2521.2113 Suvi 235.15 Harvard College Library Riant Collection Gift J. Randolph Coolidge and Archibald Cary Coolidge Feb. 26, 1900. Druck von David Bürkli. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, dass das von den Alpen, dem Jura und dem Rhein eingeschlossene Land, das gegenwärtig den Namen der Schweiz trägt, wie kaum ein anderes, der Schauplatz des merkwürdigsten Wechsels der Bevölkerung gewesen ist, welche im Laufe von etwa zwei Jahrtausenden, nicht grösser ist nämlich der Zeitraum, den die Geschichte dieser Gebirgsgegend umfasst, den Boden theils friedlich bebaute, theils verheerend durchstreifte. Von Norden und Süden her zog eine Reihe von Geschlechtern in diese Thäler ein, die in Absicht auf körperliche und geistige Anlagen, auf Sprache und Gesittung, auf Lebensweise und Religion von einander völlig verschieden, nachdem sie ihre Vorgänger verdrängt, oder sich mit ihnen vermischt hatten, höhere Bildung hieher verpflanzten, oder aber die Errungenschaften der frühern Besitzer mit Gewalt vertilgten und nur langsam die Keime einer eigenthümlichen Kultur entwickelten. Aus diesem Grunde hat auch, da keines dieser Völker verschwunden ist, ohne Erinnerungen seines einstigen Daseins und Wirkens zurückzulassen, kaum ein Land von dieser Ausdehnung eine solche Mannigfaltigkeit historischer Monumente aufzuweisen. Wenn auch noch nicht ausgemittelt ist, ob die Kelten, die ersten geschichtlich bekannten Ansiedler in dem diesseits der Alpen gelegenen Theil unsers Vaterlandes, den von ihnen eingenommenen Boden herrenlos gefunden haben, oder ob, wie viele Alterthumsforscher annehmen, die Steindenkmäler (Steinsatzungen) von einem frühern Geschlechte aufgerichtet worden sind, so ist doch aus den neuesten Entdeckungen in den schweizerischen See'n sicher erkannt worden, dass ein Stamm dieses Volkes in denselben Thälern, wo er später den Höhepunkt seiner Bildung erstieg, auch das erste Stadium seiner Entwickelung, das Jägerleben, durchlaufen hat, und in diesem mit Hausthieren und mit dem Eisen, diesem mächtigen Hebel der Kultur völlig unbekannt gewesen ist. Eine Reihe glücklicher Entdeckungen haben uns mit den Wohnungen, mit dem häuslichen, landwirthschaftlichen, kriegerischen Geräthe, mit dem Münzwesen dieses Volkes bekannt gemacht, und die Eröffnung seiner Grabstätten, in denen es viele Produkte seines Kunstfleisses niederlegte, liefert uns fortwährend neue, überraschende Beweise seiner Geschicklichkeit im Erzgiessen und in der Verfertigung von Schmucksachen aus Glas und verschiedenen Metallen. Zu gleicher Zeit, als keltische Stämme den nördlichen Theil des Landes inne hatten, wohnte in einigen Theilen des Alpengebirges und an dessen südlichem Abhang ein Volk etruskischer Abkunft. Ob dieses als der ursprüngliche Besitzer der genannten Gegenden zu betrachten sei, oder ob es, von andern Völkern gedrängt, hier Zuflucht suchte, und in der schon vorhandenen Bevölkerung aufging, ist unmöglich zu entscheiden. Verschiedene Gold- und Silbermünzen, welche uns die Namen einiger Häuptlinge aufbewahren, ferner einige bronzene Götterbilder und ein Grabstein, dessen Inschrift noch nicht gedeutet worden ist, sind die einzigen bis jetzt in der Schweiz entdeckten etruskischen Monumente. In wie fern die Rätier, deren Gebiet sich in frühester Zeit nicht nur über den östlichen Theil unsers Vaterlandes ausdehnte, sondern, wie die Gebirgs- und Ortsnamen deutlich beweisen, dem Hochgebirge entlang bis an den Genfersee sich hinzog, 1) mit den Etruskern stamm- und sprachverwandt waren, ist noch wenig aufgehellt. Leider besitzt die Alterthumskunde keine anderen