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Vorrede.

Der Zwed vorliegender Ausgabe der Verwandlungen Dvids ist, dieses altrömische Dichtwerk nach dem jeßigen Standpunkte der Kritik in der Ursprache berichtigt, finn-, wort- und maßgetreu übersegt und in allen nicht schon durch die Überseßung deutlich gewordenen Veziehungen erklärt, literarisch wie allgemein gebildeten Freunden des classischen Alterthums vorzulegen und zugleich lernenden auf Gymnasien das Verständniß des Dichters zu erleichtern.

Seit gerade zweihundert Jahren, wo der Holländer Nicolaus Heinsius, ebenso reich mit einer Fülle äußerer Hülfsmittel versehen, wie mit umfassender Gelehrsamkeit, durchdringendem Scharfsinne, dichterischem Geiste und feinem Geschmacke ausgestattet, den Tert der Metamorphosen säuberte, fichtete und neu wiederherstellte, aber auch vielfach zu weit gieng, überall das Seltenste und Seltsamste vorzog und besondere Liebhabereien, selbst auf Kosten der Wahrheit in Angabe der handschriftlichen Lesarten, verfolgte, und nach ihm der gleichfalls Holländische Gelehrte Peter Burmann, obwol weniger begabt, ganz in derselben Weise verfuhr, ist bis auf die neuesten Zeiten für die Berichtigung des Tertes Wenig oder Nichts geschehen. Sei es, daß man eine übertriebene Ehrfurcht vor den Namen Heinsius und Vurmann hegte und ein blindes Vertrauen in diese Päpste der Kritik feßte, oder daß

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gerade der Reichthum der Quellen, wie er kaum für irgend ein anderes Werk des Alterthums fließt es sind nicht weniger als anderthalbhundert Handschriften der Metamorphosen, ohne die alten Drucke und andere Hülfsmittel zu rechnen, vorhanden von der Durchforschung derselben abschreckte : man nahm den Heinsius - Burmannschen Tert als abgeschlossen und unantastbar an und auf; und so große Verdienste fich der Franzoselemaire, besonders aber die deutschen Gelehrten Gierig und Bad), auch Baumgarten - Crusius u. A. m., sich um das Verständniß und die Erklärung des Dichters erworben haben, so sind doch auch sie mit wenigen Ausnahmen dem Hergebrachten treu geblieben und haben oft selbst gegen ihre bessere Überzeugung das Vorgefundene nicht anzutasten gewagt. Erst Jahn und nach ihm lörs und neuerdings Merkel haben sich einer neuen Durchforschung der Quellen, soweit sie ihnen zugänglich waren, unterzogen, den Tert von den wenig oder schlecht begründeten Lesarten und willkürlichen Änderungen Heinsiussens gereinigt und die Urschrift in ihrer Ächtheit möglichst herzustellen sich bemüht, wobei aber der Lektgenannte, soviel Treffliches er auch theils durch gewissenhafte Benußung der ihm zu Gebote stehenden Hülfsmittel, theils durch scharfsinnige und größtentheils glückliche Vermuthungen geleistet, doch wieder mehr und öfter, als zu wünschen gewesen wäre, mit Heinsius geht; vielleicht daher erklärlich, daß es ihm möglich war, aus gleichen Quellen zu schöpfen, ohne daß es der Leser an den einzelnen Stellen erfährt. Ungeachtet dieser bedeutenden Leistungen aber konnte der neue Herausgeber die Kritik des Tertes nicht als abgeschlossen betrachten und sich daher einer abermaligen Prüfung und Beurtheilung desselben nicht entziehen, da rücksichtlich der aufgenommenen Lesarten und Vermuthungen weder zwischen Jahn und Lörs untereinander, noch insbes sondere zwischen diesen beiden Gelehrten und Merkeln Übereinstimmung herrscht, und der Herausgeber über manche Stellen wieder andere Ansichten hat als theils diese, theils alle früheren Kritiker. Dazu kam,

