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Empfindlichkeit haben möchte — und hat sich weder Kaiser Joseph noch Kaisei Leopold! wollen dazu bereden lassen, so groß ist die Liebe des GrzhouseS gegen die Armuth."

So blieb es noch unter Carl VI., unter Maria Theresia bis auf die Zeiten Joseph's II.

Der preußische Großkanzler Fürst, der 1754 in Wien war, berechnete die Einkünfte Oestreichs auf mehr als 4V Millionen. Es war sehr schwer, vielleicht unmöglich, das Budget, das bis auf Maria Theresia stets in Confusion war, genau anzugeben. Seit Maria Theresia stiegen die Einkünfte ums Doppelte. Schlözer berechnete sie zu seiner Zeit unter Maria Theresia nach ihren Kriegen auf 82 und Vüsching (1770) -auf 80 Millionen Kaisergulden. So viel war gewiß: es war jederzeit kein Geld da, wenn es gerade am nolhigste» war.

Durch die Verschwendungen und Betrügereien, durch die Unzahl von Sinecurcn, durch den Schwann von Glücksrittern, Abcntheurern und vornehmen und gemeinen Bettlern, der in Wien sich herumtrieb, durch die Masse von hohen und nieder« Lakeien, die am Hofe sich behaglichst servil-jovial nährten, kam in Wien ein wahres Schlaraffen- und Phäikenlebcn auf und in den Strudel desselben wurde das ganze Volk hineingezogen. Essen und Trinken, Theater, Tanz, Musik und freie Hand im Vergnügen in und außer der Ehe wurden die Elemente, aus denen sich dieses leichtsinniggutmüthige, fast burleske Wiener Leben zusammensetzte. in welches sich Hof und Adel in ihrer und die Bürger wieder in ihrer Weift Heilten.

Ich Hab« schon oben angeführt, wie höchst ehr» b»i» gravitätisch der Kaiserhof sich seineu getreuen Un» lerthoncn präsentirt habe. Unter allen deutschen Höfe» hielt sich, um der Würde des allerhöchsten Reichsoberhaupts nichts zu vergeben, der Kaiserhof zu Wien — äußerlich — am längsten fern von dem Eindringen des französischen Wesens. Das spanisch »italienische Wesen blieb hier, — äußerlich, sichtbar, in Sprache und Kleidung, — fortwährend vorschlagend. Es do» minirte den Wiener Hof unabänderlich fort und fort die von den Tagen Earl's V. her datirende gravitä» lisch-steife spanische Grandezza in Eeremoniel und Ell» leue. — Aeußerlich, sichtbar, ward erst dann man» ches anders, als die französisch redenden Lothringer lamen und Kaunitz, der mehr Franzose als Deutscher war, wenigstens es sein wollte.

Man darf aber gar nicht glauben, daß nicht längst, längst schon vorher die französischen Galanterieen »m Hofe zu Wien eingedrungen seien und die alte deutsche Ehrbarkeit verdrängt hätten. Das geschah schon zu derselben Zeit, wo es an anderen deutschen Höfen geschah, nur nahmen die galanten französischen Sitten am Kaiseihofe einen weit verhüllteren Auftritt «ls anderswo in Deutschland. Unter dem spanischen Mantel der Bigotterie ward schon unter der stattlichen Eleonore Gouzaga, der Wittwe Ferdi»and's III. und Stiefmutter Leopolds, die noch tie große Türkenbelagerung Wiens erlebte, in der Hof» bürg in Wim, in der alten Fauorite, wo ihre Residenz war, und in Larenburg, wo die Frühjahrssaison abgehalten ward, ein eben so galantes Leben als an anderen Höfen geführt. In Massen war der ostreichische Adel nach dem dreißigjährigen Kriege in der fünfundzwanzigjährigen Friedenszeit bis zum ersten Krieg mit Ludwig XlV. und dann wieder in der zehnjährigen Friedenszeit zwischen dem Nymweger und Ryswicker Frieden nach dem Venusberg in Paris hin gepilgert und mit überreicher Belehrung, in alle Debauchen desselben eingeweiht, nach der Heimath zurückgekehrt. Die Herzogin von Orleans schreibt unter andern ausdrücklich, daß ihr ihr Bruder Carl Lutz, der die Türkenkriegc in Ungarn mitgemacht hatte und 1639 in Morea gefallen war, vertraut habe, wie ganz Oeftreich von der neuen französischen Mode voll sei < die jungen Männer als Jungfrauen anzusehen und sie „die Damen agilen" zu lassen. „Meint Ihr, liebe Ännelisc, schreibt sie unterm 3. September 17U8 aus Meudon an ihre Schwester, die Raugräsin, daß in der Armee (die Oestrcicher standen am Rheine damals) nicht auch viel böse Buben sein, so dieselbe Inclination haben, wie die Franzosen, wenn Ihr das glaubt, betrügt Ihr Euch sehr. Carl Lutz hat mir auch verzählt, daß ganz Oeftreich voll von solchen Lastern ist." Das schöne Schwarzköppel Carl Lutz mußte mit Gewalt der ihm zugemutheten Begehrlichkeiten sich erwehren. Wie allgemein selbst in den höheren und höchsten Kreisen diese neue französisch« Mode war und blieb, beweisen die anderweiten Zeugnisse der

