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lyrischen Liedes. Die Elegiker verbanden die objektive Erzählung mit der subjektiven Reflexion.1) Und endlich erscheint die Elegie auch geschichtlich als Vermittlerin zwischen dem Epos und der Lyrik : sie tritt zuerst mit dem Verschwinden des Epos auf und ist die Vorläuferin der eigentlichen lyrischen Poesie.

Als Erfinder der Elegie wird von den Alten meist der Ionier Kallinos aus Ephesos genannt, der um 700 v. Chr. lebte; von ihm stammt wenigstens die älteste uns erhaltene Elegie.) Hier finden wir bereits den Begriff dieser Dichtungsart über das enge Gebiet der ursprünglichen Bedeutung hinaus entwickelt; seine Elegieen, weit davon entfernt Klagelieder zu sein, waren politische Gedichte, durch die er seine Landsleute zum Kampfe gegen die kimmerischen Horden, die damals Kleinasien plündernd durchzogen, oder gegen das benachbarte Magnesia aufforderte. Dasselbe gilt von den Elegieen, in denen Tyrtaios die Spartaner zum Kampfe gegen die Messepier begeisterte, und dem Archilochos von Paros, dem Erfinder des lambos. 3) Dieser älteren politischen Elegie gehören auch noch Solon aus Athen, der zugleich als Begründer der eleatischen Philosophenschule berühmte Xenophanes aus Kolophon, Theognis von Megara und Phokylides aus Milet an, welche in elegischem Versmass Lehren politischer und ethischer Weisheit (yvõuai) niederlegten. Daher nannte man diese Gattung der Elegie auch die gnomische. Namentlich berühmt ist Solons Elegie Palauls, durch welche er die Athener zur Wiedereroberung dieser Insel entflammte. 4) Aber schon früh zog sich die Elegie von diesem politischen Gebiet zurück und beschränkte sich mehr

1) Im Gegensatz zu dem ruhigen und gleichmässigen Rhythmus des Hexameters bringt der Pentameter mit seiner zweimaligen Katalexis und der scharfen Scheidung der beiden kurzen Glieder die Unruhe und Aufregung der Seele, den Wogenschlag stärkerer Gemütsbewegung zum Ausdruck. Die Verbindung beider Verse im Elegeion wird somit eine geeignete Form für den Wechsel der Empfindungen, welche die Elegie zu ihrem Inhalt hat. Gleditsch, Metrik 38, 718. 2) Vgl. Hor. a. p. 77s. (Kiewsl.):

quis tamen exiguos elegos emiserit auctor,

grammatici certant et adhuc sub iudice lis est. 3) Nach einigen ist Archilochos auch der Erfinder des elegischen Distichons (v. Wil.-Möll. Eur. Her. 157, 18). Von ihm besitzen wir noch Bruchstücke eines Èn IXÝdelov (Trauergedichts) auf seinen in den Wellen umgekommenen Schwager (fr. 9–13 B), das vielen als das älteste elegische Gedicht galt (Kiessl. Hor. 13, 381; 0. Crusius in Pauly-Wiss. Realenc. Archil.). 4) Daraus die Verse :

"Iομεν εις Σαλαμίνα, μαχησόμενοι περί νήσου
εμερτής, χαλεπόν τ' αίσχος άπωσόμενοι.

und mehr darauf, die Leiden und Freuden des einzelnen, namentlich in der Liebe, zu besingen. So entstand die erotische Elegie, als deren Begründer Mimnermos von Kolophon gilt, der etwa um 600 v. Chr. lebte. Wenig später sang Simonides von Keos, der Freund des Hiero von Syrakus, des Themistokles und Anakreon, (um 500) seine Klagelieder (Hor. c. II 1,38 Ceae munera neniae, und Cat. 38,8 maestius lacrimis Simonideis) in elegischem Versmafs (θρηνώδης oder θρηνητική ελεγεία) und verherrlichte die Heldenthaten seiner Landsleute in den Perserkriegen in jenen kurzen Epigrammen, deren berühmteste die Grabschrift auf die bei Marathon gebliebenen Athener