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daß ihm in einer Handschrift der Landesbibliothek zu Dresden eine noch kaum gekannte, geschweige denn gehörig benußte Quelle zu Gebote stand, die theils gekanntes Gutes bestätigt, theils selbst Neues bietet. *) überall aber ist der von uns gegebene Tert, wo er von dem HeinsiusBurmannschen abweicht, er mag nun mit dem von neuern Kritifern gegebenen übereinstimmen oder nicyt, oder wo er etwa mit jenem überein: flimmt, von diesem dagegen abweicht, in den Anmerkungen ausdrücklich begründet, da uns die bequeme und vornehme Weise, mit welcher man nicht selten die Kritik durch ein bloßes bene oder male oder gar durch gänzliches Schweigen über das Gegebene oder Verworfene geübt findet, von jeher äußerst zuwider gewesen ist und wir lieber für manche Leser Entbehrliches sagen, als viele unbefriedigt lassen wollten. Nur wo die Gründe von selbst in die Augen sprangen oder der Gegenstand zu unbe: deutend schien, ist die Begründung der Aufnahme und Verwerfung uns terblieben und schien die bloße Angabe der Lesarten unter dem Terte hinreichend, aber doch auch nöthig, um dem für diesen Theil des Werkes fich interessirenden Leser zwar nicht einen vollständigen kritischen Apparat, der nicht in unserer Absicht lag, aber doch eine Übersicht des Wichtigsten, das durch Aufnahme in eine der bekannteren Ausgaben eine Art von Bürgerrecht erlangt hat, zu gewähren und der lernenden Jugend Stoff und Gelegenheit zu Übung und Bildung des eigenen Urtheils zu bieten.

*) Die Landesbibliothek zu Dresden besikt sechs, unter den von Lörs auf. geführten 144 nicht befindliche Handshriften der Metamorphosen, von welchen jedoch dem Herausgeber wegen Mangels an Zeit und weil niemals mehr als eine auf einmal ausgegeben wird, leider blos cine, mit D 143 bezeichnet, die ihm die werthvollste zu sein (dyien, und deren Lesarten nady einer Notiz Dran: dorfs auf dem Schmußblatte des Einbandes Heinsiussen nicht unbekannt gewejen sein sollen, zu benußen möglich war, die in dieser Ausgabe als Dresdner Hdschrift A angeführt ist. Die übrigen fünf gedenft der Herausgeber später zu vergleichen und die Ergebnisse entweder als Anhang zu dieser Ausgabe oder sonst auf geeignete Weise bekannt zu machen.

Ohne dichterische Übersebung oder Wiedergeburt in der Muttersprache gewährt ein in fremder Sprache abgefaßtes Gedicht, mag es im Original noch so schön und vollendet sein, nur einen unvollfommenen Genuß. Daher las der Herausgeber nicht leicht ein Dichtwerk in fremder Sprache, ohne es in dichterischer Form zu übersegen; und besonders erklärte er als Lehrer feinen Griechischen oder Lateinischen Dichter, ohne die Schüler von dem Gelesenen metrische Übersegung versuchen zu lassen und nach Anhörung und Beurtheilung derselben selbst eine gute Überseßung vorzulesen. Zu diesem Zwecke stand ihm nun von den Verwandlungen Ovids, deren Erklärung zu seinen stehenden Unterrichtsgegenständen gehörte, keine zu Gebote als die Vosfische. Diefelbe hat jedoch, abgesehen davon, daß sie nicht das ganze Gedicht, sondern nur eine Auswahl einzelner Stücke und diese mit selbstgemachten Anfängen giebt, gleich so mancher anderen Überseßung dieses sonst um das Verständniß altclassischer Dichter hochverdienten Gelehrten, feineswegs denselben Ruhm der Classicität erlangt, wie seine Überseßung der Homerischen Gedichte, ist im Gegentheile neben manchem Gelungenen und Treffenden im Ganzen hart, oft steif bis zur Lächerlichkeit und schwerfällig bis zur Unverständlichkeit. Daher und aus besonderer eigenen Neigung überseßte ich selbst jedesmal das behandelte Stück, um eg den Schülern vorzulesen. So entstand größtentheils die vorliegende Übers segung, die ich bei jeder Wiederholung desselben Abschnitts, dergleichen während einer langjährigen amtlichen Wirksamkeit nicht so selten war, von Neuem prüfte, feilte und nach allen Seiten hin zu verbessern bemüht war. Inzwisdhen erschien eine neue vollständige Überseßung des Gedichtes in den von Tafel, Ofiander und Schwab besorgten Überseßungen Römischer Dichter von Pfit, die von nicht gemeiner Gewandtheit des Ausdrucks zeugt und besonders den Sinn meist sehr verständlich wiedergiebt, aber nicht selten sehr prosaisch ausgefallen, dabei, abgesehen von untergelaufenen Unrichtigkeiten, ebenfalls nicht frei von Härten

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