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Jeßt auch hatte den Mund, von dem triefenden Barte bethauet, 340 Raum sie berührt, und, geschwellt, geblasen gebotenen Rückzug ;

Wird von den Wellen zumal sie vernommen des Landes und Meeres :
Und von welchen vernommen sie ward, die zähmte sie alle.
Nieder sinfet die Fluth, und Hügel sieht man hervorgehn ;

Schon hat Ufer das Meer, schon volle Ströme das Flußbett; 345 Boden ersteht, und es hebt sich der Raum durch den Fall der Ge

wässer ; Und nach längerer Frist nun strecken die Wälder entblößte Gipfel hervor und haben noch Schlamm in den Zweigen behalten.

Hergestellt ist die Welt. Doch als er leer sie erblickte
Und die entvölferte Erd’ in tiefes Schweigen versunken,
350 Spricht Deucalion so mit entstürzenden Thränen zu Pyrrha :

Schwester, Chegemahl, o Weib, allein noch am Leben,
Welche gemeinsamer Stamm und blutóverwandte Geburt mir,
Dann das Lager vereint, jetzt selber Gefahren vereinen,

Auf der Erde umher vom Untergang bis zum Aufgang 355 Sind wir das ganze Geschlecht; all Andres verschlangen die Wellen.

Und noch immer ist nicht die Bürgschaft unseres Lebens
Sicher genug; es schreckt das Gemüth noch immer Gewölke.
Wie, wenn ohne mich dem Tode entrissen du worden,

Würde dir Armen zu Muth jeßt sein? Wie würdest die Furcht du 360 Rönnen ertragen allein ? Wer sollte im Schmerze dich trösten?

Denn ich, glaube es mir, wenn dich auch verschlungen die Fluthen,
Folgte, o Gattin, dir nach, und mich auch verschlängen die Fluthen.
O wenn wieder ich doch herstellen mit Künsten des Vaters

Rönnte die Völker und Seel' einhauchen gebildeter Erde ! 365 Jeßt ist übrig nur noch in uns Beiden die menschliche Gattung.

So war’s Götterbeschluß, wir bleiben der Sterblichen Urbild.
Sprach's, und sie jammerten laut. Da beschlossen das göttliche

Wesen
Anzugehn fte und Nath zu erflehn durch heiligen Ausspruch.

Ohne Verzug hingehn sie vereint zur Fluth des Cephissus, 370 Zwar durchsichtig noch nicht, doch schon im bekannten Gerinne.

Inde ubi libatos irroravere liquores
Vestibus et capiti, flectunt vestigia sanctae
Ad delubra deae, quorum fastigia turpi

Pallebant musco, stabantque sine ignibus arae. 375 Ut templi tetigere gradus, procumbit uterque

Pronus humi, gelidoque pavens dedit oscula saxo.
Atque ita : Si precibus, dixerunt, numina iustis
Victa remollescunt, si flectitur ira deorum :

Dic, Themi, qua generis damnum reparabile nostri 380 Arte sit, et mersis fer opem, mitissima, rebus.

Mota dea est, sortemque dedit: Discedite templo,
Et velate caput, cinctasque resolvite vestes,
Ossaque post tergum magnae iactate parentis.

Obstupuere diu, rumpitque silentia voce
355 Pyrrha prior, iussisque deae parere recusat,

Detque sibi veniam, pavido rogat ore, pavetque
Laedere iactatis maternas ossibus umbras.
Interea repetunt caecis obscura latebris

Verba datae sortis secum inter seque volutant. 390 Inde Promethiades placidis Epimethida dictis

Mulcet et: Aut fallax, ait, est sollertia nobis,
Aut pia sunt nullumque nefas oracula suadent.
Magna parens terra est, lapides in corpore terrae

Ossa reor dici. iacere hos post terga iubemur. 395 Coniugis augurio quanquam Titania mota est,

Spes tamen in dubio est. adeo coelestibus ambo
Diffidunt monitis. sed quid tentare nocebit?
Discedunt velantque caput tunicasque recingunt,

Et iussos lapides sua post vestigia mittunt. 400 Saxa, quis hoc credat, nisi sit pro teste vetustas ?

Ponere duritiem coepere suumque rigorem,
Mollirique mora, mollitaque ducere formam.
Mox, ubi creverunt, naturaque mitior illis

372 sacrae. 390 Promethides.

374 squalebant. 386 timet; cavet nach Vermuthung. 397 nocebat. 398 Descendunt.

Wie sie die Finger darauf in die Wellen getaucht und mit Tropfen
Kleider und Haupt sich besprengt; zum Tempel der heiligen Göttin
Lenken die Schritte sie jeßt. Noch war der Giebel des Tempels

Schmußig von häßlichem Tang und ohne Feuer der Altar. 375 Wie sie die Stufen berührt des Tempels, da fallen sie Beide Nieder

zur Erd’ und füssen die kalten Steine mit Zagen. Und so sprachen sie denn: Wenn Götter durch fromme Gebete Werden gerührt und erweicht, und fich wenden der Himmlischen

Zorn läßt; Sag', o gütige Themis, durch was für ein Mittel ersekbar 380 Unsres Geschlechtes Verlust, und hilf der ertrunkenen Welt auf.

Themis, gerührt, ertheilte den Spruch: Verlasset den Tempel
Und verhüllet das Haupt und löst die gegürteten Kleider.
Hinter euch dann das Gebein der großen Gebärerin werfet.