Erinnerungen an diess Volk, das in der Geschichte sich so bemerkbar gemacht hat, als sprachliche, und zwar einzig in der Form von Ortsnamen. Die schwierige Aufgabe der Sprachforscher besteht gegenwärtig in der Ausscheidung der rätischen Namen aus dem bunten Vorrathe dieser zwar lebenszähen, aber abgeschliffenen Münzen nicht unähnlichen, Sprachdenkmäler keltischen und lateinischen Ursprungs. Alle genannten Völker mit ihren verschiedenen Sprachen und Kultureigenthümlichkeiten gingen nach kürzerem oder längerem Kampfe unter, als das Volk, das vom Schicksal bestimmt war, eine Zeit lang die Herrschaft der Welt zu übernehmen, und diese geistig umzugestalten und mächtig zu heben, seine Eroberungen diesseit der Alpen ausdehnte. Wenn die Ruinen der Städte Aventicum, Augusta Rauricorum, Vindonissa und mehrerer kleinerer Ortschaften deutlich beweisen, dass auch in unserem Lande römische Lebensweise einen hohen Grad von Ausbildung erreicht, sogar eine gewisse äussere Pracht entfaltet hat, so liefert von dem weit fortgeschrittenen Anbau des Bodens die grosse Zahl von landwirthschaftlichen Villen, womit die ganze ebene Schweiz bedeckt war, ein rühmliches Zeugniss. Nach dem Sturze der römischen Herrschaft, und dem Untergange so viel grosser und herrlicher Werke, kurz alles dessen, was von italischer Gesittung unserm Lande zu gut gekommen war, nahmen drei germanische Stämme, die sich an der Zertrümmerung des römischen Reiches kräftig bethätigt hatten, die Allemannen, Burgunder und Langobarden, von den verschiedenen Theilen des Landes Besitz. Von diesen stammt mit Beimischung von Ueberresten der frühern Einwohner die jetzige Bevölkerung ab. Mit Ausnahme des rätischen Hochgebirges und der westlichen und südlichen Theile des Landes, in denen die lateinische Sprache in drei verschiedenen Formen sich behauptet hat, ist germanische Sprache und germanisches Wesen überall zur bleibenden Herrschaft gelangt. Seit den sturmvollen Zeiten der Völkerwanderung sind diese letzten Eroberer in unangefochtenem Besitze der von ihnen damals eingenommenen Landestheile geblieben und in ihren langsamen aber sichern Fortschritten zu höherer Kultur durch kein äusseres Ereigniss wesentlich gestört worden. Die Verwüstungszüge der Ungarn im zehnten Jahrhundert, welche so viel Unglück über Europa brachten, haben die Schweiz nur an der nördlichen Grenze berührt, und sich in diesem Lande einzig nur durch die Massregeln, welche die Einwohner in der Befestigung der Städte und der Erbauung von Burgen zur Abwehr des gefürchteten Feindes ergriffen, bemerkbar gemacht. Von grösserem Interesse dagegen wenn auch ebenfalls nicht von nachhaltigem Einflusse auf den damaligen Zustand, ist wegen ihres fremdartigen und ganz eigenthümlichen Charakters das Erscheinen kühner auf Beute und Abenteuer ausgehender Schwärme von Sarazenen, welche, gleichzeitig mit den Ungarn auftretend, von Süden her unser Land bedrängten, und einige Theile desselben, nämlich das Alpengebirge mit seinen Uebergängen und den anstossenden Thälern, Raubrittern gleich, 1) Die Namen Brienz, Stans, Fluelen, Glaris, Zug, Saas, Lax, Lens, Nax, Spiez, Ems, Gambs, Glis, Viesch, Visp, Chippis, Vex und eine grosse Zahl anderer, welche im eigentlich rätischen Gebiet vorkommen und in gleicher Form im Gebirge westlich von den Quellen des Rheins wiederkehren, beweisen die hier ausgesprochene Ansicht. Benennungen keltischen Ursprungs, die mitten unter den genannten sich finden, wie Thun, Sedunum, Brieg und andere und solche von romanischer Herkunft wie Saxeln, Gesteln oder Castels, Tschingeln etc. etc. lassen sich ohne Mühe ausscheiden. Wir