differiren, wie u. A. die von Thomée mitgetheilten Resultate seiner Messungen der westphälischen Drahtnummern im Vergleiche zu denen von Eversmann und Egen beweisen.

Nur für einige Lehren, wovon 3 glücklicherweise zu den am meisten gangbaren gehören, ist es mir gelungen, sichere Zahlen aufzufinden, wodurch die Dicken der Nummern in Millimtr. resp. in englischen oder rheinländischen Zollen und französischen Linien ausgedrückt sind, während bei allen anderen die Bestimmung dieser Stärken nur durch Messung erhalten werden konnten: es wurden in diesem Falle Drahtsorten, welche möglichst genau mit den Nummern der verschiedenen Lehren übereinstimmten, vermittelst eines im Folgenden zu beschreibenden Instruments gemessen, und dadurch deren Dicke in Millimtr. erhalten.

Ist es schon schwierig, für diesen Zweck Drahtmuster herzustellen, welche genau rund sind und exact mit den Nummern einer Klinke übereinstimmen, so entsteht eine fernere und beträchtlichere Fehlerquelle und Unsicherheit für diese Messungen daraus, daß von den unter einem und demselben Namen gebräuchlichen Klinken kaum 2 Exemplare genau in ihren Abstufungen übereinstimmen, wie bereits oben bemerkt wurde. Selbst wenn man auf die zuverlässigsten Quellen zurückgeht, z. B. sich von den renommirtesten Verfertigern von Klinken oder von den größten Drahtziehereien Original-Klinken oder Muster geben läßt, so erhält man doch Abweichungen, welche häufig die Grenzen praktischer Genauigkeit wesentlich überschreiten; Beispiele dafür bieten die folgenden Tabellen über die bergische und französische Drahtlehre*). Mag zuweilen absichtlich von einzelnen Fabricanten eine Abweichung hervorgerufen sein, um gewisse Vortheile dadurch zu erzielen, daß manche Nummern dicker oder dünner angefertigt werden, als es die Regel verlangt, so ist doch meistens der Mangel gesetzlicher oder eonventioneller Vorschriften über die den einzelnen Nummern entsprechenden Stärken die Ursache jener Differenzen, und spricht dies dringend für die Nothwendigkeit, diese

Frage einheitlich zu regeln.

Vor der Aufzählung der Resultate meiner verschiedenen Messungen mögen zunächst hier noch einige Bemerkungen über die Construction der üblichsten Klinken Platz finden.

Die gewöhnlichen Klinken haben die Form einer stählernen, ca. 5" dicken, 3 bis 6 Centimtr. breiten und 10 bis 20 Centimtr. langen, an den Ecken abgerundeten, Scheibe, an deren Rande verschiedene Schlitze von 5 bis 10 Centimtr. Länge meistens in eine Rundung endend, ausgearbeitet sind, deren Weite genau der Dicke des Drahtes resp. Bleches von der betreffenden Nummer entspricht, und neben denen durch Zahlen oder durch Buchstaben (bei der westphälischen Drahtlehre) die Nummern bezeichnet sind. Diese Klinken sind die am meisten üblichen, da sie gestatten, auf einen kleinen Raum eine große Anzahl Nummern zusammenzudrängen, und da sie leicht zu handhaben und zu transportiren sind. Einer Abnutzung unterliegen sie nur in so fern, als sich die Schlitze, welche die Nummern repräsentiren, durch öfteren Gebrauch erweitern, und es ist daher von Zeit zu Zeit nöthig, dieselben zu revidiren und mit den Originalmaßen zu vergleichen.

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Eine zweite Sorte von Klinken besteht aus einer flachen Stahlscheibe, die an einer Seite, parallel mit der Längenrichtung, eine einzige conische Spalte enthält, welche etwa 5 Centimtr. vom anderen Ende aufhört, so daß dort die Scheibe zusammenhängt, während sie im übrigen Theile die Form einer flachen Gabel hat. Wenn Draht von einer gewissen Dicke fest in die Seiten des Einschnittes eingepaßt wird, so reicht er mehr oder weniger tief hinein, und es sind durch Striche, vertical auf die Längenaxe des Spaltes und durch hinzugefügte Ziffern resp. Buchstaben die verschiedenen Nummern bezeichnet. Der freie Raum zwischen dem rechten und linken Schenkel der Klinke entspricht nicht genau der Dicke des Drahtes, dessen Nummer dabei notirt ist, sondern ist etwas geringer, da die Seiten des conischen Spaltes mehr oder weniger divergirende Tangenten zu dem Kreise des Drahtquerschnittes bilden. In mancher Beziehung verdient diese Klinke den Vorzug gegen die vorige, da sie genauere Messungen und die Ablesung von Zwischentheilen zwischen den einzelnen Nummern gestattet. Ist bei der ersten Klinke der Draht zu dick für eine bestimmte Oeffnung resp. Nummer, so hat man kein Mittel, um zu wissen, ob diese Differenz in der Dicke viel oder wenig beträgt; bei der zweiten Klinke dagegen kann man leicht sehen, wie viel der Draht in den Zwischenraum zwischen 2 Nummern hineinpaßt, und ist demnach im Stande, genauer dessen Dicke festzustellen; auch ist dieses Instrument der Abnutzung wenig unterworfen, dagegen hat es den Uebelstand, daß man nur wenige Nummern auf einmal darauf anbringen kann, und zwar um so weniger, je mehr die beiden Schenkel convergiren, also je genauer die Klinke ist. Es ist dieselbe daher nur für genaue Messungen in den Drahtziehereien in Gebrauch, dafür aber sehr zu empfehlen, während die erste Klinke (die ich als „gewöhnliche Klinke“ im Gegensatze zur zweiten „conischen “ bezeichne) allgemeinere Anwendung findet. Die dritte Klinke ist ein Instrument, welches vor ca. 10 Jahren von dem verstorbenen Mitgliede unseres Vereines, Mechanicus E. Schroedter in Düsseldorf, construirt wurde; es besteht, wie Fig. 2 und 3, Blatt 4 zeigen, aus einem kräftigen Bügel von Stahl oder Messing, welcher am einen Ende einen durch Anziehen einer Schraube verstellbaren Stahlzapfen, am anderen Ende eine Mutter von 35" Länge trägt, in welcher sich eine Schraube von 68" Länge und ca. 7" Durchmesser bewegt. Diese Schraube hat ein sehr exactes Gewinde von genau 1“ Steigung und ist an dem einen Ende mit einer ringförmig, die Mutter umgebenden Handhabe versehen; die Peripherie der Handhabe ist in 10 gleiche Theile eingetheilt, welche hinreichend breit sind, um dazwischen noch Zehntel ablesen zu können. Jede Drehung der Schraube um einen Gang ergiebt demnach einen auf der Außenseite der Mutter abzulesenden Stärkenunterschied von 1“, und dazwischen können auf der Peripherie der Handhabe Differenzen von 0“,01 genau taxirt werden. Zwischen den Stahlzapfen und das freie Ende der Schraube, welche beide gut gehärtet sind, wird das zu messende Metallstück eingespannt, und ergiebt dann die Messung direct dessen Dicke in ganzen, zehnteln und hundertsteln MilliMetern. Bei manchen Exemplaren dieser Klinke fand ich diese beiden Enden etwas convex gearbeitet, so daß nur bei einer