Staunend standen sie lang’; und es bricht mit Worten das Schweigen 385 Pyrrha zuerst und versagt dem Gebote der Göttin Gehorsam;

Und fie fleht um Erlaß mit bebendem Munde und schaubert,
Durch den Wurf des Gebeins zu verlegen den Schatten der Mutter.
Unterdessen bedenken sie sich die durch dunkle Verhüllung

Seltsamen Worte des Spruchs und erwägen sie untereinander. 390 Drauf mit tröstlichem Wort die Epimethide erfreuend,

Sagte Prometheus' Sohn: Mich trügt entweder mein Scharfsinn,
Oder nicht gottlos ist und räth nicht Frevel der Ausspruch.
Große Gebärerin ist die Erd', und die Steine der Erde

Werden Gebeine genannt: die sollen wir hinter uns werfen. 395 Ob durch die Deutung des Gatten auch wird bewegt die Titane,

Ist doch in Zweifel die Hoffnung ; so sehr mißtrauen des Himmels
Mahnungen Beide; jedoch was wird zu versuchen es schaden?
Weg dann gehn fie, verhüllen das Haupt und entgürten die Kleider ;

Hinter fich werfen sie dann auf den Weg die gebotenen Steine. 400 Und die Steine – unglaublich, wenn nicht es bezeugte die Vor

welt!
Fiengen die Härte an zu verlieren und ihre Erstarrung
Und erweichten zuleßt und nahmen allmälig Gestalt an.
Bald wie ste wuchsen heran und ihnen ein milderes Wesen

Contigit, ut quaedam, sic non manifesta, videri 405 Forma potest hominis, sed uti te marmore coepta,

Non exacta satis, rudibusque simillima signis.
Quae tamen ex illis aliquo pars humida succo
Et terrena fuit, versa est in corporis usum :

Quod solidum est flectique nequit, mutatur in ossa : 410 Quae modo vena fuit, sub eodem nomine mansit:

Inque brevi spatio superorum numine saxa
Missa viri manibus faciem traxere virorum,
Et de femineo reparata est femina iactu.

Inde genus durum sumus experiensque laborum, 415 Et documenta damus, qua simus origine nati.

(Python.)

Cetera diversis tellus animalia formis
Sponte sua peperit, postquam vetus humor ab igne
Percaluit solis, coenumque udaeque paludes

Intumuere aestu, fecundaque semina rerum 420 Vivaci nutrita solo, ceu matris in alvo,

Creverunt faciemque aliquam cepere morando.
Sic ubi deseruit madidos septemfluus agros
Nilus, et antiquo sua flumina reddidit alveo,

Aetherioque recens exarsit sidere limus, 425 Plurima cultores versis animalia glebis

Inveniunt, et in his quaedam modo coepta, per ipsum
Nascendi spatium, quaedam imperfecta suisque
Trunca vident numeris, et eodem in corpore saepe

Altera pars vivit, rudis est pars altera tellus. 430 Quippe ubi temperiem sumsere humorque calorque,

Concipiunt, et ab his oriuntur cuncta duobus.
Cumque sit ignis aquae pugnax, vapor humidus omnes
Res creat, et discors concordia fetibus apta est.

405 coepto. 410 quod modo. 412 virilem.

426 nata ; facta. sub

anstait per.

Wurde zu Theil, so kann es ein Umriß, aber nicht deutlich, 405 Scheinen von Menschengestalt, nur wie begonnen von Marmor,

Nicht vollendet genug und ähnlich erst rohen Gebilden.
Der Theil, welcher von ihnen jedoch feucht irgend von Saft war
Und von irdenem Stoff, verwandelt in Körperbestand sich.

Doch was fest und sich biegen nicht läßt, geht über in Knochen. 410 Was nur Ader noch war, das blieb bei gleicher Benennung.

Und nach kurzem Verzug empfiengen durch göttliches Walten
Männergestalt von den Händen des Manns geworfene Steine,
Und ward wieder erseßt das Weib von dem weiblichen Wurfe.

Daher sind wir ein hartes Geschlecht, ausdauernd in Mühsal, 415 Und wir beweisen annoch, von welcherlei Stoff wir entsprungen.

(Der Drache Python.)

Alle die andern Geschöpfe gebar in verschiedenen Formen
Von sich selber die Erde, nachdem die gebliebene Nässe
War von der Sonne erwarmt, und Morast und sumpfige Pfützen

Aufgeschwollen von Gluth. Und befruchtete Samen der Wesen, 420 Von dem belebenden Boden genährt, wie im Schooße der Mutter,

Wuchsen hervor und nahmen gemach bestimmte Gestalt an.
So, wie verlassen die Flur der siebenflüssige Nilstrom
Und sein Wasser zurück dem alten Bette gegeben,

Und von dem Himmelsgestirn der frische Schlamm sich erhişt hat, 425 Sieht zahlreiches Geschöpf beim Wenden der Schollen der Land

mann,
Und darunter ein Theil nur eben begonnen, gerade
Während der Zeit der Geburt, und andere ohne Vollendung
Ihrer Theile annoch ; und an einem Körper ist oftmals

Schon lebendig ein Theil, und rohes Land noch der andre. 430 Denn wie zur Mischung vereint sich hat die Nässe und Wärme,

Werden sie fruchtbar und Alles verbanft den beiden den Ursprung.
Und weil Feuer das Waffer bekämpft, bringt dunstiger Brodem
Alles hervor, und der Zeugung ist hold zwieträchtige Eintracht.

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