verweisen übrigens auf Steub's sehr beachtenswerthe neueste Forschungen. mehr als ein halbes Jahrhundert besetzt hielten. Da sich die Erinnerung an dieses merkwürdige Ereigniss in verschiedenartigen Denkmälern, die wir hier zusammen zu stellen vorhaben, erhalten hat, so wird es nicht überflüssig sein, der Betrachtung derselben eine kurzgefasste Schilderung der Unternehmungen dieses Volkes, so weit sich dieselben auf unser Land beziehen, vorangehen zu lassen. ,,Nach dem unerforschlichen Rathschluss Gottes so erzählt Liudprand geschah es, dass um's Jahr 891 zwanzig Sarazenen, die in einem kleinen Fahrzeuge von der hispanischen Küste abgesegelt waren, wider ihren Willen vom Wind nach dem Golf von St. Tropez in der Provence verschlagen wurden. Diese landen dort, nach Seeräuber-Art, bei nächtlicher Weile, schleichen sich in den Flecken ein, ermorden die christlichen Bewohner, bemeistern sich des Ortes, und richten den daran stossenden Berg Maurus zu einer Zufluchtsstätte ein, um daselbst vor den benachbarten Völkern sicher zu sein. Damit aber das dornige Gebüsch, womit der Berg besetzt ist, zu ihrem Schutze noch höher und dichter werde, bedrohen sie einen Jeden, der auch nur Einen Zweig davon abschneiden würde, mit dem Tode durch das Schwert. So verschwanden alle Zugänge bis auf einen einzigen, sehr engen Pfad. Dieser Ort, den sie Fraxinetum 2) heissen, wird von der einen Seite vom Meer umschlossen, von der andern von so dichtem Wald, dass, wer diesen betritt, durch die krummen Zweige aufgehalten, und von den scharfen Spitzen der Dornen durchbohrt, ohne grosse Anstrengung nicht im Stande ist, vorzudringen, oder zurückzukehren. Auf die Unzugänglichkeit dieses Ortes vertrauend, durchstreifen sie heimlich die Gegend ringsumher. Auch senden sie Boten nach Hispanien, um noch möglichst viele der Ihrigen herbeizurufen; sie rühmen ihnen den Ort, und verheissen ihnen, dass die benachbarten Völker für Nichts zu achten seien. In Kurzem kamen die Boten mit nur hundert andern Sarazenen zurück, die sich von der Wahrheit dieser Angaben überzeugen sollten. Die Unternehmungen der Sarazenen wurden besonders dadurch begünstigt, dass gerade damals unter den provençalischen Grossen Uneinigkeit und Feindschaft herrschte, dass Einer den Andern beraubte, und auf alle erdenkliche Weise schädigte. Um ihrem gegenseitigen Hasse genug zu thun, rief ein Theil, um den andern völlig zu vernichten. die listigen und treulosen Sarazenen zu Hülfe. So geschah es, dass diese Eindringlinge, indem sie klug die Zwietracht der Einwohner benutzten, und dabei beständig neue Kräfte aus Hispanien an sich zogen, nunmehr furchtlos im Lande herumstreiften, raubten und mordeten, und die so fruchtbare Gegend in eine Einöde verwandelten.“ Diess der wörtliche Bericht eines gleichzeitigen Geschichtschreibers 3) über das erste Auftreten der Sarazenen an der provençalischen Küste und über die Natur der Bergveste Fraxinetum, welche während der vieljährigen Dauer ihres Aufenthaltes in diesem Theile Europa's der Mittel- und Stützpunkt ihrer Unternehmungen blieb, von WO aus sie in kleineren oder grösseren Haufen die Gegenden im Süden und Osten der Meeralpen heimsuchten, bis sie durch den Schrecken, der ihrem Erscheinen voranging, und das Bewusstsein ihrer Tapferkeit kühner geworden, viele Tagereisen weit auf Beute ausgingen, und, wenn sie keinem kräftigen Widerstande begegneten, reiche Klöster, die Sitze der Edelleute und unbefestigte Städte ausplünderten und schonungslos zerstörten. 2) Garde-Frainet im Golf von St. Tropez. 