HlWin, die sie über den Oblifthofkanzler Sinzen» ins, »ls er Tnvov« in Paris war, und selbst über im großen Prinzen Eugen, als er den geistlichen Hülit quittiNe, beibringt.

Fürst Lobkowitz war entschieden darauf aus» gegangen, französischer Sprache und französischer Sitte das Uebergewicht in Ocftrcich über die spanisch»schein» heilige Grandezza zu verschaffen. Die Reaetion, die Lobkoiritz stürzte, und die von der tyrolischen Gemah« lin Leopold's, der Kaiserin Claudia, deren Galan« imen cr durchhechelte, und von den Jesuiten ouöging, die Verbindung mit den beiden ketzerischen Seemächten, die das Fundament der Politik Oestrcichs seitdem wurde, l« Kriege mit Frankreich, vie Türkenbelagerung Wiens, w in den letzten Zeiten Leopold's bis ins Chinesische hin getriebene Ceremoniel» Versteifung des Kaisers, die übertriebene Devotion seiner dritten Gemahlin, der neu« luigischen Eleonore — alles das hielt äußerlich, sichtbar am Wiener Hofe französisches Wesen ganz ent« schieden fern und nieder. Die galanten Sitten Frank»eichz aber wucherten im Geheimen um so verführen» schn ftrt und nahmen nur nach und nach das durch die spezifisch katholische religiöse Tingirung des östrei» chischen Kaiserftaats auf der einen und die Nachbar« schaft des Orients mit den spezifisch muhamedanischen Freuden ganz eigenthümlich gefärbte Wesen, jenes ins mzendste clair obscur getauchte Wiener Colorit an, das sehr reelle und deliciöse stille Vergnügungen bot, bis uf die Tage von Gentz und Metternich herunter. Kaiser Joseph I. war schon ein Herr, der die Franzosen persönlich sehr gern um sich hatte, wie denn der französische Gesandte Villars ein bei ihm sehr beliebter Mann war. Abgesehen davon, daß er mit den Franzosen, die dem Hause Habsburg Spanien neh» men wollten, sehr ernsthaft Krieg führte und, um die Würde und Gravität eines deutsche» Kaisers aufrecht zu erhalten, das strengste spezifisch spanisch-deutsche Hofccremonicl, das es nur jemals gab, aufrecht erhielt, war Joseph im Uebrigen ganz ein Herr nach der neuen Mode, der alle Galanterien eines französischen vollendeten Cavaliers trieb. Und der letzte Habsburger Oestreichs vollendet« die Nachahmung der berühmten französischen Hof-Mode so vollständig und so sichtlich, daß er, wie aller Welt bekannt war, die spanische Althann mit Gutheißung sseiner Jesuiten sich als Hl»llre88e en lilre zu.der schönen und auch geliebten Elisabeth von Vrauinschweig zuhielt — eben so wie der erste König von Preußen damals die Kolbe» Wartenberg zu der schönen und geistreichen Charlotte von Hannover. Der Hofkanzler Sinzendorf war ein durch und durch französisch parsümirter Cavalier, der an der Tafel und am Spieltisch, in den Salons und in den Boudoirs seinen Mann trotz der« galantesten Franzosen stellte. Und selbst einer der verftaubtesten Haarbeutel aus der Hoflanzlei, der aktenselige steife Vartcnstein, war so ertrunken französisch, daß einmal der englische Gesandte Robinson von ihm schrieb: „Iie i» Oencll mull."

Lady Montague, die Wien im Jahre 1716 sah, siel namentlich das ungeheure Phlegma auf, das

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