Einspannung des Objectes gerade in der Mitte sich die richtige Dicke ergab; für Messung von Blech ist dies wohl zweckmäßig, dagegen empfiehlt es sich, für Bestimmung von Drahtstärken die beiden Enden als ebene Flächen herzustellen, um das zu messende Stück nicht nur in der Mitte, sondern an jeder Stelle einspannen zu können. Obige Dimensionen der Klinke sind so gewählt, daß noch Objecte von 25 Centimtr. Durchmesser gemessen werden können; da jedoch meistens nur das Bedürfniß vorliegt, schwächere Sorten mit der Klinke zu bestimmen, so können zweckmäßig die Längendimensionen und die Weite des Bügels redueirt werden, nicht aber der Durchmesser der Schraube und Handhabe, da sonst die Schraube weniger solide und die Ablesung weniger scharf wird. Derartig veränderte Dimensionen fand ich an den in England und Frankreich verbreiteten, von dem englischen Fabricanten Palmer angefertigten Klinken, welche jedoch in der Sauberkeit und Solidität der Arbeit den von dem ursprünglichen Erfinder, E. Schroedter, gelieferten Instrumenten wesentlich nachstehen. Es ist zu beobachten, daß durch Correction des Zapfens der Anfangspunkt der Drehung genau mit dem Nullpunkte der Scala übereinstimmt, und daß bei der letzten Drehung die Schraube nicht zu fest und stets gleichmäßig gegen den zu messenden Körper angepreßt wird. Durch zu starkes Anschrauben können die Gewinde sich so in einander stauchen, daß selbst bei neuen Schrauben Differenzen von 0“,05 entstehen, welche sich immer vermehren, je mehr sich die Gewinde durch den Gebrauch und namentlich zu scharfes Anpressen ausschleißen. Bei sorgfältigem Verfahren giebt jedoch dieses Instrument Resultate, welche bis zu 0“,01, also bis zu ca. # der Dicke eines Haares genau sind. Diese Klinke, welche schon vielfach, aber noch immer nicht genug Eingang in die Industrie gefunden hat, ist jedenfalls die vollkommenste und zu exacten Messungen am meisten geeignete; mit derselben sind alle im Folgenden verzeichneten Messungen gemacht, so weit sie nicht aus Berechnungen abgeleitet wurden. Bei der Messung von Blechstärken gewährt diese Klinke, gegenüber der gewöhnlichen, noch den besonderen und wichtigen Vortheil, daß man nicht unmittelbar am Rande, sondern in 1 bis 2 Centimtr. Entfernung davon messen kann; da das Blech am Rande meistens in Folge der Eigenthümlichkeiten des Walzprocesses nicht dieselbe Dicke hat, wie weiter nach dem Innern der Tafeln, und da außerdem das Aufstauchen des Randes beim Beschneiden Veranlassung zu ungenauer Messung vermittelst der gewöhnlichen Klinke giebt, so ist es klar, daß die durch jenes Instrument ermöglichte Bestimmung der Stärke in einiger Entfernung von den Rändern der Blechtafeln genauer ausfallen muß. Hat man eine Tabelle zur Hand, in welcher die Stärken der Nummern der verschiedenen Lehren in Millimtr. verzeichnet sind, so bildet das Schroedter’sche Instrument*) die beste Universalklinke; es ersetzt die zahlreichen Klinken, welche man sonst nöthig hat, wenn man, wie es in Deutschland leider noch immer üblich ist, nach 6 bis 8 verschiedenen Lehren

*) Die genannte Klinke verfertigt die mechanische Werkstätte von E. Schroedter in Düsseldorf in vorzüglicher Ausführung zum Preise von 4 Thlr. pro Stück.

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