Ελλήνων προμαχούντες Αθηναίοι Μαραθώνι

χρυσοφόρων Μήδων εστόρεσαν δύναμιν, die Inschrift auf dem Grabmal der bei Thermopylae gefallenen Griechen

Μυριάσιν ποτέ τήδε τριακοσίαις εμάχοντο

εκ Πελοποννήσου χιλιάδες τέτορες, , und das Epigramm auf den Tod des Leonidas

Ω ξειν' αγγέλλειν Λακεδαιμονίοις, ότι τήδε

κείμεθα, τοίς κείνων ρήμασι πειθόμενοι 1) sind. Auch Antimachos von Kolophon (um 400), der Freund des Platon, verfasste neben seinem Epos Thebais eine erotische Elegie Lyde. Er schrieb sie nach dem Tode seiner Geliebten Lyde, indem er eine lange Reihe von traurigen Ereignissen aus der Heroenzeit (jewirai ovuqogal) in ermüdender Breite 2) aufzäblte und so durch den Gedanken an fremdes Leid seinen eigenen Schmerz zu lindern suchte. Hier haben wir das erste Beispiel einer gelehrten erotischen Elegie (égwtix) & heyela), wie sie im Gegensatz zum reinen Epos der alten Zeit nach ihm bei den Alexandrinern Mode ward. 3)

Auch in Alexandria, dem 'Wintergarten der griechischen Poesie, ward die Elegie, und zwar die Liebeselegie, eifrig gepflegt

1) Herod. 7, 228. Übersetzt von Cic. Tusc. I 42, 101; Schiller (Spaziergang); E. Geibel im Klassischen Liederbuch.

2) Cat. 95, 10 at populus tumido gaudeat Antimacho (Susem. Alex, 1, 172). So urteilt Kallimachos (fr. 74b Schn.): Aódn xai nagu γράμμα και ου τορόν.e) ) 3) Ovid tr. 1 6, 1 ss.

Nec tantum Clario Lyde dilecta poetae,

nec tantum Coo Bittis amata suo est, pectoribus quantum tu nostris, uxor, inhaeres.

(Susem. Alex. 1, 170); jedoch ist diese dem Charakter der Žeit entsprechend sehr verschieden von der Liebeselegie eines Mimnermos. Prunken mit Gelehrsamkeit, entlegene mythologische Anspielungen, seltene Wörter und gekünstelte Rhythmen traten an Stelle der schlichten Naturwahrheit und Einfachheit. Zu diesen gelebrten Elegikern Alexandrias, einer Stadt, welche infolge der selbstlosen Förderung der Künste und Wissenschaften durch die Ptolemäer zu einem Mittelpunkt des geistigen Lebens geworden war, gehören namentlich Philetas von Kos), der Freund des Theokrit und Erzieher des Ptolemaios II Philadelphos (um 300 v. Chr.), ein Dichter, welcher in einem Buch Ttalyvia (Tändeleien) seine Geliebte Bittis feierte), sein Schüler und Freund Hermesianax 6) von Kolophon, Kallimachos aus Kyrene, der Sänger der Artiab), nach deren Muster Properz seine Origines dichtete) (um 250 v. Chr.), und Euphorion aus Chalkis, 3) der um 230 v.Chr. zu Antiochia am Hofe des Königs Antiochus d. Gr. als Bibliothekar lebte. Endlich verdient hier noch der auch durch seine Methamorphosen bekannte Dichter Parthenios') von Nikaia Erwähnung, der, im J. 73 v. Chr. als Kriegsgefangener im Mithridatischen Kriege nach Rom gebracht, der Lehrer des Cornelius Gallus ward und so gleichsam unmittelbar die griechische Elegie mit der römischen verknüpfte.

