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EPUB

VIRGILS

EPISCHE TECHNIK

VON

RICHARD HEINZE

LEIPZIG

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER

1903

ALLE RECHTE, EINSCHLIESZLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN

DEM ANDENKEN

GEORG KAIB ELS

GEWIDMET

138678

Vorwort.

Dies Buch will nicht Werturteile fällen, sondern historische Tatsachen feststellen. Es fragt nicht, was Virgil gesollt und gekonnt, sondern was er gewollt hat; es sucht das Werden der Aeneis zu begreifen, soweit dies Werden als das Resultat bewußter und durch bestimmte Tendenzen geleiteter künstlerischer Tätigkeit des Dichters zu begreifen ist. Streiflichter fallen dabei freilich auch auf die Persönlichkeit des Dichters, seine Weltanschauung, die geistigen Strömungen seiner Zeit; diese Dinge habe ich berührt, wo die Fragen, die ich mir gestellt hatte, anders nicht zu lösen waren. Völlig beiseite gelassen habe ich Sprache und Vers der Aeneis: beides für die Wirkung des Gedichts von größter Bedeutung, nicht so für das Verständnis des Gedichts als epischen Kunstwerks. Dies Verständnis zu fördern lag mir vor allem am Herzen; wenn es mir gelungen ist, so wird dabei zugleich die Geschichte der poetischen Technik gewonnen haben. Wie viel auf diesem Gebiete uns noch zu tun bleibt, brauche ich nicht auszuführen; meine Arbeit hat notwendig darunter gelitten, daß die Technik der poetischen wie der prosaischen Erzählung vor Virgil bisher völlig ungenügend durchforscht ist, auch die nacharistotelische Theorie der Erzählungskunst noch ganz im Dunkeln liegt. Ich selbst habe diesen Mängeln für meinen eigenen Zweck nur zum allergeringsten Teile abhelfen können; mein Hauptbestreben mußte sein, die künstlerischen Tendenzen der Aeneis aus ihr selbst zu erschließen. An direkten Vorarbeiten gab es auch hier nicht viel; aber indirekt hatte mir ja jeder Beitrag zum Verständnis irgend eines Verses vorgearbeitet, und es versteht sich, daß ich ohne die kommentierende Tätigkeit so vieler Generationen auch meine Arbeit nicht hätte leisten können. Ich habe mich des gemeinsamen Gutes, das durch diese Tätigkeit angesammelt ist, bedient, ohne im einzelnen anzugeben oder auch nur nachzu

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