3) Antapod. I. 2, 3. Pertz Mon. V. 275. Uebersetzung von Freiherrn v. d. Osten-Sacken. Es geht aus den Berichten der Schriftsteller jener Zeit deutlich hervor, dass diese Unternehmungen durchaus keinen politischen Charakter an sich trugen, dass sie nicht den Zweck hatten, die Herrschaft der spanischen Araber zu vergrössern. Es war auch nicht auf eine eigentliche Unterwerfung des Landes denn hiefür war die Zahl der Fremdlinge nicht gross genug - abgesehen. Das Ziel ihrer Bestrebungen ging einzig dahin, so viel Gold und Kostbarkeiten als möglich in ihrem Raubschloss Fraxinetum, wohin sie sich beständig den Rückzug offen behielten, aufzuhäufen, und wenn Alles ausgeplündert wäre, oder das Kriegsglück ihnen untreu werden sollte, auf den Schiffen, die immer im Golfe in Bereitschaft standen, mit ihren Schätzen nach Spanien zurückzukehren. Dass der Khalif von Spanien mit diesen Abenteurern in Verbindung gestanden, und ihnen zur Verwirklichung grösserer Pläne habe Unterstützung zukommen lassen, scheint durchaus nicht der Fall gewesen zu sein. -- Zu welcher Zeit die Sarazenen die Alpen überschritten und in Italien eindrangen, lässt sich aus den höchst unbestimmten und sparsamen Angaben nicht ermitteln. Diess Ereigniss muss jedenfalls schon in den ersten Jahren des zehnten Jahrhunderts stattgefunden haben. Die Chronik des einstigen Klosters Novalese1) in der Nähe von Susa am Fusse des Mont Cenis hat uns einige Bemerkungen über die Wanderungen der Sarazenen mit Angabe des Jahres 906 aufbewahrt. Vor diesem Jahre, heisst es, hätten dieselben bereits die Provence, Burgund, Cimella (die Umgegend von Nizza) und das subalpinische Italien mit Mord und Brand heimgesucht. Sicher ist es, dass sie in dem genannten Jahre den Mont Cenis überstiegen und somit sich die Thore nach Savoyen und der Schweiz öffneten. Am Fusse dieses Berges lag die Abtei Novalese, damals ein ansehnliches, reiches Kloster. Als die Mönche, denen die Raubgierde und Grausamkeit der Sarazenen nur zu gut bekannt waren, von dem Anmarsche dieses Volkes hörten, packten sie die Schätze ihres Klosters und unter diesen auch eine beträchtliche Bibliothek in aller Eile zusammen, und brachten sie nach Turin in Sicherheit. Kaum waren sie abgezogen, so nahmen die Feinde von demselben Besitz, und, nachdem sie es völlig ausgeplündert hatten, steckten sie die Kirche und die übrigen Gebäude in Brand. Zwei greise Mönche, die zur Bewachung des Klosters zurückgeblieben waren, fielen den Sarazenen in die Hände und wurden misshandelt. Zu dieser Zeit waren die ausgedehnten Länderstriche vom Po bis an die Rhone der Schauplatz ihrer Ueberfälle und Verwüstungen. Piemont und die Provence, aber auch die Dauphiné, Montferrat, die Tarentaise wurden jedes Jahr mehr oder weniger heimgesucht und durch Brandstiftung geschädigt. Die Jahrbücher jener Zeit erzählen schauerliche Geschichten, wie sie Kaufleute und Pilgerschaaren überfallen, ausgeplündert, und diejenigen Personen, welche sich zur Wehr setzten, gemordet hätten. Vornehme Herren, namentlich hohe Geistliche, welche nach Rom gehen oder ihre Kirchensprengel bereisen wollten, befanden sich am meisten in Gefahr, weil von ihnen Kirchengeräthe, aus edlen Metallen verfertigt, und andere Kostbarkeiten als Lösegeld zu erpressen waren. In den Dörfern raubten sie nicht nur Vieh, und was sonst Werth hatte, sondern auch Menschen beiderlei Geschlechtes, die sie dann nach den Seehäfen zu Markt brachten und als Sklaven verkauften. Aber auch Städte wurden angegriffen, gebrandschatzt, und wenn die Sarazenen, was nicht selten geschah, einen Kampf bestehen mussten, und dabei Leute verloren, angezündet. Handel und Verkehr zwischen 4) Pertz Mon. S. S. VII. 108. |