Von Alexandria aus ward die Elegie nach Rom verpflanzt4); während aber die alexandrinische Poesie der letzte Sprofs der griechischen Dichtkunst war, schlug das Reis, das von dem altersschwachen, absterbenden Stamm in Alexandria auf den noch frischen Baum römischer Poesie aufgepfropft ward, kräftig aus und trieb in der Fremde herrliche Blüten, welche an Duft jene der Heimat weit übertrafen. Es war eine glückliche Wahl der römischen Dichter, gerade die Elegie zu pflegen; denn für die hohe Begeisterung lyrischer Poesie waren sie von Natur zu nüchtern und besonnen, und die für das Epos unerlässliche Gabe,

1) Ovid c. l. und ex P. III 1, 57 s.

nec te nesciri patitur mea pagina: qua non

inferius Coa Bittide nomen habes. 2) Von ihm urteilt Ovid am. I 15, 138.:

Battiades semper toto cantabitur orbe:

quamvis ingenio non valet, arte valet. 3) Eugoplarv von Chalkis auf Eubõa geb. 276 v. Chr. (Susem. Alex, 1, 393 ff.; Meineke Anal. Alex. 3 ss.).

4) Über die Abhängigkeit der römischen Elegie von der griechischen s. Rothst. Prop. I XVII—XXI.

unbefangen Sagen zu gestalten und harmlos zu erzählen, war ihnen längst abbanden gekommen, vielleicht auch war sie ihnen niemals beschieden gewesen.

Wenn aber die römischen Dichter gerade von den Alexandrinero entlehnten und nicht auf die Meister der alten klassischen Zeit zurückgingen, so schlossen sie sich eben an die damals herrschende Modepoesie an.

Wir wissen nicht, von wem die Elegie in die römische Poesie eingeführt ward.) Elegisches Mass treffen wir zuerst in einigen Epigrammen des Ennius') an, desselben Dichters, der den Hexameter nach Rom verpflanzte. Die ersten erhaltenen Elegieen") aber finden sich bei Catull, und es ist wahrscheinlich, dass der erste lyrische Dichter der Römer zugleich der erste Elegiker Roms gewesen ist. Wenn die römischen Kritiker ihn nicht mit zu den Elegikern rechneten, so bat dies seinen Grund darin, dass Catull mehr durch seine kleineren lyrischen Gedichte als durch seine Elegieen unsterblich ward. Quintilian (instit. orat. X 1, 93) 1) nennt nur vier römische Elegiker: Tibull, Properz, Ovid und Gallus; über ihre Zeitfolge belehrt uns eine Stelle des Ovid (Nr. I 53 s.): successor fuit bic (Tibullus) tibi, Galle: Propertius illi:

quartus ab his serie temporis ipse fui. 2) Der hier erwähnte Gallus ist der bekannte C. Cornelius Gallus 3) geb. 69 v. Chr. zu Forum Iulii in Gallia Narbonensis, der Freund des Asinius Pollio und Gönner des Virgil, der seiner in den Eclogen wiederholt gedachte (Nr. 6 u. 10) und sein Lob in einer Episode des vierten Buches seiner Georgica besungen hatte. Gallus war ein Günstling des Augustus, von dem er als erster Praefectus in der neugegründeten Provinz Ägypten (30 v. Chr.) eingesetzt ward. Infolge von Verleumdungen, die ihm die Gunst des Herrschers raubten, machte er 26 v. Chr. seinem Leben freiwillig ein Ende.4) Augustus zürnte ihm so sebr, dass Virgil es für notwendig hielt, in einer zweiten Bearbeitung seiner Georgica das dem Freunde früher gewidmete Lob zu beseitigen und dafür die Klage des Aristaeus (v. 315-558) einzuschalten. Gallus ahmte namentlich

1) Elegia quoque Graecos provocamus, cuius mihi tersus atque elegans maxime videtur auctor Tibullus; sunt qui Propertium malint. Ovidius utroque lascivior, sicut durior Gallus.

2) Ovid Nr. V 61 ss.

3) Der Vorname ist durch eine ägyptische Inschrift festgestellt (Phil. 1896, 122; Prosopogr. R. 1, 448 s.).

4) Schanz R. L. 2, 101; Mommsen Mon. Ancyr.? 106; Rothst. Prop. 1, 375; Büdinger, Cat. u. d. Patr. 36; Gardth. Aug. 2, 242 A. 25; Friedl. S. R. 18, 145 (Suet. Oct. 66; Dio 53, 23 s.).

dem gelebrten Dichter Euphorion (vgl. S. 7) nach und übersetzte ihn zugleich. In vier Büchern Amores, welche leider verloren gegangen sind, besang er seine Liebe zur Cytheris, die er unter dem Namen Lycoris verherrlichte. 1) Wir müssen also in der folgenden Vergleichung der römischen Elegiker von ihm absehen; nur so viel wissen wir von ihm, dass er durior war als Tibull, Properz und Ovid, wie Quintilian a. a. 0. es ausdrückt, d. h. noch nicht die Glätte und Gewandtheit erreicht hatte wie seine Nachfolger.

Catull scheint ausser einer grösseren Zahl von Epigrammen in Distichen nur vier umfangreichere elegische Gedichte verfasst zu haben, von denen eines (c. 66) eine freie Übersetzung eines Kallimacheischen Gedichtes, des Βερονίκης πλόκαμος (Coma Berenices: Susem. Alex. I 357 ff.; 362) ist. Der alexandrinische Hofpoet hatte diese Elegie, die wir nur aus der Übertragung kennen, auf das für die Erhaltung ihres Gatten der Aphrodite geweihte Haar der ägyptischen Königin Berenike, der Gemahlin des Ptolemaios Euergetes, gedichtet, das seines Glanzes wegen unter die Sterne versetzt wurde. Viel wertvoller sind die Elegieen, in denen Catull seines früh verstorbenen Bruders gedenkt (c. 65, 68° u. 686). Ängstlich und schüchtern, wie es bei einem derartigen ersten Versuche erklärlich ist, lehot er sich ganz besonders in seinen längeren Gedichten noch eng an die alexandrinischen Vorbilder an, namentlich in der Form. Daher die vielen versus spondiaci 2) (eiomal drei bintereinander c. 64, 78 bis 80), daher die Sorgfalt, mit der er die Cäsur xatà Tétaptov Teogalov meidet, daher die schwülstige Periode des c. 65, daher das c. 65 angehängte Gleichnis") v. 19—24:9) In der Anordnung

1) Ov. Nr. IV 29s. Über das Leben der Schauspielerin Lycoris (ihr wirklicher Name war Volumnia Cytheris) s. Schanz RL 2, 101.

2) Über welche Cicero, bei dem sich übrigens gleichfalls vers. spond. 'finden (Schmidt Cat. LXVI s.), ad Alt. 7, 2 spottet: ita belle nobis flavit ab Epiro lenissumus Onchesmites. Hunc orovdeldgovta si cui voles Tõv vewtépwv pro tuo vendito. Auch bei Homer (Il. 2, 658 ss.; 717 ss.; 11, 49 ss.), Kallimachos (hymn. 3, 222 ss.), Theokrit (13, 42 ss.; 25, 29 ss.), Euphorion (fr. 27), Aratos (419 ss. ; 953 ss.), Apollonios Rh. (4, 1189 ss.) finden sich 3 v. spond. hintereinander. Übrigens hat Catull sie in seinem 62. und 67. Gedicht ganz vermieden, desgleichen im 64. v. 132—201 (Klage der Ariadne) u. v. 215–237 (Rede des Āgeus). Vgl. Lehrs ep. quaest. 310; Viertel in Lebrs' Horaz XXIII ff.; Meineke An. Alex, 62. Susem. Alex. 1. 365; Leo ind. Gotting. 1892/3 7 ss.

3) ‘Als Nachahmer der Griechen (und namentlich der Alexandriner : Bährens Cat. 2, 12) wird Catull durch die häufige Benennung doctus (Ov. am. III 9, 62; Lygd. 6, 41; Mart. I 61, 1; VIII 73, 8; XIV 152, 1) be

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